Kirche Unbarmherzige Schwestern

Nächstenliebe war ihr Leitbild, sie kümmerten sich um Arme, Kranke, Schwache. Doch wenn sie selbst Unterstützung brauchen, stehen sie allein da. Ehemaligen Nonnen, die in Rente gehen wollen, droht die Verarmung. Ihre Orden haben jahrzehntelang kaum Beiträge für sie abgeführt.

Von Felix Kurz


 Ausgetretene Peters, Fritsch und Wesolowski (v.l.): Not im Alter
DER SPIEGEL

Ausgetretene Peters, Fritsch und Wesolowski (v.l.): Not im Alter

Immer hatte sie nur an die anderen gedacht. Immer war sie für Dritte da. Immer, zu jeder Zeit, tagsüber, nachts, rund um die Uhr. Freizeit? Ein Fremdwort. An sich selbst dachte die kleine Frau mit den kurzen Haaren als letztes. Irgendwann wurde die Kraft weniger. Schlapp fühlte sie sich, abgespannt, schließlich wurde sie krank. Diagnose: Erschöpfungsdepressionen.

Seit einem dreiviertel Jahr ist Juliane Wesolowski, 56, krank geschrieben. Ihr Arbeitgeber, der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Berlin-Brandenburg e.V., möchte sie gern in Frührente schicken. Eine hübsche Idee, "doch das kann ich eigentlich nicht", sagt die Berlinerin leise.

Denn obwohl sie mehr als 30 Jahre lang beschäftigt war, steht ihr nach Berechnungen der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte nur eine geringe Rente von knapp 800 Euro monatlich zu. Der Grund: Juliane Wesolowski war Nonne. 23 Jahre lang gehörte sie zur "Kongregation der Marienschwestern von der Unbefleckten Empfängnis" in Berlin. Der Orden, für den sie jahrzehntelang arbeitete, führte nur sehr geringe Rentenbeiträge für sie ab - eine gängige Praxis auch in anderen Orden. Nonne Wesolowski diente erst als Krankenschwester, später als Leiterin einer Station am Berliner St. Marien-Krankenhaus, aber sie bekam weder ein Gehalt noch zahlte ihr Orden für sie nennenswerte Beträge in die Rentenversicherung ein.

Ihre früheren Mitschwestern Angelika Fritsch und Monika Peters, die ebenfalls ausgetreten sind, teilen das gleiche Schicksal. Notgedrungen klagt Wesolowski nun gegen ihren ehemaligen Orden vor dem Landgericht in Berlin. Dieser soll den früheren Nonnen "sämtliche rentenversicherungsrechtliche Nachteile", die sie während ihrer Ordenszeit "erlitten haben", ausgleichen, verlangt ihr Mannheimer Anwalt Manuel Fahrenkamp, der mehrere ehemalige katholische Schwestern vertritt.

Etwa Wilma Pfeifer aus dem pfälzischen Dörfchen Albersweiler bei Landau. Die resolute 64-Jährige schloss sich 1961 dem Orden St. Dominikus in Speyer an. Sie arbeitete in St. Ingbert und Saarbrücken als Religionslehrerin. Der Orden kassierte das Lehrergehalt. Eine Lohnabrechnung sah sie nie. Nennenswerte Zahlungen in die Rentenkasse? Fehlanzeige auch hier. Davon ahnte Wilma Pfeifer nichts - und zu dieser Zeit war ihr es auch egal, denn mit dem Einstieg in den Orden schien sich ihr Lebenstraum zu erfüllen.

Doch nach vielen Jahren kollidierten Traum und Wirklichkeit so unbarmherzig miteinander, dass sie ihren Austritt beantragte. Ihr alter Vater war krank, und sie wollte ihn im elterlichen Wohnhaus pflegen. Die Ordensoberen beurlaubten sie für zwei Jahre von der Anwesenheitspflicht im Kloster. Danach blieb der Vater ein Pflegefall. Sie wollte ihn weiter betreuen - doch ihre Vorgesetzten stellten sich quer und verlangten, dass die Schwester hinter die klösterlichen Mauern zurückkehren solle.

"Mit christlicher Nächstenliebe hatte das nichts mehr zu tun", befand Pfeifer, verließ den Orden nach über 33 Jahren und pflegte ihren Vater bis zu dessen Tod. Freunde vermittelten ihr danach eine Stelle als Religionslehrerin am Trifels-Gymnasium in Annweiler. In diesem Jahr wird sie pensioniert. Wovon sie danach leben soll, weiß sie nicht. Auch ihr fehlen die Rentenbeiträge aus ihrer Ordenszeit. Nach dem Sozialgesetzbuch müssen die ehemaligen Nonnen zwar nachversichert werden. Doch als Bemessungsgrundlage dienen lediglich die äußerst geringen Geld- und Sachzuwendungen, die sie während ihrer Ordenszugehörigkeit erhalten haben und nicht etwa das vergleichbare Gehalt einer Krankenschwester oder Lehrerin.

Mangelnde Vorsorge liegt dabei in der Natur der Sache: "Ich wollte Gott damals ganz dienen, mit vollem Herzen für den Herrn eintreten", erzählt Juliane Wesolowski. Sie nannte sich "Ancilla", die Magd des Herrn, gelobte Armut und den Marienschwestern ihre gesamte Arbeitskraft unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Im Gegenzug versprachen diese, die Nonne bis zu ihrem Lebensende zu versorgen.

Davon ist seit ihrem Austritt keine Rede mehr. Heute fehlen ihr bei der Rentenberechnung rund 450 Euro im Monat. Als Wesolowski ihre ehemaligen Ordensschwestern um Beistand bat, wurde sie abgeschmettert: "Da auch unsere Einnahmen immer weniger werden und die Versorgung vieler alter und kranker Schwestern sehr kostenaufwendig ist", solle sie doch "die staatlichen Hilfen und Möglichkeiten" ausschöpfen, schrieb die Provinzoberin.

Diese generelle Verweigerungshaltung katholischer Orden verfehlt ihre Wirkung nicht. "Es gibt viele Nonnen, die raus wollen, aber die Frauen fürchten die drohende finanzielle Notlage" sagt Sabina Gerster. Die Seniorenbeauftragte des Landkreises Kaiserslautern war selbst 36 Jahre lang Nonne. Manche Ordensgemeinschaft spekuliert wohl auch darauf, dass die Abtrünnigen in der Not wieder zurückfinden. So erhielt Wilma Pfeifer von der Generalpriorin der Dominikanerinnen zur Antwort: "Es steht dir frei, bei deinem Eintritt ins Rentenalter dich erneut an uns zu wenden."



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