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Elterncouch Warum mein Sohn Popel essen darf

Popeln: Wissenschaftler finden's prima
Getty Images/ EyeEm

Popeln: Wissenschaftler finden's prima

Von Theodor Ziemßen


"Weil man das nicht macht", ist eine fürchterliche Antwort. Wenn wir unseren Kindern etwas verbieten, schulden wir ihnen gute Gründe. Und es reicht nicht, dass wir selbst etwas sinnlos oder eklig finden.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

"Was möchtest du auf deiner Pizza haben, Benjamin?"

"Kacke", krakeelt mein Sohn und grinst mich schief an.

Kacke. Echt jetzt? Das hält mein Sohn gerade für eine gelungene Pointe?

"Das klingt aber nicht besonders lecker", sage ich. Er grinst noch breiter.

"Aber", erklärt er mir, "das ist witzig."

Ich sage Benjamin, dass ich das nicht besonders witzig finde und dass ich ihn auch schon lustiger erlebt hätte. Er findet es offenbar trotzdem irre witzig. Seit der Pizza-Pointe ist "Kacke" die super verwegene, ultrawitzige Antwort auf alles Mögliche.

Was möchtest du anziehen? Kacke. Grinst bis über beide Ohren. Worauf hast du Hunger? Kackebrot. Schmeißt sich weg vor Lachen. Was machst du gerade? Kacke. Genau.

Puh.

Bis jetzt habe ich noch keine Art gefunden, seinen Kacke-Humor zu parieren. Ignorieren? Eine gemeine Reaktion. Und total respektlos. Oder wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie etwas sagen und ihr Gesprächspartner beachtet Sie einfach nicht? Sagen, dass ich es doof finde? Habe ich ausprobiert, vergrößert das Revoluzzer-Potenzial. Verbieten? Käme nur in Frage, wenn ich dafür einen richtig guten Grund hätte. Habe ich nicht. Außer, dass ich finde, dass es ziemlich schlapper Humor ist - selbst für einen Vierjährigen.

Was für eine Frechheit

Ich kann mich noch sehr gut an einige Verbote meiner Eltern erinnern. Und vor allem an den einen Satz, den sie offenbar als ausreichende Begründung für ein Kind erachteten. Wenn ich "warum" fragte, sagten sie oft: "Weil man das nicht macht."

Eine Unantwort, die mich als Kind frustriert hat - und die ich heute für eine noch größere Frechheit halte, als jemanden einfach zu ignorieren.

Warum soll ich das nicht machen?

Weil man das nicht macht.

Noch jetzt macht mich dieser Satz ein bisschen wütend. Hätten sie wenigstens gesagt: Weil Astronauten das nicht machen. Gut, das wäre vermutlich eine Lüge gewesen. Aber "man"?! Wer bitte soll das sein? Und in welcher Welt könnte "Weil man das nicht macht" eine vernünftige Antwort auf eine Warum-Frage sein?

Wenn wir vernünftige Kinder wollen, schulden wir ihnen vernünftige Antworten.

"Eklig. Lass das"

Neulich hätte ich Benjamin die Unantwort trotzdem fast gegeben. Wir saßen gemeinsam auf dem Sofa und ich las ihm vor, als ich im Augenwinkel sah, wie Benjamin ganz konzentriert und genüsslich zu popeln begann. Was er fand, versenkte er mit dem Stolz eines Goldgräbers in seinem Mund.

"Eklig", sagte ich, "lass das."

Benjamin war ein bisschen erschrocken über meine schroffe Entgegnung. In seinem Gesicht stand ein großes Fragezeichen. Und fast hätte ich ihn gesagt, diesen ungeheuer dämlichen Satz: "Weil man das nicht macht."

Aber warum wollte ich ihm das Popel essen eigentlich verbieten? Über Geschmack lässt sich schließlich nicht streiten. Und gesundheitlich - das habe ich extra nochmal recherchiert - scheint es auch kein Problem zu sein. Wissenschaftler vom MIT und Harvard sowie ein kanadischer Biochemiker sagen sogar, im Popel seien jede Menge gesunder Bakterien, die gegen schädliche Keime helfen, und abgeschwächte Krankheitserreger, die das Immunsystem stärken. Sie erwägen sogar Zahnpasta und Kaugummis mit Inhaltsstoffen des Popels herzustellen.

Ein befreiendes Gefühl

Es gab also nur einen Grund, Benjamin das Popel essen zu verbieten: Weil ich es eklig finde. Es gibt sicher viele Gründe dafür, Dinge zu verbieten: Zum Beispiel, weil etwas gefährlich, verschwenderisch oder gemein ist. Dass ich etwas eklig finde, war für mich kein Grund für ein striktes Verbot.

Ich sagte also: "Eigentlich ist es okay, Popel zu essen. Aber viele Leute finden es eklig, sich das bei anderen anzusehen. Ich auch. Deshalb mach's gern. Aber bitte, wenn du allein bist."

Ein komisches, ein befreiendes Gefühl war das. Als hätte ich einen uralten Zauber gebrochen. Das undurchschaubare Diktat des "Weil man das nicht macht".

Das bedeutet natürlich nicht, dass Benjamin jetzt alles darf. Ich versuche nur, immer genau zu überlegen, warum ich etwas verbiete oder erlaube, statt einfach so zu entscheiden, wie man das eben so macht.

Gestern Abend zum Beispiel hat Benjamin mich gefragt, ob ich ihm ein Würstchen schäle.

Hä?!

Erst wollte ich sagen, dass das doch nicht lecker ist. Dann dachte ich: "Naja, probiert habe ich's noch nie. Vielleicht ist es total super. Außerdem: Wem schadet es?" Tatsächlich fand Benjamin es prima. Ich habe auch ein Stück probiert - eklig. Aber, wie gesagt, über Geschmack lässt sich nicht streiten.

Als er dann später beim Vorlesen vorm Schlafen den dritten Abend in Folge das Buch hören wollte, in dem lang und breit jeder Ausrüstungsgegenstand der Feuerwehr erklärt wird, sagte ich: "Nein." Warum? Ich hatte einfach keine Lust. Ein ziemlich guter Grund, wie ich finde.



Liebe Leserinnen und Leser, was verbieten Sie Ihren Kindern? Und warum? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin (5) und Willem (1)

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.


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