Khao Lak Tod im Paradies

Auf der Anhöhe über Khao Lak werden die Leichen der Flutopfer gesammelt. Beißender Geruch hängt in der Luft. Nur wenige Meter von den Toten entfernt werden Überlebende und Hilfskräfte versorgt. Das einstige Ferienparadies ist ausgelöscht, es wird noch auf lange Zeit ein Ort des Grauens sein.

Aus Khao Lak berichtet Hardy Prothmann


Der Strand von Khao Lak ist mit Leichen übersät: 770 Tote sind dort schon geborgen worden
REUTERS

Der Strand von Khao Lak ist mit Leichen übersät: 770 Tote sind dort schon geborgen worden

Khao Lak - Der Blick auf die See von der Anhöhe über Khao Lak ist wunderschön und friedlich. 4000 bis 5000 Touristen konnten in der lang gezogenen Bucht eine idyllische Landschaft genießen. Die Ressorts und Hotels waren neu gebaut. Die Baufehler von Patong mit seinen Betonklötzen und Bettenburgen hatte man hier nicht gemacht, sondern dort gebaut, wo die Natur einen Platz dafür anbot. Es gab keine kreischenden Vergnügungszeilen mit Bargirls und lärmender Musik. Es ging gediegen und betulich zu. Viele Familien verbrachten hier die Ferien mit ihren Kindern. Sie genossen die Sonne, das Meer, die freundlichen Menschen. Sie fuhren raus zum Tauchen, sie gingen in den Bergen im Hinterland wandern oder genossen einfach nur das Nichtstun am Strand.

Die Straße durch das Tal liegt etwa 20 Meter über dem Meeresspiegel. Auf den zwei- bis dreihundert Metern bis zum Strand standen Luxushotels, edle Resorts und vereinzelt gab es auch noch Basthüttenromantik. Doch das Paradies gibt es nicht mehr. Die Flut hat alles weggerissen, zurückgeblieben sind oft nicht einmal die Fundamente, nur noch Sand. Dort, wo die Straße zum Hafen abgeht, beginnt die Tragödie in ihrer Unfassbarkeit erst fassbar zu werden.

Das Meer spült immer neue Körper an den Strand

Das Gelände eines buddhistischen Tempels ist die erste Sammelstation für die Leichen, die unten im Tal gesammelt werden. Und deren Zahl steigt dramatisch. Das Meer spült immer mehr der meist bis zur Unkenntlichkeit aufgeschwemmten Körper an Land. Alleine heute sollen es über 300 sein, gestern ebenfalls schon 400. Wie viele es noch werden, kann und mag niemand sagen.

Die Leichen werden in Tücher gepackt, durch die Helfer Latten oder Äste führen. Je vier Mann schleppen bei Temperaturen von 35 Grad im Schatten die Körper über den Schutt dorthin, wo sie dann auf Pick-ups geladen werden. Immer wieder müssen sie absetzen. Die Erschöpfung steht den Helfern ins Gesicht geschrieben.

Geschockt wandert ein Überlebender zwischen den Reihen von Toten, die im Nationalpark Khao Lak ums Leben kamen
DPA

Geschockt wandert ein Überlebender zwischen den Reihen von Toten, die im Nationalpark Khao Lak ums Leben kamen

Manchmal kommen auch lokale Politiker. Wenn viele Menschen zusammenstehen und Kameras dabei sind, gibt meistens einer von ihnen gerade ein Interview. Die Regierungsvertreter versprechen Hilfe, die Opposition unterstützt die Regierungsparteien. Zeit für Vorwürfe hat hier niemand. Jeder weiß, dass hier alle Menschen einfach nur Opfer waren. Ob der Enkel des Königs oder Touristen oder Personal oder Unternehmer.

"Sie waren im Sofitel, das gibt es nicht mehr"

Während die Bagger Schutt zu Haufen auftürmen und Häuser einreißen und Laster den Schrott irgendwohin fahren, sind die ersten Bautrupps vor Ort und ziehen Kabel. Strom und Telekommunikation ist im Moment das Wichtigste. Dann reihen sich die großen Limousinen der Politiker wieder in den Treck der Laster, Pick-ups, Mopeds ein. Die Staubwolke über dem Tal wird in der nächsten Zeit nicht abreißen.

Wäre nicht der Verkehrslärm durch den langen Stau, der an den Anhöhen beginnt und sich durchs Tal zieht, ginge es hier sehr ruhig zu. Die Menschen haben sogar Zeit zu scherzen. Lächeln sich zu. Die Atmosphäre ist sehr freundlich, fast behutsam. Dann gellt ein Schrei über den Platz, an dem die toten Körper nebeneinander liegen. Eine thailändische Frau hat ihr Kind identifiziert. Vielmehr das geringelte Hemd, das Gesicht ist nicht mehr zu erkennen. Verwandte stützen die Frau, die Helfer halten kurz inne beim Leichen Ein- und Auspacken und schauen bestürzt und voller Anteilnahme in ihre Richtung.

Michael Foerster aus Frankfurt/Main steht seit Stunden vor den Leichen und hält Ausschau nach seinen fünf Freunden: "Wir wollten schauen, ob wir sie identifizieren können. Sie sind definitiv tot." Woher weiß er das? "Sie waren im Sofitel und das gibt es nicht mehr." Er und seine kolumbianische Frau Marybel waren wandern, hatten Glück.

Hunderte Reisende verschwunden

"Ich habe mit unserem Reisebüro Transoriental in Frankfurt telefoniert, weil meine Frau einen kolumbianischen Pass hat. Die Deutsche Botschaft sagt, für meine Frau sei sie nicht zuständig. Und das Reisebüro sagt: Fragen Sie ihren Reiseleiter, der steht vor dem Hotel. Ich habe gesagt, das Hotel gibt es nicht mehr. Die wollten das nicht verstehen. Hat überhaupt jemand eine Ahnung, was hier los ist? Die Verantwortlichen sagen nicht die Wahrheit. Das ist eine unglaubliche Schweinerei."

Wie viele Reisende aus Deutschland an dem Paradiesstrand von der Erdbebenflut am Sonntagmorgen ins Meer gerissen wurden, weiß noch niemand. Zu Hunderten fehlt noch immer jeder Kontakt, etliche Hotels, in denen überwiegend Deutsche Urlaub machten, sind schwer beschädigt, eingestürzt oder komplett weggerissen. Der Strand ist vielerorts leer gewaschen, bedeckt nur noch von einer Unzahl toter Fische. Die Katastrophe ist auch eine ökologische, doch das interessiert im Moment niemanden.

Als die Welle hereinbrach, hatten sich viele Menschen auf die nahen Hügel gerettet - doch viele hatte die rasende Flut eingeholt und ins Meer gerissen. Willi aus der Schweiz hat seinen Vater und einige Freunde verloren. Jedes Jahr war er hier für ein paar Monate bei seinem Vater. "Wir konnten uns auf ein Dach retten, aber alle die draußen waren, haben es nicht geschafft." Auch er ist wie so viele tapfer um Fassung bemüht und sagt zum Abschied: "Jeder kommt schon irgendwie zurecht."



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