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28. August 2006, 11:30 Uhr

"Katrina"-Spätfolgen

New Orleans' verlorene Knastkinder

Aus New Orleans berichtet

Angekettet mit Fuß- und Handschellen, eingesperrt in einer Zelle, dann kam das Wasser - und die Wärter flohen. Wie 150 andere Kinder bangte Josh im Jugendgefängnis von New Orleans um sein Leben, als "Katrina" die Stadt verwüstete. Erst heute kann der Junge über das Grauen sprechen.

New Orleans - Josh braucht eine Weile, um aufzutauen. Misstrauisch beäugt er sein Gegenüber, schielt zu seiner Mutter hinüber, starrt ins Leere. Seine ersten, stockenden Antworten sind einsilbig: "Ja." - "Nein." - "Hm."

Josh mit seiner Mutter: "Ich war sicher, wir würden sterben"
Marc Pitzke

Josh mit seiner Mutter: "Ich war sicher, wir würden sterben"

Josh trägt, wie die meisten schwarzen Kids in seinem Alter, Schlabberjeans und ein übergroßes, bunt gestreiftes Polohemd. Sein Haar ist zu kurzen Dreadlocks gezupft. Wenn er spricht, zeigt er eine Zahnlücke. Josh ist 16 Jahre alt. Doch das, worüber er zum ersten Mal offen zu reden bereit ist, geschah, als er noch 15 war. Seine Odyssee begann an einem Datum, das jedem hier in New Orleans ein Begriff ist. Der 29. August 2005. Der Tag, als "Katrina" kam.

Es ist eines der letzten bisher verschwiegenen, schamvollen Kapitel aus jenen Tagen. Vieles ist inzwischen aufgerollt worden: das Versagen der Behörden, die Unzulänglichkeit der Deiche, die Ignoranz gegenüber Armen, Schwarzen, Alten. Nur das, was Josh passiert ist, darüber spricht bis heute kaum einer. Auch Josh nicht.

Rund 130.000 Kinder lebten in New Orleans, als "Katrina" die Stadt zerstörte - fast jedes zweite davon unterhalb der Armutsgrenze. Für diese Kinder war "Katrina" ein besonders schlimmes Erlebnis. Viele wurden von ihren Familien getrennt, Abertausende landeten im Superdome oder im Convention Center, wo tagelang unzumutbare Verhältnisse herrschten.

Etwa 150 Kinder erlebten "Katrina" unter noch entsetzlicheren Bedingungen: Sie saßen damals in Jugendhaft, meist wegen eines Bagatelldelikts, oft aber auch unschuldig. Von der Evakuierung übersehen und hinter Gittern vergessen, verlassen und am Ende fast verhungert, machten sie Unglaubliches durch. Viele, so Advokaten, sind so traumatisiert, dass sie bis heute nicht darüber reden können.

"Ich war ganz alleine in der Zelle", sagt Josh. "Dann begann das Wasser zu steigen. Es brodelte aus dem Abfluss im Fußboden hoch."

"Wir werden ertrinken"

Weshalb Josh, damals in der zehnten Klasse, in Jugendhaft saß, mag er nicht sagen, und es ist auch unerheblich für diese Geschichte. Seine alleinerziehende Mutter Esther - eine kleine, aufgebrachte Frau, die außer ihm noch zwei weitere Kinder hat - erklärt dazu nur, dass Josh kurz vor "Katrina" habe freikommen sollen: "Der Papierkram war fertig."

Doch dazu kam es nicht. Am Tag vor "Katrina", einem Sonntag, gab Bürgermeister Ray Nagin die Evakuierungsorder. Davon ausgenommen: das Bezirksgefängnis Orleans Parish Prison (OPP) mit seiner Jugendstrafabteilung. Deren Insassen - zu 95 Prozent Schwarze - waren oft gerade erst dorthin gebracht worden und meist noch nicht mal eines Verbrechens beschuldigt.

Als "Katrina" nahte, wurden die Kinder in Handschellen und Fußketten gelegt und ins OPP-Haupthaus verlegt, wo 6400 erwachsene Delinquenten einsaßen. Einige wurden zu Schwerverbrechern gepfercht. Andere landeten in Einzelzellen. Dann, so ermittelte die Jugendanwaltsgruppe Juveline Justice Project (JJP) jetzt in einem Bericht, hätten sich die Wärter aus dem Staub gemacht. "Sie haben uns alleine gelassen, als der Sturm kam", sagt Josh. "Ich war sicher, ich würde sterben."

Das schlackige, mit Bakterien verseuchte Wasser stieg. Josh habe aufs oberste der Etagenbetten klettern müssen. "Ich war damals ja noch nicht so groß", sagt er, eine Höhe von etwa 1,50 Metern andeutend.

Die Zeit verging. Niemand kam, sie zu retten. "Ich dachte, sie haben uns vergessen, wir werden ertrinken", sagt Josh. "Ich hatte nichts zu essen und nur einen Becher Trinkwasser. Drei, vier Tage lang. Ich konnte nicht schlafen. Mir wurde schwindelig. Mein Kopf tat weh."

Seelische Wunden klaffen bis heute

Ermittlungen des JJP bestätigen diesen Vorwurf. "Alle diese Kinder blieben bis zu fünf Tage lang ohne Nahrung, je nachdem, wann sie evakuiert wurden", sagt JJP-Direktor David Utter zu SPIEGEL ONLINE. Die letzte Mahlzeit hätten sie am Abend vor "Katrina" bekommen: Eintopf mit Wasser und Milch. Auch habe es kein Trinkwasser gegeben, weshalb viele Kinder das mit Urin und Kot verdreckte Flutwasser getrunken hätten.

Am Donnerstag, drei Tage nach "Katrina", hätten Nationalgardisten die Kinder auf eine Straßenbrücke verfrachtet, die wie eine Insel aus den Fluten herausragte. Sie seien weiter in Handschellen und Fußketten gewesen. "Die erwachsenen Häftlinge durften frei rumlaufen", erinnert sich Josh. "Wir waren angekettet."

Am Freitag mussten die Kids von der Brücke klettern und durchs Wasser zu Bussen waten. Josh wurde in ein Gefängnis nach Baton Rouge gebracht, die nächste Großstadt, wo er zwei weitere Monate einsaß, bis alle "Formalitäten geklärt" wurden. Obwohl der Richter in New Orleans seinen Freilassungsbescheid ja schon vor "Katrina" unterzeichnet hatte. Erst am 28. November wurde er mit seiner Mutter wiedervereint - 13 Wochen nach "Katrina".

Die seelische Wunden klaffen heute noch: Beide, Mutter und Sohn, sind weiterhin in psychologischer Behandlung. "Kinder sind physisch und emotional am verwundbarsten", sagt die Pädagogin Olivia Golden vom Urban Institute, die die Spätfolgen von "Katrina" auf die Jüngsten untersucht und dabei weit verbreitete Trauma-Störungen festgestellt hat.

"Hier wohnt unsere Seele"

Josh, früher ein aufgeweckter Kerl, sei still und misstrauisch geworden, sagt Esther. Er selbst sagt: "Ich gucke fern, spiele Videospiele oder telefoniere." Aus dem Haus gehe er selten, bei all den Schießereien hier. Denn in die sind meist Kids seines Alters verwickelt - und es bedarf keines Psychologen, sich das zu erklären. Ob auch er Freunde verloren habe durch die hohe Mordrate hier? Josh nickt.

Als nächstes will er die High School abschließen und dann Wirtschaft studieren - möglichst woanders, bloß nicht hier. Seine Mutter dagegen will in New Orleans bleiben, trotz all dieser scheußlichen Erinnerungen. "Dies ist doch mein Zuhause", sagt sie. "Hier wurden wir geboren. Hier wohnt unsere Seele."

Auch jemand anders will hier bleiben: Sheriff Marlin Gusman, der damals für das Gefängnis, die Zustände dort und die vergessenen Kinder verantwortlich war. Gusman wurde im Mai wiedergewählt - mit 69 Prozent der Stimmen.

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