Elterncouch Wie ich meinen Sohn anschrie und eine Lehre daraus zog

Der letzte Schrei?
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Der letzte Schrei?

Von Theodor Ziemßen


Brüllen Sie manchmal Ihre Kinder an? Ich schon - und das ist richtig ätzend. Helfen soll jetzt eine kleine Absprache mit meinem Sohn.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

Schreien in Familien ist blöd. Es hilft selten weiter, nervt alle und sorgt mitunter für eine ätzende Atmosphäre.

Vor einigen Wochen habe ich erzählt, wie sehr Willems Schreien manchmal die Familie belastet. Mittlerweile ist er ein halbes Jahr alt und hat aufgehört. Wie einige von Ihnen mir schon geschrieben hatten, ging es tatsächlich von einem Tag auf den anderen. Willem ist immer noch ein Kind, das viel Aufmerksamkeit einfordert und lieber in unseren Armen, als auf dem Wohnzimmerboden liegt. Aber das ist nicht so schlimm. Also, nicht so schlimm, wie ein neues Problem: Wir haben jetzt nämlich einen anderen Schreihals in der Familie. Mich.

Klar, auch die anderen drei werden mal laut. Das soll ich Ihnen von meiner Frau ausrichten. Aber bei einer spontanen Umfrage am Abendbrottisch wurde ich von unserem vierjährigen Sohn Benjamin eindeutig zum neuen Schreikönig gekrönt.

Ich selbst hatte ein paar Tage zuvor einen ersten Verdacht in diese Richtung. Es war in der Küche. Ich machte gerade Nudeln mit Tomatensoße. Da stratzte plötzlich Benjamin an mir vorbei. Blitzschnell war er an der Schublade, in der auch die Kekse lagern, schnappte sich einen und stopfte ihn in den Mund. Alles ging unglaublich schnell, eine elegante Aktion. Wir haben einen Keksninja aufgezogen. Leicht kann ich mir andere Situationen vorstellen, in denen ich darüber gelacht hätte, in denen ich ihm sogar zu seinem Keks-Coup gratuliert hätte.

"ECHT JETZT?! RAUS HIER!"

An diesem Abend sagte ich erst laut: "Stopp! Es gibt keine Kekse vor dem Abendessen." Als der Keks trotzdem im Mund verschwand, verschwand meine Contenance mit ihm. Schon etwas lauter: "Benjamin, ist das dein Ernst?" Dann machte ich etwas, was mir im Nachhinein richtiggehend peinlich ist: Ich versuchte ernsthaft, den Keks wieder aus seinem Mund herauszubekommen. Der entpuppte sich allerdings als solider Kekstresor. Möglicherweise halb enttäuscht von ihm, halb enttäuscht von meinem blöden Benehmen schrie ich ihn an: "ECHT JETZT?! RAUS HIER! RAUS AUS DER KÜCHE! SOFORT!"

Dass ich gerade keine besonders gute Figur machte, ahnte ich schon. Meine Frau und ich haben den guten und wichtigen Deal, Erziehungsfragen nicht vor den Kindern zu klären. Aber die stille Zurückhaltung meiner Frau bestätigte meine Vermutung. Sie legte Benjamin die Hände auf die Schultern und sagte: "Ja, geh lieber ins Wohnzimmer."

Warum war ich eigentlich so wütend geworden? In dem Moment wusste ich es nicht. Später wurde mir klar, dass ich Benjamin in letzter Zeit häufiger angeschrien hatte. Kennen Sie das? Wenn Ihr Kind langsam älter wird, mehr kann, mehr versteht. Mir kommt Benjamin oft schon so groß, so klug, so fähig und vollständig vor. Und im nächsten Moment kann er seine Socken nicht selbst anziehen. Oder er schmeißt sich aufheulend zu Boden, weil er nicht in die Kita möchte.

Ein widerlicher Anspruch

Nach einiger Überlegung habe ich mich dabei erwischt, dass die meisten Anlässe, die mich zum Schreien bringen, auf einen Wunsch hinauslaufen: Das Kind soll reibungsloser funktionieren.

Das ist nicht nur Quatsch, sondern ein geradezu widerlicher Anspruch an einen Menschen, egal welchen Alters. Toaster, Radiowecker, Autos müssen funktionieren. Menschen sollen herausbekommen, was sie wollen und was nicht, was sie gut finden und was blöd - und dann hoffentlich den Mut finden, danach zu handeln. Ich selbst bin bis heute damit beschäftigt, meine Grenzen auf den unterschiedlichsten Gebieten zu entdecken. Und manche ziehe ich fast täglich neu. Wie kann ich von einem Kind verlangen, dass es nicht versucht, sie auszutesten, zu erforschen und zu verstehen?

Noch während ich in der Nudelsoße herumrührte, zog ich für mich eine neue Grenze: Einer der seine Kinder anschreit, das will ich nicht sein. So soll meine Erziehung nicht sein. Das soll nicht bedeuten, dass ich Benjamin und Willem nicht mehr zeigen möchte, wenn ich enttäuscht, traurig, wütend, sonst was bin. Aber ich erinnerte mich an eine Situation mit meinem Vater. Sie ist mir immer noch extrem plastisch im Gedächtnis.

Für eine Feier am Abend hatten wir im Partykeller gemeinsam die Kompaktanlage meiner Schwester angeschlossen. Als alles verkabelt war, schaltete er das Gerät an - und ein ohrenbetäubender Lärm dröhnte aus den Boxen. In einer Mischung aus Schreck und Schmerzen schrie ich laut auf. Mein Vater stellte den Lärm wieder ab. Dann schrie er mich an, ich solle aufhören. Ich war ein dürrer, kleiner Junge, mein Vater ein massiger Mann, ein gelernter Schmied, der neben der Arbeit auf dem Bau schuftete und zur Entspannung Holz hackte.

Ich erinnere mich an sein Brüllen, sein verzerrtes Gesicht

Ich weiß nicht, was los war, wie er sich an dem Tag gefühlt hat, ob er sich vielleicht auch erschrocken hatte. Aber ich erinnere mich an sein Brüllen, sein verzerrtes Gesicht - und an die tiefe Verletzung, dass er meinen Schmerz nicht verstanden hatte. Ich bin jetzt erwachsen, wir verstehen uns sehr gut, ich verüble ihm diesen Moment nicht mehr. Vermutlich hat diese Szene im Partykeller trotzdem etliche schöne Momente mit meinem Vater überschrieben. Das wollte ich nicht. Ich wollte nicht, dass sich das Anschreien bei uns einschleift, dass Benjamin sich möglicherweise später auch am allerbesten an einen solchen Moment tiefer Verunsicherung erinnern kann.

Noch bevor das Essen auf dem Tisch stand, entschuldigte ich mich bei Benjamin - und ich traf eine Absprache mit ihm. "Hase", sagte ich, "ich möchte dich nicht mehr anschreien. Das ist doof. Und weil ich nicht versprechen kann, dass mir das nicht noch mal passiert, möchte ich, dass du mir dabei hilfst. Wenn ich noch einmal so laut werden sollte, möchte ich, dass du sagst: Papa, du sollst mich doch nicht anschreien." Ich erklärte Benjamin auch, dass das nicht bedeutet, dass ich nicht trotzdem manchmal sauer auf ihn bin. Ich sagte ihm, dass das ganz normal ist und dass das nichts damit zu tun hat, ob ich ihn liebe oder nicht, weil ich ihn immer liebe.

Dass meine Frau die Idee gut fand, musste ich nicht an ihrem Blick ablesen. Denn sie sagte: "Mach' das bei mir bitte auch, Benjamin."

Beim Essen passierte dann etwas sehr Schönes. Als wir am Tisch saßen, rückte Benjamin ein wenig an mich heran und legte kurz seine kleine Hand auf meine. Die Soße hat er trotzdem nicht gemocht.



Liebe Leserinnen und Leser, schreien Sie manchmal? Oder oft? Oder nie? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin (5) und Willem (1)

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.




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17 Leserkommentare
sponsim 31.01.2017
ulisoz 31.01.2017
Der_schmale_Grat 31.01.2017
coherentfactor 31.01.2017
MotziLLa 31.01.2017
sebastian.teichert 01.02.2017
craylord86 01.02.2017
alaba27 01.02.2017
Jota.Nu 01.02.2017
marcojl 01.02.2017
trompetenmann 01.02.2017
marcojl 01.02.2017
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zappa99 01.02.2017

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