Elterncouch

Elterncouch Wenn Kinder Lachgas geben

Getty Images/iStockphoto


Der Humor von Kindern und Eltern unterscheidet sich oft grundlegend. Da heißt es durchhalten, wenn die Kleinen Ballermann-Hits grölen. Oder man erinnert sich an die eigene Otto-Waalkes-Kindheit.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Ich war ja auch mal vier. Und ich war auch mal im Kindergarten. Und offenbar musste auch meine Mutter mal bei der Kinderbetreuung improvisieren (tröstliche Erkenntnis). Jedenfalls musste ich manchmal nach der Kita ins Gemeindebüro, wo unsere Nachbarin arbeitete. Ich weiß noch recht genau, wie ich auf einem Stuhl saß, den beiden Damen im Büro zusah beim, ja, was genau eigentlich? Man benutzte wohl noch Tipp-Ex und Schreibmaschine, im Grunde fehlte nur Christoph Maria Herbst, der als Stromberg in diese Achtzigerjahre-Büroidylle platzte.

Es roch nach altem Kaffee und noch älterem Papier. Und weil ich nicht den Eindruck hatte, dass die beiden Damen überarbeitet waren und auf keinen Fall gestört werden wollten (was mich aber auch nicht abgehalten hätte), erzählte ich ihnen Neuigkeiten aus dem Kindergarten. Das ging relativ schnell. Also setzte ich meinen Monolog mit dem fort, was ich auswendig aufsagen konnte. Witze von Otto Waalkes zum Beispiel. Die hörte ich auf unserem leiernden Kassettenrekorder zusammen mit meinem älteren Bruder rauf und runter: "Otto, der ostfriesische Götterbote", "Hilfe, Otto kommt" oder "Otto versaut Hamburg".

Kostprobe gefällig? "'Oh mein Gott', ruft Mr. Reagan, 'ich kann meinen Ronald nicht bewegen.' 'Nicht so schlimm', sagt da Chomeini, 'mein Ajatollah steht ja eh nie.'" Ach, Otto.

"Völlig aufgeblääääht…"

War damals aber genau mein Humor, ohne dass ich die leiseste Ahnung hatte, worauf Otto da anspielte. Meine Nachbarin und ihre Kollegin aber schienen die mehr oder minder leisen Untertöne durchaus wahrzunehmen und lachten. Sehr beliebt waren auch Ottos Hänsel-und-Gretel-Adaptionen moderner Popsongs. So dichtete Otto zur Melodie von Major Tom: "Völlig vollgestopft mit Pfefferkuchen, fliegt das Hänsel-el, völlig aufgeblääääht…."

Anzeige
  • Jonas Ratz:
    Trottelini mit Pumasan

    Wahre Geschichten aus dem Leben junger Eltern. Mit den lustigsten, irrsten und weisesten Kinderworten.

    KiWi-Taschenbuch; 224 Seiten; 12,-  Euro.

  • Bei Amazon bestellen.
  • Bei Thalia bestellen.

Wie gesagt, genau mein Humor, damals, 1983. Kinder mögen eben Lieder mit komischen bis absurden Texten, was auch die Begeisterung erklärt, mit der sich mein vierjähriger Sohn Frederik inzwischen Ballermann-Hits zuwendet: Zum Beispiel der Prollversion des eigentlich hübschen Kinderliedes "Das Hottepferd". Laut rezitiert er auf dem Nachhauseweg "Da hat das rote Pferd sich einfach umgekehrt und hat mit seinem Schwanz die Fliege abgewehrt". Sie ahnen die milden bis mitleidigen Blicke der Passanten.

Auch das "knallrote Gummiboot" hat Frederik kennen und lieben gelernt. Fragen Sie nicht, wo. Mit dem Beginn der Kita-Zeit haben Eltern die Kontrolle über Ernährung, Bildung und geistige Fortentwicklung ihrer Kinder verloren.

Grundsolider Dadaismus

Soziologisch gesehen scheinen mir die beiden großen gesellschaftlichen Institutionen Kita und Ballermann-Disco ohnehin ähnlicher als auf den ersten Blick ersichtlich: In beiden ist es in der Regel viel zu laut, keiner will dort Mittagsschlaf machen und im Grunde wird in beiden - zumindest musikalisch - ein grundsolider Dadaismus gepflegt, totale Individualität. Statt Ordnung, Disziplin oder Moral ist es eben das "rote Pferd". Eigentlich genau das, was man sich als moderner Erziehungsberechtigter für seine Kinder wünscht. Wenn es bloß nicht so furchtbar klänge.

Und so versuche ich, Frederiks - hoffentlich temporäre - Leidenschaft für derartige Musik zumindest nicht noch zu fördern. Doch da habe ich die Rechnung allerdings ohne meinen älteren Bruder gemacht. Ich hatte ihn, Frederik und das iPad nur eine halbe Stunde allein gelassen, da überraschte mich Frederik mit einer Hänsel-und-Gretel-Adaption auf der Basis von Helene Fischers Volksfest-Stampfer "Atemlos". "Atemlos durch den Wald, und im Wald ist's arsch-en-kalt", sang er und strahlte mich an: "Das ist von Otto!"

Und ich sitze wieder bei meiner Nachbarin im Gemeindebüro, es riecht nach Kaffee und altem Papier. Ach, Otto.

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (4) und Oliver (1 1/2)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

    Jonas Ratz eine E-Mail schreiben.



Diskutieren Sie mit!
1 Leserkommentar
wauz 14.11.2017

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.