Kinderhandel in Kambodscha: Ein Baby für 50 Dollar

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Das Horrorszenario ist real: Eine Frau schwatzt kambodschanischen Eltern ihren gerade 25 Tage alten Säugling ab, verspricht ihnen Geld. Kurz bevor die Kinderkäuferin ihr Bündel an einen Zwischenhändler in Thailand übergeben kann, wird sie von der Polizei gefasst. Die Ausnahme in einem Land, in dem die Ware Kind längst zum Exportschlager geworden ist.

Die Opfer der Kinderhändler: Nach dem Verkauf drohen Prostitution und Sklavenarbeit
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Die Opfer der Kinderhändler: Nach dem Verkauf drohen Prostitution und Sklavenarbeit

Hamburg - Gleich mehrmals innerhalb der vergangenen Wochen gelang den kambodschanischen Behörden ein Schlag gegen den organisierten Menschenraub: Anfang der Woche nahm die Polizei die 39-jährige Pech Tho fest. Sie hatte den Eltern des knapp einen Monat alten Jungen versprochen, ihnen 50 Dollar zu geben, sobald sie von ihrer Reise ins benachbarte Thailand zurückgekehrt sei, berichtete der für den Kampf gegen den Menschenhandel zuständige Polizeichef in Phnom Penh, Meng Say. Pech Tho war aufgegriffen worden, als sie das Kind gerade zur kambodschanisch-thailändischen Grenze bringen wollte. Eben dort hätte sie den 34-jährigen Danh Dara treffen sollen, der das Kind nach Malaysia weiterverkaufen wollte, so Say. Ein kambodschanisches Gericht hat jetzt die beiden Hauptverdächtigen sowie zwei weitere Männer des Kinderschmuggels angeklagt.

Die in einem Slum lebenden Eltern des Babys betonten, dass sie sich kein Kind leisten könnten und den Jungen an Menschenhändler verkauft hätten, um ihm ein besseres Leben in Übersee zu ermöglichen. Sie müssen sich allerdings trotzdem für ihre Tat verantworten: "Das Gericht musste auch die Eltern anklagen, weil andernfalls andere mittellose Eltern dieselbe Entschuldigung vorbringen könnten - das können wir nicht akzeptieren", sagte Meng Say.

Viele Eltern bedauern ihr Handeln ehrlich, sobald sie die Tragweite ihrer Entscheidung erkennen. Doch nötigt die bittere Armut im Land noch immer viele, Profit aus ihrem eigenen Fleisch und Blut zu schlagen. Nach Jahrzehnten des Bürgerkrieges und den Massentötungen durch die Roten Khmer in den siebziger Jahren ist Kambodscha noch immer eines der ärmsten Länder in Asien, wo die Menschen mit umgerechnet weniger als 300 Dollar im Jahr überleben müssen.

"Leichte Beute"

Christian Schneider, Unicef-Sprecher aus Köln, hat das Elend der Kinder im kambodschanischen Grenzort Poipet hautnah miterlebt. Hier, wo ärmliche Siedlungen im Schlamm versinken, haben die Menschenhändler leichtes Spiel: "Viele Familien sind durch den Krieg total zerrissen. Es gibt unglaublich viele Waisen und Straßenkinder, die in einem extrem instabilen sozialen Umfeld leben. Eben dadurch werden sie zu leichter Beute." Zudem lockt auf der anderen Seite der Grenze das reiche Thailand. Tausende Menschen würden jeden Morgen die Grenze von Poipet überqueren, um im Nachbarland als fliegende Händler oder Gelegenheitsarbeiter dazuzuverdienen. Erwachsene Schleuser knöpften hier den Kindern Geld ab, wenn sie über die Grenze wollten. "Die Kinder werden mit Haken geschlagen oder mit Elektroschockern malträtiert - und das obwohl viele Minenopfer ohnehin bereits verkrüppelt sind", so Schneider.

Ein rechtsfreier Raum und mithin Paradies für Kinderhändler, welche die Minderjährigen gezielt ansprechen und dann direkt im Auto mitnehmen. Auch in den Slums der Umgebung machen die Schlepper Jagd auf die Ware Kind. In der Regel vertrauten die Eltern oder Verwandten darauf, dass es den Kindern in der neuen Umgebung besser gehen werde. Man verspricht ihnen lukrative Jobs im Ausland. "Oft sind es gute Bekannte, die den Vorschlag unterbreiten." Dass die Mehrheit der Mädchen in der Prostitution landet und der Rest der Kinder schlicht ein Sklavendasein als Fischereiarbeiter, Straßenhändler oder Bettler fristet, versuchen viele zu verdrängen.

Korruptes Gerichtssystem hilft den Tätern

Bereits am Montag waren in einem vergleichbaren Fall drei Männer festgenommen worden, die versucht hatten, vier Frauen - darunter zwei Vietnamesinnen - über die Grenze via Thailand nach Malaysia zu schmuggeln. Alle drei bestritten, Menschenhandel zu betreiben. Sie müssen bei einem Schuldspruch mit einer Haftstrafe von 15 bis 20 Jahren rechnen - auch wenn Verurteilungen in Kambodschas notorisch ineffizientem und korruptem Gerichtssystem eher selten sind.

Im Dezember hatten die Behörden eine Gruppe von Menschenhändlern bei dem Versuch ertappt, ein drei Monate altes Baby nach Malaysia zu schmuggeln. Unter den Angeklagten befindet sich auch ein Vietnamese, der einem von Landsleuten in Kuala Lumpur geführten Menschenhändlerring angehören soll. Regierungen und Menschenrechtsgruppen weltweit verstärkten den Druck auf Phnom Penh, gegen die Menschenhändler vorzugehen.

Es scheint gleichwohl unmöglich, präzise Zahlen über den Umfang des Menschenschmuggels in Kambodscha zu nennen. Sämtliche bisherigen Schätzungen gehen von Hunderttausenden aus. Die Vereinten Nationen haben ermittelt, dass über die Hälfte der weltweit gemeldeten Fälle sich in Asien ereignen. In Thailand, das sowohl als Haupttransitland als auch Endstation für die Kinder gilt, wächst der Handel mit Minderjährigen laut Erhebungen von Wohltätigkeitsorganisationen jährlich um etwa 20 Prozent.

Konkrete Hilfe für traumatisierte Opfer

Kambodscha hat derweil traurigen Ruhm als Hafen für Kinderhändler erlangt. Auf die Frage, ob die Säuglinge nach dem Verkauf in Kambodscha über Adoptionsagenturen in Ländern wie Malaysia legal in die Bundesrepublik oder andere westliche Länder vermittelt werden könnten, kann auch Unicef-Sprecher Schneider nur spekulieren. "Man weiß nicht, wie die Behörden in den asiatischen Nachbarländern arbeiten. Die Möglichkeit, Kindern nicht bekannter Herkunft eine Scheinidentität zu geben, ist natürlich gegeben, mir sind allerdings keine dokumentierten Fälle bekannt." Fest stehe aber, dass die Mehrzahl der älteren Kinder sehr lange Wege auf sich nähme - bis in den arabischen oder westeuropäischen Raum.

Ein Lichtblick am Horizont scheint die konkrete Zusammenarbeit von Hilfsorganisationen wie Unicef mit den örtlichen Behörden zu sein. In Poipet sind demnach immer zwei Sozialarbeiterinnen und zwei Polizistinnen gemeinsam im Einsatz. Sie gehen gezielt auf Kinder zu, die aus Thailand zurückkehren und Gefahr laufen, erneut in die Fänge der Schlepper zu geraten. Die Helfer nehmen Personalien auf und vermitteln die Minderjährigen an die Unicef-Schutzzentren, wo sie Unterschlupf, Bildungsangebote und psychologische Beratung in Anspruch nehmen können. "Gerade die Mädchen kommen häufig schwer traumatisiert zurück", berichtet Schneider. Solche Schutzräume seien extrem wichtig, weil sich mancher Kinderhändler tatsächlich traue, selbst vor dem Zentrum aufzutauchen und die Herausgabe seiner "Ware" zu fordern - mit der Begründung, als Verwandter wisse er schließlich besser, was für das Kind gut sei.

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