Kindstötung Zwei Männer suchen einen Mörder

Vor zehn Jahren starb die kleine Jane. Sie wurde vergewaltigt und erstochen. Die Polizei konnte ihren Mörder nicht finden. Jetzt ermitteln ein pensionierter Polizist und ein Privatdetektiv auf eigene Faust.

Von Jens Todt


Kindergrab: "Kreis der Verdächtigen auf wenige Personen eingegrenzt"
dbutzmann.de

Kindergrab: "Kreis der Verdächtigen auf wenige Personen eingegrenzt"

Potsdam - Hartmut Jankowski, 60, hat in seinem Leben viele furchtbare Dinge gesehen, doch eine Szene verfolgt den ehemaligen Chef-Ermittler der Potsdamer Mordkommission bis heute: Das Bild der zehnjährigen Jane, die vergewaltigt, mit mehreren Messerstichen getötet und anschließend wie Abfall in einen Straßengraben geworfen wurde.

Jane Fränzke war am Morgen des 15. Februars 1995 mit ihrem Fahrrad auf dem Schulweg von ihrem Elternhaus in Dornswalde ins etwa neun Kilometer entfernte Baruth unterwegs. Das Mädchen fuhr zunächst mit seinem drei Jahre älteren Bruder los, allerdings trennten sich die beiden, weil Jane im Nachbarort Radeland noch einen Schulfreund abholen wollte. Sie verpasste ihn um nur wenige Minuten - ein Zufall, der sich als tödlich erweisen sollte.

Jane nahm allein eine Abkürzung durch den Wald und traf dort auf ihren Mörder. Am Nachmittag fand ein Freund ihres Bruders die unbekleidete Leiche des Kindes. Das Verbrechen konnte bis heute nicht aufgeklärt werden, doch jetzt, zehn Jahre später, hofft die Polizei, den Täter doch noch fassen zu können.

Außer der Mordkommission Potsdam arbeiten auch noch Privatleute an der Klärung des Kriminalfalls. Neben Rechtsanwalt Mario Seydel, der die Familie Fränzke als Nebenkläger vertritt, und einem Privatermittler der Berliner Detektei "SEKA", beteiligt sich auch immer wieder der inzwischen pensionierte Kripo-Mann Jankowski an der Lösung des Rätsels.

Seydel fordert immer wieder Akteneinsicht, der Privatdetektiv schickt regelmäßig Berichte über eigene Recherchen an die Mordkommission, und Jankowski gängelt aus dem Ruhestand seine alten Kollegen. Diese Hartnäckigkeit veranlasste die Behörden, neuen Schwung in die Ermittlungen zu bringen, vorher hing das Verfahren mangels neuer Ermittlungsansätze in der regelmäßigen Akten-Wiedervorlage fest.

Allerdings zeigen sich die Beamten wenig begeistert von der privaten Konkurrenz: "Von einer Zusammenarbeit kann keine Rede sein", so ein Ermittler, "aber wenn wir Hinweise aus der Bevölkerung bekommen, sind wir natürlich verpflichtet, diesen nachzugehen." Der Druck auf die Fahnder wächst, denn auch in Brandenburgs Innenministerium beobachtet man den ungewöhnlichen Fall offenbar zunehmend mit Argwohn. Zwar bestreitet Pressesprecherin Dorothee Stacke jede Einflussnahme des Ministeriums, bei der Potsdamer Mordkommission jedoch sieht man das anders: "Die setzen uns unter Druck", so ein Beamter, der nicht genannt werden will.

Die Beamten brauchen nun einen Erfolg, um nicht von den privaten Ermittlern düpiert zu werden. Neue Bewegung kam nämlich erst in die Sache, als der Privatdetektiv der zuständigen Staatsanwältin Kornelia Stefan, 40, im November 2004 neue Ermittlungsansätze samt detaillierter Fallanalyse und Täterprofil präsentierte. Das Dossier wurde erstellt vom freiberuflichen Ermittlungspsychologen Lutz Belitz, 58, und machte offenbar nachhaltig Eindruck in Potsdam. Bald darauf beauftragte Stefan die Abteilung "Operative Fallanalyse" des Landeskriminalamtes, nun ihrerseits ein neues Profil zu erarbeiten.

Die Fallanalytiker stützen sich bei ihrer Arbeit auf objektive Daten aus Spurensicherung, Tatortuntersuchung oder Obduktionsbericht und ziehen, soweit möglich, aus dem vermuteten Tathergang Rückschlüsse auf Persönlichkeit, Alter oder Lebensumstände des Täters. Der junge Zweig der Kriminalistik hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Während die Aktenlage der Brandenburger Ermittler im Jahr 1995 ein DIN-A4-Blatt umfasste, präsentierten die LKA-Spezialisten den Beamten der Mordkommission kürzlich ein detailliertes Bild der Täterpersönlichkeit.

Der Privatdetektiv, selbst ehemaliger Kriminaler, will allerdings jetzt schon Hinweise haben, die den Kreis der Verdächtigen "auf wenige Personen eingrenzen", darunter angeblich jemand, der in den bisherigen Ermittlungen "überhaupt keine Rolle gespielt hat". Der "SEKA"-Ermittler hat eigenen Angaben zufolge immer wieder in der Gegend um Baruth im Süden Brandenburgs recherchiert, unentgeltlich, sagt er. "Mein Geld verdiene ich mit anderen Fällen, das hier ist etwas Persönliches." Vor einigen Jahren habe sein Sohn nach einem schweren Verkehrsunfall einige Tage zwischen Leben und Tod geschwebt. "Ich kenne das Gefühl der Angst um ein Kind, das ist Motivation genug."

Große Hoffnungen setzen die Fahnder auch in die neuerliche Untersuchung von Janes Kleidung. Das LKA hat nämlich technisch aufgerüstet: Seit wenigen Monaten können mit Hilfe von gefiltertem UV-Licht selbst kleinste biologische Substanzen auf Textilien entdeckt werden. Offiziell will sich das LKA zu den Chancen auf eine brauchbare neue Spur nicht äußern - der Fall ist zu brisant. In Ermittlerkreisen jedoch heißt es, die Kriminaltechniker hätten einen winzigen Fleck entdeckt und seien "sehr optimistisch".

"Wir kriegen den Täter", ist auch Bernd Schulz von der Potsdamer Mordkommission überzeugt. Der Kriminalhauptkommissar hat den ungeklärten Fall von seinem Vorgänger Jankowski übernommen. Dem lässt Janes Schicksal ebenfalls keine Ruhe: Immer wieder wälzt er die alten zerfledderten Akten und sucht nach Hinweisen, die vielleicht bisher von ihm übersehen worden waren. "Ich hatte den Eltern damals versprochen, dass ich den Mörder finde", so Jankowski, "allerdings konnte ich mein Wort nicht halten."

Dabei hatte es anfangs so gut ausgesehen: Mehrere Zeugen hatten einen roten Golf in der Nähe des Tatorts beobachtet, sogar eine Spermaspur konnte gesichert werden. Doch der Hinweis auf das Fahrzeug führte ins Leere, und das Sperma, durch Kot verunreinigt, erwies sich als unbrauchbar für einen DNA-Abgleich. Damals kam die Polizei einfach nicht mehr weiter - jetzt aber stehen die Ermittlungen möglicherweise kurz vor dem Durchbruch.

Eine entscheidende Rolle könnte dabei dem neuen Täterprofil zukommen. Es lege nahe, so der Privat-Ermittler nebulös, dass der Mörder "eine sehr besondere Vorgehensweise gezeigt hat" - was auf ein Motiv hinweist, das in der deutschen Kriminalgeschichte bisher kaum eine Rolle gespielt habe. Der Detektiv gibt sich überzeugt, dass Janes Eltern dem Mörder ihres Kindes bald in die Augen schauen können: "Vielleicht dauert es noch fünf Wochen, vielleicht fünf Monate, eines aber ist sicher: Der Mann wird gefasst."



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