Elterncouch Hier herrscht Chaos, in Ordnung?

Einmal aufräumen, bitte!
Getty Images/ Cultura Exclusive

Einmal aufräumen, bitte!


Als Gott den Ordnungssinn schuf, waren die Kinder von Jonas Ratz offenbar gerade beschäftigt. Was tun, wenn trotzdem morgen die Putzfrau kommt? Ein Erfahrungsbericht in fünf Akten.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Es ist Sonntagabend. Andere Menschen gucken jetzt Netflix, gehen mit dem Hund raus, entkorken die erste Weinflasche. Ich aber stehe im Kinderzimmer und jongliere. Also, nicht buchstäblich. Aber wie sonst soll ich beschreiben, was ich hier gerade versuche?

Sie müssen wissen, montags kommt Frau Jansen zu uns. Von 9 bis 13 Uhr saugt, schrubbt und wischt sie das Haus. Und da fängt es an: Das Kinderzimmer gehört ebenfalls zum Haus - auch wenn Frederik und Oliver es offenbar als exterritoriales Gebiet wahrnehmen.

Eine eigene Playmobil-Armee immerhin haben sie, auf eine militärische Auseinandersetzung will ich es deshalb nicht ankommen lassen. Also stehe ich nun hier im Kinderzimmer und jongliere - mit Worten, Befehlen und einem Baby. Aber der Reihe nach:

Akt eins - die Motivationsnummer

"Jungs, ihr räumt jetzt zusammen auf und danach les' ich Euch noch was vor, hm?" Schon beim Wort "zusammen" glaub ich mir selbst nicht mehr. Denn Oliver und Frederik gehen sehr unterschiedlich an die Sache ran: Während sich Oliver, inzwischen 5, zu Weihnachten Aktenordner ("rot!") zum Sortieren seiner Kita-Zeichnungen gewünscht hat, kann man bei Frederik froh sein, wenn er im Spielzeugberg morgens seinen Sportbeutel findet.

Akt zwei - die operative Phase

Oliver ist voll dabei, wenn auch getrieben von einer Ordnungsliebe, deren Logik sich einem durchschnittlichen Erwachsenen wie mir offenbar nicht sofort erschließt. Wird das auf dem Schreibtisch eine Kunstinstallation aus Buntstiften? Oder räumt er auf? Immerhin bewegt sich Oliver und das durchaus eifrig.

Frederik hingegen verfällt in den Zeitlupen-Modus. Was für ein Wunder der Evolution! Seine Bewegungen und das Ergebnis seiner Aufräum-Bemühungen sind mit bloßem menschlichen Auge nicht wahrnehmbar. Alles gaaaaaaaanz laaaaaaangsaaaaaaaaam.

Ich kämpfe mit mir: Natürlich sollten die Jungs alleine aufräumen, das ist doch eine pädagogische Selbstverständlichkeit. Aber wenn das so weitergeht, klingelt Frau Jansen schon an der Tür, bevor Frederik auch nur die Duplosteine zusammengeräumt hat.

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Akt drei - die Drohung

Ich bin nicht stolz drauf. Aber im Grunde wissen ja ohnehin alle hier im Kinderzimmer, wie ernst ich sie meine. Und wie konsequent ich es durchziehe. Es folgt also eine weitere Aufführung des vielbeachteten Theaterstücks "Über die Ordnung" - Hauptdarsteller: Ich. Regie: die Jungs.

Wenn ich mit Entzug der Gutenachtgeschichte drohe, und sage, wenn hier nicht bald Ordnung herrsche, dann sauge Frau Jansen einfach alles auf - blicken mich meine beiden Regisseure groß aber eher müde an. Und ich fühle mich wie ein Comedian im Club, dessen Gag nicht gezündet hat.

Akt vier - die Unterstützung

Ich helfe mit. Was durch Baby Elisa nicht gerade erleichtert wird: Kehre ich ihr den Rücken zu, verkostet sie Blumenerde. Oder hantiert mit Frederiks Schnitzmesser. Oder kaut auf Batterien rum. In Sachen Gefahrenvermeidung ist ein unaufgeräumtes Kinderzimmer für zehnmonatige Babys ein Minenfeld.

Aufgaben-Jonglage also. Die Bücher ins Regal, gleichzeitig Frederik anfeuern und Elisa von den Murmeln fernhalten. Kapla-Steine einräumen, Oliver zum Händewaschen schicken und Elisa einen Hirsekringel aus den Haaren puhlen. Mit den Lego-Steinen hat hier seit Äonen niemand mehr gespielt, denke ich, als ich im hinteren Winkel des Schranks auf das sagenumwobene Bernsteinzimmer stoße. Ich muss niesen.

Akt fünf - die Reflexion

Der Boden ist wieder begehbar, Olivers Aktenordner sind sorgfältig sortiert, Frederik bewegt sich wieder in Normal-Geschwindigkeit und Elisa lebt noch. Und ich stelle mir Fragen:

  • Warum nicht jeden Abend ein bisschen aufräumen, dann entfällt der Sonntagabend-Marathon?
  • Warum nicht mal Musik anmachen und eine Aufräumparty feiern?
  • Warum nicht die Küchenuhr holen und die Kinder entscheiden selbst, in welcher Zeit sie es schaffen wollen?
  • Warum nicht klare Verhältnisse: Für jedes Spielzeug eine bestimmte Kiste oder einen bestimmten Ort?
  • Und warum nicht die Staubregel: Was am meisten Staub angesetzt hat, fliegt als erstes raus (gilt im Übrigen auch für Erziehungsberechtigte)?

Tja, warum eigentlich nicht? Wahrscheinlich, weil gerade heute wieder einmal was dazwischen gekommen ist. Das Leben oder so.

Aber nächsten Sonntag wird das mit dem Aufräume anders! Gaaaaaaaanz bestimmt.

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (sieben Jahre), Oliver (fünf Jahre) und Elisa (zehn Monate)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

    Jonas Ratz eine E-Mail schreiben.



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8 Leserkommentare
e-biker 20.01.2019
freigeistiger 20.01.2019
remedias.cortes 20.01.2019
f_bauer 20.01.2019
mairae 20.01.2019
Postwachstumsökonom 20.01.2019
schenkilla 22.01.2019
kolenya 24.01.2019

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