Kindesmissbrauch in der Kirche Irlands Scheinheilige suchen Rat in Rom

Tausende Kinder wurden in Obhut der irischen Kirche geschlagen, gepeinigt, vergewaltigt - aber niemand will persönlich die Verantwortung dafür übernehmen. Jetzt suchen die Bischöfe auf einer Reise zum Vatikan den Neuanfang. Doch auch der Papst hat sich nicht als Aufklärer hervorgetan.

Von , London


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Missbrauch in Irlands Kirche: "Grässliche Folgen für die Kinder"
Es sind keine gewöhnlichen Pilger, die am kommenden Wochenende in den Flieger nach Rom steigen werden. Zwei dutzend Bischöfe, drei Erzbischöfe und ein Kardinal - die komplette Führung der katholischen Kirche Irlands muss zur Sonderbeichte in den Vatikan. Jeder Bischof soll sieben Minuten mit Benedikt XVI. unter vier Augen bekommen. Hoffnungsvoll heißt es auf der Insel, der Papst wolle "zuhören, um zu helfen".

Die Oberhirten haben viel zu besprechen. 2009 war ein Jahr der Offenbarungen für die Iren. Zwei detaillierte Untersuchungsberichte förderten eine Kultur des Kindesmissbrauchs in der Kirche zutage, die das tiefkatholische Land in eine Sinnkrise stürzte.

Tausende Kinder wurden in kirchlicher Obhut geschlagen, gepeinigt und vergewaltigt - im sogenannten Ryan-Bericht wurden insgesamt 35.000 Fälle dokumentiert. Nicht weniger schockierend waren die Enthüllungen der Richterin Yvonne Murphy sechs Monate später, dass Kirche und Polizei jahrelang alle Beschwerden über pädophile Priester totgeschwiegen und vertuscht hatten.

Der Betriebsausflug der irischen Bischöfe nach Rom soll nun eine grundlegende Reform der Landeskirche einleiten - zumindest nach den Worten des Dubliner Erzbischofs Diarmuid Martin. "Ich hoffe, die Bischofskonferenz kann sich auf ein Programm für die Zukunft einigen, so dass wir wirklich eine irische Kirche haben können, die ganz anders ist als die bisherige", sagte Martin in einem Interview mit dem "Irish Independent".

Vier Bischöfe traten zurück - der fünfte sperrt sich

Doch setzt sich bisher nur schleppend die Einsicht durch, dass eine grundlegende Reform notwendig ist. Längst nicht alle Kirchenmänner begrüßen Martins Ruf nach Aufklärung. Der 2004 als Reformer angetretene Erzbischof hat viele Feinde im Klerus, nicht wenigen gilt er als Nestbeschmutzer. Unterhalb der obersten Führungsebene brodelt es, viele Geistliche fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Sie empfinden das Resümee des Ende November veröffentlichten Murphy-Berichts als zu hart: Der Vorwurf, dass eine Mehrheit in der Erzdiözese Dublin über Kindesmissbrauch Bescheid wusste und nichts dagegen unternahm, sei "unfair", beschwerte sich der pensionierte frühere Dubliner Weihbischof Dermot O'Mahony in einem Brief an Erzbischof Martin. Er rief seine Kollegen dazu auf, den Bericht in Zweifel zu ziehen.

Die öffentliche Meinung ist jedoch eindeutig, und Martin scheint entschlossen, gegen den Widerstand in seiner Diözese aufzuräumen. Priester, die im Verdacht des Kindesmissbrauchs stehen, werden inzwischen sofort suspendiert. Vier der fünf im Murphy-Bericht namentlich genannten Bischöfe, Donal Murray, James Moriarty, Raymond Field und Eamonn Walsh, mussten zurücktreten. Der fünfte, Martin Drennan, Bischof von Galway, sperrt sich noch - trotz immensen öffentlichen Drucks.

"Grässliche Folgen für die Kinder"

Alle vier Bischöfe traten höchst widerwillig zurück, erst nach wochenlangem Drängen. Er habe nichts vom Kindesmissbrauch gewusst, also hätte er auch nichts berichten oder ahnden können, verteidigte sich der Dubliner Weihbischof Field noch Anfang Dezember. "Ich glaube nicht, dass ich zurücktreten sollte." Wenige Wochen später, in der Messe an Heiligabend, bot er dann doch seinen Rückzug an. Der Papst hat bisher erst eines der vier Rücktrittsgesuche angenommen - das von Murray.

Alle vier begründeten ihren Rücktritt damit, weiteren Schaden von der Kirche abwenden zu wollen. Sich selbst halten sie jedoch für unschuldig, daran ließen sie keinen Zweifel. Nur einer räumte eigene Fehler ein. Moriarty erklärte, das Bestreben, die Kirche zu schützen und den Skandal zu vermeiden, habe grässliche Folgen für die Kinder gehabt und sei zutiefst falsch gewesen: "Ich hätte die vorherrschende Kultur in Frage stellen sollen."

Die meisten bringen nicht einmal diesen Satz über die Lippen. Viele Bischöfe und Pfarrer wollten den Tatsachen nicht ins Auge sehen, kritisierte der "Irish Independent". Die "Irish Times" schimpfte, die Reaktion der Bischöfe sei "verantwortungslos und unprofessionell".

Es scheint der Kirche leichter zu fallen, die Opfer zu entschädigen als personelle Konsequenzen zu ziehen. Millionen Euro sind inzwischen an die irischen Opfer geflossen - ähnlich wie 2002 nach dem Missbrauchsskandal in den USA. Doch persönliche Verantwortung will kaum einer der Kleriker übernehmen, zu groß ist immer noch die Selbstgerechtigkeit.

"Fataler und endgültiger Autoritätsverlust"

Als einer der schlimmsten Vertuscher galt der verstorbene Kardinal Desmond Connell, Martins Vorgänger als Dubliner Erzbischof und ein guter Freund Kardinal Ratzingers, bevor dieser Papst wurde. Noch 2009 hatte Connell als Pensionär versucht, die Arbeit der Murphy-Kommission zu behindern, indem er Akten zurückhielt. Die harten Fragen zu Connell müssten endlich gestellt werden, forderte selbst die katholische Wochenzeitung "Irish Catholic".

Wie weit die irische Reform geht, wird auch vom Papst abhängen. Nach dem Treffen mit den Bischöfen am Montag will er einen Hirtenbrief an die vier Millionen irischen Katholiken verfassen. Warme Worte werden aber kaum reichen, um den Kampf zwischen Reformern und Verteidigern des Status quo in Irland zu entscheiden. Benedikt XVI. hätte längst mehr Einfluss nehmen können, die irischen Priester machen seit Jahren Schlagzeilen. Er beließ es jedoch bei vagen Ermahnungen. Konkret ließ er gar den Vatikan-Gesandten in Dublin die Arbeit der Murphy-Kommission boykottieren.

Eine solche Haltung kann sich der Vatikan künftig nicht mehr leisten, auch in der Katholiken-Bastion Irland nicht. Die Missbrauchsskandale haben vielen Gläubigen die Augen geöffnet, immer mehr wenden sich ab. Um nicht noch weiter an Glaubwürdigkeit zu verlieren, müsse sich die Kirche auf der Insel radikal erneuern, kommentierte der "Irish Independent". "Die Alternative wäre ein fataler und endgültiger Autoritätsverlust."



Forum - Befördert das Zölibat eine Neigung zum sexuellen Missbrauch?
insgesamt 2128 Beiträge
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Seite 1
black wolf, 06.02.2010
1.
Ja und nein. Das Zölibat an sich verstärkt sicherlich keine sexuellen Triebe. Allerdings kann die Repression des Triebs gerade dazu führen, dass die Gedanken permanent um sexuelle Ideen kreisen, weil man ständig vor Entscheidungen steht was man sich gestattet und was zu weit geht. Kann der Zölibatär sich nicht frei äußern - viele trauen sich nicht, mit Fachleuten über ihre Neigungen zu sprechen - nimt das Sexuelle mehr und mehr Raum ins einer (oder ihrer) Gedankenwelt ein. Manche Christen sehen das "Gedankenverbrechen" im SÜndenregister als vollauf gleichwertig mit tatsächlich begangenen Verbrechen. So wird aus einem kurzen Blick auf die Oberweite einer Frau ein Ehebruch - und das soll, auch wenn man nicht in der Lage war das logisch zu erklären, auch für Unverheiratete und Partnerlose gelten. Als in grauer Vorgeschichte das Sexuelle zum religiösen Ge- und Verbotsgegenstand gemacht wurde, begann die Misere. Bis heute können sich Religionen nicht aus dem Klammergriff dieser Besessenheit lösen. Sie müssen anscheinenend zwanghaft immer wieder darauf zurückgreifen, um sich ihrer Relevanz, ihrer Pflicht zum Eingriff ins Privatleben der Schäfchen sicher zu bleiben.
gerthans 06.02.2010
2. Hybris
Die Hybris des Menschen, der sich die Natur untertan macht, Mutter Erde mit Beton versiegelt, sie ausbeutet und vergiftet, begann mit dem Christentum: "Macht euch die Erde untertan!" Zur Natur gehört auch die Sexualität, und das Ideal vom asexuellen Priester, das so viele Leben vergiftet und so viel Schaden anrichtet, entspricht dem Ideal des homo technicus von der unterworfenen Natur.
sitiwati 06.02.2010
3. naja,
Zitat von black wolfJa und nein. Das Zölibat an sich verstärkt sicherlich keine sexuellen Triebe. Allerdings kann die Repression des Triebs gerade dazu führen, dass die Gedanken permanent um sexuelle Ideen kreisen, weil man ständig vor Entscheidungen steht was man sich gestattet und was zu weit geht. Kann der Zölibatär sich nicht frei äußern - viele trauen sich nicht, mit Fachleuten über ihre Neigungen zu sprechen - nimt das Sexuelle mehr und mehr Raum ins einer (oder ihrer) Gedankenwelt ein. Manche Christen sehen das "Gedankenverbrechen" im SÜndenregister als vollauf gleichwertig mit tatsächlich begangenen Verbrechen. So wird aus einem kurzen Blick auf die Oberweite einer Frau ein Ehebruch - und das soll, auch wenn man nicht in der Lage war das logisch zu erklären, auch für Unverheiratete und Partnerlose gelten. Als in grauer Vorgeschichte das Sexuelle zum religiösen Ge- und Verbotsgegenstand gemacht wurde, begann die Misere. Bis heute können sich Religionen nicht aus dem Klammergriff dieser Besessenheit lösen. Sie müssen anscheinenend zwanghaft immer wieder darauf zurückgreifen, um sich ihrer Relevanz, ihrer Pflicht zum Eingriff ins Privatleben der Schäfchen sicher zu bleiben.
die eigentlichen Leute, die den Sex verteufeln sind wohl die Christen ( WEib und Schlange) andere Religionen und Menschen sehn im Sex eben das, was er ist, ein Bedürfnis wie essen und trinken, und was verstehn Sie unter grauer Vorgeschichte??!
derblondehans 06.02.2010
4.
Zitat von sysopNach den jüngsten Missbrauchsfällen geraten nicht nur katholische Geistliche ins Zwielicht, wobei auch die Diskussionen um Ursachen und Wirkungen erneut entflammt sind. Befördert das Zölibat eine Neigung zum sexuellen Missbrauch?
So ein Unsinn. Nach allen vorliegenden Erkenntnissen ist Kindesmissbrauch kein spezifisch klerikales Problem - und mit Sicherheit kein Problem katholischer Geistlicher im besonderen. Eine Debatte über den Zölibat und die kirchliche Sexualmoral eignet sich daher nur als ideologischer Grabenkampf am eigentlichen Problem vorbei - oder aber als Ablenkung von Verantwortlichen für Verfehlungen ihrer Untergebenen gerade zu stehen. Das 'böse Rom' bekommt als Sündenbock nur allzu gerne den schwarzen Peter zugeschoben. Aber auch das ist Verdrängung - nicht Aufarbeitung von Schuld.
Rainer Helmbrecht 06.02.2010
5.
Zitat von sysopNach den jüngsten Missbrauchsfällen geraten nicht nur katholische Geistliche ins Zwielicht, wobei auch die Diskussionen um Ursachen und Wirkungen erneut entflammt sind. Befördert das Zölibat eine Neigung zum sexuellen Missbrauch?
Da ja bekannt ist, dass man um Priester zu werden zölibatär leben muss, muss man auch ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst haben. Die Kombination von der eigenen Störung und einem Verein, der die Mutter Maria entgegen des sonstigen Glaubens, eine besondere Rolle gibt, kann nur zu solchen Menschen führen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Staat/die Strafverfolgungsbehörden ihre Aufgaben nicht wahrnehmen und in Klöstern/Ausbildungsstätten Freiheiten gewähren, die in anderen Gemeinschaften und Vereinen zum Verbot dieser führen würden. Hätte der dt Fußballbund so eine Ansammlung von Pädophilen in seinen Reihen und würde diese dann noch durch Versetzungen in andere Gemeinden aus dem Fokus der Ermittlungen ziehen, hätte man den Dt Fußballbund schon aufgelöst. Die konsequente Trennung von Staat und Kirche ist Voraussetzung für den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor diesen Gestörten. Der Ausspruch lasset die Kindlein zu mir kommen, darf nicht mit Pädophilie verwechselt werden. Die Selbstreinigungskräfte der Kirche sind seit Hunderten von Jahren nicht ausreichend gewesen. MfG. Rainer
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