Gesägt, getan Ein neues, altes Schätzchen

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Zwei Türme, eine Theke und oben drauf die Markise: Mit Ideen und ein bisschen Geld ist altes Spielzeug wie ein Kaufsmannsladen wieder aufzupeppen. Ein besseres Gewissen gibt es gratis.

Vor einiger Zeit habe ich begonnen, ein kleines Spiel zu spielen. Wenn es sich ergibt, lasse ich in Gesprächen Sätze fallen wie: "Heutzutage geht doch alles immer so schnell kaputt, man schmeißt es weg und kauft neu. Dabei könnte man aus vielen alten Sachen noch echt was machen." Ich kann mich nicht entsinnen, dass jemals irgendjemand dieser Aussage widersprochen hätte. Hemmungsloser Konsum und Wegwerfgesellschaft pfui, das liegt voll im Zeitgeist. Nachhaltigkeit, Recycling, Upcycling sind gefragt.

Prinzipiell kann ich das gut verstehen. Das Beil, das einst meinem Uropa gehörte, tut mir immer noch gute Dienste. Aber zum Dogma möchte ich die Regel "alt = wertvoll" auch nicht erheben. Etwas ist nicht zwangsläufig gut oder bewahrenswert, nur weil es alt ist. Oder will jemand die Kohleheizung in der Wohnung zurück?

Die Frage "Altes Schätzchen oder Schrott?" stellte sich mir, als eines Tages die Verwandtschaft zu Besuch kam. Im Gepäck hatte sie einen Kinder-Kaufmannsladen. Genauer gesagt: die Überreste eines Kinder-Kaufmannsladens, mindestens 30 Jahre alt.

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Projekt Kaufmannsladen: Der Heimwerker als Ladenbauer

Wo die Vertreter einer entfesselten Konsumgesellschaft nichts weiter als einen Haufen Sperrmüll gesehen hätten, zeigte sich mir als Heimwerker Potenzial. Es sollte doch möglich sein, mit etwas Holz, ein paar Schrauben, ein bisschen Stoff und Farbe aus dem Gerümpel etwas Hübsches zu machen. Einen neuen Kaufmannsladen zum Beispiel.

Die Ironie dieses Planes ist mir durchaus bewusst: als Symbol gegen die Wegwerfprodukte des Kapitalismus ausgerechnet einen Laden zu bauen, in dem spielerisch der Kapitalismus praktiziert wird. Nach einigem Nachdenken bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass ich einfach allen Kindern klarmachen würde, dass es sich selbstverständlich um den genossenschaftlich geführten Laden einer Biolandwirtschaftskommune handelt, der den turbokapitalistischen Großhandelskonzernen Paroli bietet.

Nachdem ich derart mein Gewissen beruhigt hatte, machte ich mich an die Planung. Der Kaufmannsladen sollte mehrere Bedingungen erfüllen:

  • Er sollte ohne Werkzeug auf- und abzubauen sein: Ich hatte keine Lust, jedes Mal Schraubenzieher und Akkuschrauber zu holen.
  • Er sollte kippsicher sein: Es wäre der GAU, wenn sich der Laden als Gefahr für spielende Kinder erwiese.
  • Er sollte nicht viel Geld kosten: Ein bisschen Farbe und Holz hatte ich noch im Schuppen. Grob überschlagen habe ich für das restliche Material rund 50 Euro bezahlt.

Das Design hatte ich im Kopf: Der Laden sollte aus drei Elementen bestehen, zusammenzustecken in U-Form. Zwei Türme mit Plexiglasscheiben sollten die Ladentheke vorne einrahmen, quasi als Schaufenster. Und über allem sollte eine Markise sein, um den Laden wie einen Marktstand wirken zu lassen.

Die größten Schwierigkeiten beim Bau machte mir der Umstand, dass der Boden meines Schuppens nicht hundertprozentig eben ist. Ich bin fast daran verzweifelt, die einzelnen Laden-Elemente auf diesem schiefen Untergrund so aufzustellen und zusammenzuschrauben, dass sie hinterher auf einem tatsächlich ebenen Boden gerade stehen können.

Und ich habe den Tag verflucht, an dem ich mich entschieden hatte, die Schaufenstertürmchen mit Plexiglasscheiben auszustatten. Ich muss lange überlegen, um eine Arbeit zu finden, die ich ätzender finde, als Plexiglas zuzuschneiden. Nur so viel: Ein Fehlversuch mehr, und ich hätte die Idee mit den Schaufenstern aufgegeben und die Türme zum Lagerraum umdeklariert.

Immerhin klappte es sehr gut, die Teile des alten Kaufmannsladens zu verbauen. Als alles zusammengeschraubt war, lag auf meiner Werkbank noch ein kümmerliches Häufchen Holz, die Reste des alten Ladens. Es hätte problemlos in eine große Butterbrotdose gepasst. Da können selbst die größten Recycling-Freaks nicht meckern, dachte ich. Zumal der Laden, so viel wage ich zu behaupten, stabil und bei Bedarf gut zu reparieren ist. Alles auf langfristige Nutzung ausgelegt. Mit dem Ding können auch noch meine Enkel spielen. Das dürfte doch alle Verfechter nachhaltigen Konsums erfreuen. Zumindest in dieser Hinsicht ist der Laden fast schon marktreif.

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Benjamin Schulz:
Gesägt, getan

Ullstein; 240 Seiten; 10,00 Euro


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3 Leserkommentare
scxy 05.04.2018
rainerwäscher 05.04.2018
jamguy 06.04.2018

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