Elterncouch

Elterncouch Keimhölle Kinderarzt

Von Tilda Beck

Wie viele Krankheitserreger passen auf einen Kuschelaffen?
imago

Wie viele Krankheitserreger passen auf einen Kuschelaffen?


Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich zwei Mütter und ein Vater regelmäßig auf die Elterncouch.

Tilda Beck schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.
Gute Kinderärzte sind ein Geschenk - und eine besondere Gefahr: Ihre Wartezimmer sind besonders voll. Voll mit Kindern, voll mit ansteckendem Rotz, Spucke, Strepto-Dings.

Ein Nachmittag im Januar, 16.55 Uhr, wir sind in unserer Kinderarztpraxis. In fünf Minuten haben wir unseren Vorsorgetermin. Ich spähe in den Warteraum: Alle Kinder sehen krank aus.

"Konrad, Stella, bitte versucht so wenig wie möglich zu berühren", sage ich und denke: So viele kranke Kinder, so viele Virenschleudern. "Ihr könnt auch gleich mit meinem Handy spielen."

Die Sprechstundenhilfe schaut mich mitleidig an: "Vorsorge? Ich glaube die müssen wir verschieben. Die Praxis ist rappelvoll." Aber das sehe ich nicht ein. Ich habe den Termin vor vier Monaten gemacht, habe mir frei genommen, das mittlere Kind mit einem Freund verabredet.

Also gehen wir ins Wartezimmer. Bloß! Nichts! Anfassen!

Kinderärzte sind so wichtig. Vielleicht die allerwichtigsten Bezugspersonen für besorgte Eltern. Ich bin unserem Arzt wirklich dankbar, er war immer da: bei Fieber und Erbrechen, bei Entzündungen von Ohren, Nebenhöhlen und Atemwegen. Einmal hat er eine Lungenentzündung gehört, die nicht mal der Röntgenarzt gesehen hatte. Seine Praxis ist seit 33 Jahren an demselben Ort, er arbeitet zwölf Stunden am Tag, er ist der beste Kinderarzt der Welt. Aber eben weil er so gut ist, ist seine Praxis auch immer voll.

"Mama, was sind denn nun Streptokokken?"

Ich drängle mit meinen Kindern zu den letzten freien Sitzplätzen. Von der Sitzbank entferne ich mit spitzen Fingern ein eingespeicheltes Brötchen und ein Milchschnittenpapier, schiebe mit dem Fuß ein zerknülltes Feuchttuch zur Seite und setze mich neben die Mutter eines etwa neunjährigen Mädchens. Hoffentlich sind die beiden auch zur Vorsorge hier und nicht ansteckend, denke ich. "Mama, was sind denn nun Streptokokken?", fragt das Kind und ich halte unwillkürlich die Luft an.

Nichts anfassen! Nicht atmen!

Ich gehöre beileibe nicht zu denen, die auf dem Spielplatz nach jedem Sandkontakt das Sagrotan zücken. Eigentlich orientiere mich lieber an Omas Weisheit, ein bisschen Dreck habe noch niemandem geschadet. Doch der Warteraum stellt meine Gelassenheit auf die Probe. Eine Zweijährige wirft begeistert die Plastikklötze durch den Raum, ein grüner Faden Rotz läuft über ihr Kinn. Konrad will dem Mädchen die Steine wiedergeben. "Nein", sage ich schnell, "lass das Mädchen! Fass die Klötze nicht an! Komm her und spiel mit meinem Handy." Die andere Mutter guckt böse.

Das Strepto-Kind liest "Harry Potter"

Die Luft ist zum Schneiden. Können eigentlich alle Viren durch die Luft übertragen werden? Gibt es eine Atemtechnik, mit der man die Keimaufnahme minimieren kann? Sind wir bereits infiziert? Und: Wie viele Krankheiten haben wir schon? Oje. Dieses Kind dort hinten hat einen bösen Husten, klingt wie 20 Jahre Kettenraucher.

Ich öffne zwei Fenster, sie lassen sich nur kippen.

Stella jammert: "Wie lange noch? Ich habe Durst." Mittlerweile ist es 18.10 Uhr, wir sind noch nicht mal für den Hörtest bei der Sprechstundenhilfe aufgerufen worden. Ich hole Wasser aus dem Hahn der ekligen Toilette. Dann verteile ich die Lollis, die ich für absolute Quengel-Notfälle immer in der Handtasche habe. Stella fällt der Lolli aus dem Mund. Oh nein! Ich will ihn ihr wegnehmen, doch ich bin nicht schnell genug. Schon schiebt sie ihn wieder in ihren Mund. Bäh. Morgen hat sie garantiert Strepto-Dings.

"Mama, was sind Kahhh-nühhhhh-len?"

18.20 Uhr, es geht voran, Konrad macht endlich den Hörtest! Immerhin. Ich bin furchtbar müde, die Luft ist stickig, ich nicke ein.

18.45 Uhr, endlich dürfen wir eines der Behandlungszimmer betreten. Dort liegen Zeitschriften. Jetzt ist es auch egal. Ich öffne eine der vermutlich schwer verseuchten Illustrierten und lenke mich mit Frisurentipps und Modestrecken ab. Neben mir klappert Konrad mit einer Plastikdose und liest das Etikett: "Mama, was sind Kahhh-nühhhhh-len?" Widerlich! Mein Sohn spielt mit der Dose für gebrauchte Injektionsnadeln. "Nicht anfassen!", schreie ich schrill und schiebe ihn unsanft zum Sterillium-Spender. Ich erkenne mich kaum wieder. Vor zwei Stunden hatte ich ganz entspannt die Praxis betreten, jetzt reibe ich mein Kind mit Desinfektionsmittel ein, während mir der Kopf vor Anspannung dröhnt.

Der Arzt betritt um 19 Uhr das Behandlungszimmer und mustert mich. "Sind Sie traurig? Oder müde?", fragt er mich. "Beides vielleicht", murmele ich. Und morgen, denke ich, bin ich bestimmt krank. Ich glaube, es geht schon los.


Zur Autorin
  • Illustration: Michael Meißner
    Tilda Beck,
    Mutter von Konrad (8), Edward (5) und Stella (3)

    Liebstes Kinderbuch: "Der Wal im Wasserturm" von Rüdiger Stoye

    Nervigstes Kinderspielzeug: "Winnie the Pooh"-Lernspielzeug von VTech

    Erziehungsstil: Leben und leben lassen

Mehr zum Thema


Diskutieren Sie mit!
43 Leserkommentare
sumse123 16.02.2016
andreas.s 16.02.2016
HerrPeterlein 16.02.2016
andreasclevert 16.02.2016
hanluni 16.02.2016
demolator 16.02.2016
andjessi 16.02.2016
mhwse 16.02.2016
egal 16.02.2016
susanne_1 16.02.2016
Teilzeitalleinerzieherin 16.02.2016
ernaschnorzebach 16.02.2016
chalchiuhtlicue 16.02.2016
tobias1899 16.02.2016
mhwse 16.02.2016
andreas.s 16.02.2016
blubbblubbi 16.02.2016
pippins 16.02.2016
querdenker101 16.02.2016
pippins 16.02.2016
mhwse 16.02.2016
mhwse 16.02.2016
demokrit2012 16.02.2016
sachfahnder 16.02.2016
permissiveactionlink 16.02.2016
hikage 16.02.2016
troy_mcclure 16.02.2016
Teilzeitalleinerzieherin 16.02.2016
wally76 16.02.2016
demolator 16.02.2016
demolator 16.02.2016
DracheNimmersatt 16.02.2016
mhwse 16.02.2016
angst+money 16.02.2016
vpcn78 16.02.2016
kathrin_hb 16.02.2016
ernaschnorzebach 16.02.2016
KurtT. 16.02.2016
ernaschnorzebach 16.02.2016
ernaschnorzebach 16.02.2016
KurtT. 16.02.2016
linlaluna 17.02.2016
nilaterne 19.02.2016

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.