Brandkatastrophe in Kemerowo Die große Trauer, die große Wut

Wie viele Menschen starben wirklich bei dem Brand im russischen Kemerowo? Die Bürger trauen den Angaben der Behörden nicht. Präsident Putin kommt - und gibt den Kümmerer und Aufklärer.

Alexei Druzhinin/POOL SPUTNIK KREMLIN/AP/dpa

Von , Moskau


Tausende harren seit Stunden auf dem Platz vor der Regionalverwaltung in Kemerowo aus. Sie rufen "Wahrheit, Wahrheit" und "Rücktritt, Rücktritt". Die Wut nach der Brandkatastrophe im Einkaufszentrum "Simnjaja Wischnja", zu Deutsch "Winterkirsche", ist groß.

Die Menschen fordern Informationen, wollen wissen, wie viele Opfer es bei dem Feuer am Sonntag wirklich gab. Einige haben Bilder ihrer toten Angehörigen mitgebracht. 64 Menschen starben offiziellen Angaben zufolge, 41 Kinder sollen unter den Toten sein. Doch viele Leute auf dem Platz glauben, dass mehr Menschen in den Flammen und dem Rauch umgekommen sind. Der Brand hatte sich innerhalb kürzester Zeit in der vierten Etage des Einkaufszentrums ausgebreitet, das zeigen Aufnahmen einer Überwachungskamera.

Die Bewohner sind aufgebracht. Weil die Behörden ihnen nichts sagen, versuchen viele, selbst an Informationen zu gelangen - über Freunde und Bekannte, die in der Katastrophenschutzbehörde oder in einer der Leichenhallen arbeiten. In der Stadt kursieren Berichte über mehr als 200 Tote. In den drei Kinosälen des Einkaufszentrums sollen viele Besucher mit Freikarten gesessen haben. Viele Leichen sind so verbrannt, dass sie nur mit DNA-Tests identifiziert werden können.

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Kemerowo: Russen demonstrieren nach Brandkatastrophe

Auf dem Platz fangen die Verwandten an, selbst eine Liste der Opfer zu erstellen. Eine Initiativgruppe von Bürgern zählt bereits 85 Tote, die Mehrheit davon minderjährig.

"Wann kann ich meine Kinder sehen?", ruft eine Frau in die Menge, nacheinander treten die Menschen an das Mikrofon. Vor dem Verwaltungsgebäude stehen Polizisten und schwarz gekleidete Sicherheitskräfte.

Der Präsident soll für Ordnung sorgen

Aman Tulejew tut die Proteste ab: "Wie immer in der Zeit der Trauer kommt die Opposition. Heute sind um die 200 Leute dort. Das sind keine Verwandten der Toten", behauptet der Gouverneur bei einem Treffen mit Präsident Wladimir Putin. Der neue Vizegouverneur Sergej Tsiwilew beschuldigt einen Mann, der seine Frau, drei Kinder und Schwester bei dem Brand verloren hat, er nutze die Tragödie nur für Eigen-PR. Dann wiederum bittet der Stellvertreter bei der Protestversammlung die Menschen für die Tragödie um Entschuldigung, lässt sich auf die Knie fallen.

Der 73-jährige Tulejew entschuldigt sich nicht bei den Bürgern. Dafür bat er Putin in einem Telefonat um Verzeihung, dass sich die Tragödie "auf unserem Territorium" ereignet habe. Den Unglücksort hat er nicht besucht. Bilder des Staatsfernsehens zeigen verkohlte Rolltreppenreste, in den Kinosälen, in denen die meisten Menschen starben, weil die Türen verschlossen waren, sind nur noch Trümmer geblieben, das Dach ist eingestürzt.

Die Frage ist, wie lange sich der Gouverneur nun noch im Amt halten kann. Er führt seit 21 Jahren die Region an, wurde 2015 mit 96,69 Prozent Zustimmung gewählt. Die Menschen rufen, er solle zurücktreten, wie der Bürgermeister. Sie rufen aber auch: "Putin, komm!" Der Präsident soll für Ordnung sorgen, fordern die Menschen.

Und der Präsident inszeniert sich als Kümmerer. Putin landet am Dienstagmorgen in Kemerowo, einer Region in Westsibirien, die vom Steinkohleabbau lebt. Er bleibt einige Stunden in der Stadt. Zu der Protestversammlung geht er nicht, trifft sich aber mit Vertretern der Initiativgruppe, verspricht Aufklärung, hundert Ermittler seien im Einsatz,, sagt der Präsident. Er legt Rosen vor dem Einkaufszentrum nieder, besucht Patienten im Krankenhaus. Das Staatsfernsehen zeigt ihn nur mit männlichen Verletzten, nicht aber mit Müttern, die ihre Kinder verloren haben.

Putin lässt sich auch bei einem Treffen mit Behördenvertretern filmen, die ihm Bericht erstatten. Er gibt sich ungehalten. "Was sich hier bei uns ereignet, sind keine Kampfhandlungen, keine plötzlichen Methangasexplosionen in einem Schacht", sagt er. "Wir haben so viele Menschen verloren. Warum? Wegen krimineller Nachlässigkeit, Schlampigkeit." Ein Behördenvertreter erklärt, seit dem 19. März sei der Feueralarm ausgeschaltet gewesen. Ein Wachmann soll dafür verantwortlich sein, er wurde festgenommen.

Ob die Brandschutztechnik überhaupt funktionierte, wie die Behörden sagen, bezweifeln die Menschen. Es gab in den vergangenen Jahren zu viele Großbrände in Russland. Zu leicht lassen sich Vorschriften umgehen, wenn man Beamten Geld zukommen lässt. Zudem gibt es unterschiedliche Bestimmungen: Der Geheimdienst FSB etwa fordert aufgrund von Maßnahmen gegen den Terror, dass Türen geschlossen werden müssen. Die Brandschutzbehörden wollen, dass sie für den Notfall offen bleiben.

Nationaler Trauertag

Für die Region Kemerowo sind drei Tage Trauer angesetzt. Nach Kritik, es gebe kein landesweites Gedenken von staatlicher Seite, erklärte Putin den morgigen Mittwoch zu einen nationalen Trauertag. In Moskau gibt es am Mittwoch eine Trauerveranstaltung der Stadt.

In Moskau und Sankt Petersburg wollen sich unabhängig davon am Abend Menschen versammeln, um ihre Solidarität mit den Opfern in Kemerowo zu zeigen. Dort, am Unglücksort, wollen sie wieder demonstrieren. Sie wollen solange auf die Straße gehen, bis die genaue Liste der Opfer veröffentlicht wurde und Gouverneur Tulejew zurückgetreten ist.

Mitarbeit: Katya Kuznetowa

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