Fotoserie über Kaugummiautomaten "Indikator für vernachlässigte Orte"

Klack - krrrrschtsch - plock. Erinnern Sie sich auch so gern an die Klänge von Kaugummiautomaten? Ein Fotoprojekt zeigt diese Wallfahrtsorte vieler Kinder - und die traurigen Plätze, an denen die Automaten hängen.

Dr. Eckart Bartnik

Ein Interview von


Sie sind an zerbröselnden Wänden und vernachlässigten Zäunen zu finden, an blätternden Hausfassaden und vor Plattenbauten. In einer Bilderserie mit dem Titel "Entzauberung" hat der Fotograf Eckart Bartnik sich eines Wallfahrtsortes unserer Kindheit angenommen: Kaugummiautomaten. Seit 2016 hat er Dutzende davon fotografiert.

Die Bilder zeigen die Automaten in ihrer oft tristen Umgebung. Ihr Inhalt hingegen - die Kaugummikugeln und Kettchen, die Flummis und Glibbermonster - inszeniert Bartnik als die Schätze, die sie uns als Kinder bedeuteten.

SPIEGEL ONLINE: Warum ausgerechnet Kaugummiautomaten?

Bartnik: Die Fotos sind Nebenprodukt eines größeren Projekts, in dem ich den Westerwald porträtiert habe. Schon damals hat mich der Gegensatz zwischen den Automaten und der oft trostlosen Umgebung, in denen sie aufgestellt sind, fasziniert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht ein typischer Ort aus, an dem ein solcher Automat hängt?

Bartnik: Es scheint mir, dass die Automaten dort zu finden sind, wo die Miete für die Aufstellung billig ist. Damit wird der Kaugummiautomat auch zum Indikator für vernachlässigte Orte. Hauswände, die selten neu gestrichen werden, heruntergekommene Orte und Durchgangsstationen. Zum Beispiel der Weg zwischen Bushaltestelle und Schule. Oder in der Nähe von Hochhäusern.

Fotostrecke

13  Bilder
Fotoserie: Tolle Kisten an traurigen Orten

SPIEGEL ONLINE: War das Projekt eine Zeitreise in Ihre Kindheit?

Bartnik: Ja. Bei meinen Streifzügen zu diesen Automaten habe ich immer wieder Kaugummis und Spielzeug gezogen, um die Sachen später zu fotografieren. Es war ein bekanntes Gefühl, diese Hebel herumzudrehen und diese Mechanik zu spüren, diese simple, robuste Technik.

SPIEGEL ONLINE: Hatte das einen Einfluss auf die Serie?

Bartnik: Das war der Grund für mich, die Objekte so darzustellen, dass sie einen anderen Charakter bekommen. Ich habe die Kaugummikugeln so fotografiert, dass sie wie Planeten aussehen. So wollte ich der kindlichen Faszination für diese Dinge gerecht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr waren Sie als Kind davon angezogen?

Bartnik: Ich habe noch in Erinnerung, wie ich mir als Kind das erste Mal etwas von meinem Taschengeld kaufen durfte. Dieses billige Zeug, komische Plastiksachen, Ringe, die einen als Kind so fasziniert haben. Aber ich weiß nicht mehr, ob das an einem Automaten war oder in einem Schreibwarenladen.

SPIEGEL ONLINE: Und heute? Haben Sie jetzt beim Fotografieren manchmal einen Kaugummi aus dem Automaten gekaut?

Bartnik: Ich habe nicht gewagt, reinzubeißen. Viele sind sehr, sehr hart.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
FocusTurnier 21.09.2017
1. Nicht gewagt, reinzubeißen.
Würde ich mich auch nicht wagen. Wie sieht es denn eigentlich mit der Befüllung dieser Automaten aus? Werden die regelmäßig kontrolliert und nachgefüllt oder lagern da womöglich noch irgendwo Kaugummi-Schätze aus den 70ern in den Blechkisten?
rainerwäscher 21.09.2017
2. Erste Realitätserfahrungen
Für mich sind diese Automaten negativ besetzt. Man fühlte sich als Kind immer betrogen, weil die begehrten Gimmicks nie rauskamen. Da hat man dann lieber eine Packung Wigleys Spearmint am Kiosk gekauft.
Hirschkuh 48 21.09.2017
3. mann,
war mir immer schlecht von den dicken bunten Bubblegums. Weil ich die Lebensmittelfarbe nicht vertragen habe.. damals waren die Kaugummis auch nicht einzeln verpackt, wie heute, und man konnte die kleine Kinderhand von unten in den Automat quetschen und manchmal einen extra Kaugummi erhaschen. Hygiene, wer dachte schon an Hygiene? - wenn der saubere Kaugummi in der klebrig-dreckigen Kinderhand war und von der in den Mund wanderte... eine schöne Kindheitserinnerung mit dem Hauch des Verbotenen.
geirröd 21.09.2017
4. Ach ja...
...in der linken Seite des Automatens für einen Groschen Kaugummi. Die rechte Seite war fast immer Tabu. Für ganze 50 Pfennig konnte man eine Kette, einen Ring oder Ähnliches erdrehen. Wie oft stand ich davor und die Blicke wanderten zwischen 50 Pfennig Stück und Automat hin und her. Ich glaube nur ein einziges Mal habe ich die 50 Pfennig investiert - und erhielt irgend etwas für Mädchen... Das habe ich nicht noch einmal riskiert.. Die Erinnerung daran ist sofort wieder präsent. Danke.
ogga243 21.09.2017
5. Kriminell...
war ich damals ;-)....wir hatten in der Grundschule grüne Plättchen zum rechnen benutzt...die passten zufällig in den Kaugummiautomaten und ich kam damit an das Objekt meiner Begierde :-) die Freude war groß und ich hatte gar kein schlechtes Gewissen ...
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