Kleinstadt-Posse Schmierentheater in Zeiten der Flut

Viele Menschen im sächsischen Dohna stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Ihre Häuser wurden von den Fluten der Müglitz davongespült. Währenddessen tobt zwischen Bürgermeister und Landrat eine kleinliche Schlammschlacht um Kompetenzen. Die Kontrahenten teilen kräftig aus.

Von Rüdiger Strauch


Nach dem Angriff der Müglitz-Fluten setzt im sächsischen Dohna ein Kleinkrieg zwischen Bürgermeister und Landrat ein
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Nach dem Angriff der Müglitz-Fluten setzt im sächsischen Dohna ein Kleinkrieg zwischen Bürgermeister und Landrat ein



Dohna – Vor wenigen Tagen noch kämpften die Bewohner Dohnas die wahre Schlammschlacht. Die Müglitz, ein kleines Flüsschen, das in der Sächsischen Schweiz in die Elbe mündet, schwemmte mit ungeheurer Wucht Dreck und Schlick in das Städtchen in der Nähe von Pirna. Die Fluten rissen Hauswände ein, ließen das Mauerwerk einstürzen, als sei es aus Pappe. Nachdem sich das Wasser wieder ins Flussbett zurückgezogen hatte, glich die Müglitztalstraße in dem fast tausend Jahre alten Ort einem Trümmerfeld. Überall Schutt und meterdicker Schlamm.

Schmierentheater nach der Schlammflut

Inzwischen ist Dohna vom gröbsten Schmutz befreit. Die Schlammschlacht, die jetzt tobt, hat nur noch wenig mit dem stinkenden Morast der Flutkatastrophe zu tun. Was sich zwischen dem Landratsamt der Kreisstadt Pirna und Dohnas Stadtoberhaupt abspielt, ist eher eine Art Schmierentheater.

Jeder der Protagonisten sieht im anderen die wahre Dreckschleuder. Niemand spricht das so aus, aber seit der parteilose Dohnaer Bürgermeister Friedhelm Putzke von Landrat Michael Geisler (CDU) seines Amtes als technischer Leiter des Katastrophenstabes enthoben wurde, spucken beide Seiten Gift und Galle. "In einer Nacht- und Nebelaktion", sagt Putzke, sei er abserviert worden. Zum Showdown in Putzkes Haus sekundierten dem Überbringer der niederschmetternden Botschaft, Landrat Geisler, zwei Parteifreunde. Die Entlassung kam urplötzlich und stabsmäßig. Alles ging ganz schnell. Eine Begründung? "Dazu ist kein Ton gefallen", erklärt Putzke fassungslos. Geisler pariert mit dem Hinweis, Putzke habe sich mit der unehrenhaften Entlassung einverstanden erklärt. "Über Putzkes Okay habe ich eine Aktennotiz, die von den anwesenden Zeugen beglaubigt ist", entgegnet der Landrat.

Knöllchen für Falschparker in Zeiten der Flut?

In einer Presseerklärung des Landratsamtes vom Folgetag liest sich der Vorgang deswegen so: Man habe den Bürgermeister "in beiderseitigem Einvernehmen" als Einsatzleiter abgesetzt. Putzke erscheint es im nachhinein eher so, als habe das Landratsamt einem missliebigen, parteilosen Stadtoberhaupt seine Grenzen aufzeigen wollen. Die Flutkatastrophe war ein willkommener Anlass.

Hat Dohnas Bürgermeister Friedhelm Putzke die Aufräumarbeiten behindert, indem er Hilfsangebote ausschlug? Das jedenfalls behauptet Landrat Michael Geisler
DDP

Hat Dohnas Bürgermeister Friedhelm Putzke die Aufräumarbeiten behindert, indem er Hilfsangebote ausschlug? Das jedenfalls behauptet Landrat Michael Geisler

Von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen erfuhr Putzke nach eigenem Bekunden erst knapp zwei Tage später – aus der Zeitung. "Das Wasser stand noch in den Kellern, da hat der Bürgermeister eigenhändig Knöllchen für Falschparker vereilt", war in der Dresdner Morgenpost zu lesen. Zur Wort kam eine vorgebliche Bewohnerin Dohnas, deren Namen Putzke überhaupt nicht geläufig ist. "Diese Frau ist in Dohna nicht gemeldet und auch sonst nicht bekannt", schreibt Putzkes Anwalt in einem Brief an die Redaktion der Zeitung.

Logik eines Kleinstadt-Königs

Und er kennt sie eigentlich fast alle, seine Dohnaer. Nur 6000 Einwohner hat der Ort. Seit 1990 führt Putzke die Amtsgeschäfte im Rathaus. Bei den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr hatte Putzkes Gegenkandidat von der CDU keine Chance: 53,5 Prozent der Wähler wollten wieder nur ihn: Putzke, den Sanierer, der einer der wenigen schuldenfreien sächsischen Städte vorsteht. "Ich wurde im ersten Wahlgang gewählt!", betont der Veterinärmediziner stolz und fügt an, eigentlich sei die Unterstützung ja noch viel, viel größer. 40 Prozent der Bürger nämlich enthielten sich ihrer Stimme. "Nichtwähler", sagt Putzke, "sind zufrieden mit dem Amtsinhaber und gehen deswegen nicht an die Urne." Die Logik eines Kleinstadt-Königs.

Von sich selbst behauptet Putzke, er sei "ein korrekter Bürgermeister". Knöllchen an Falschparker in katastrophalen Flut-Zeiten? Die habe es nicht mehr gegeben, seit die Müglitz das Hochwasser-Chaos nach Dohna gebracht hat, verwahrt sich der 57-Jährige. Mahnhinweise an der Windschutzscheibe allerdings schon. "Das lasse ich mir doch nicht nehmen", beharrt der penible Putzke. Drei Fahrzeuge hätten schließlich "voll auf dem Gehweg gestanden".

One-Man-Show zu Lasten der Stadt?

Im benachbarten Pirna beobachtete Landrat Michael Geisler das Treiben des Dohnaer Bürgermeisters derweil mit Misstrauen. Er habe ihn "aus der Schusslinie" nehmen wollen, erklärt Geisler. Putzkes Kompetenzen als Bürgermeister seien unbeschnitten; einzig im Katastrophenstab könne Putzke nicht mehr in vorderster Reihe mitmischen. "Ungeordnete Zustände" habe er bei einer Begehung Dohnas feststellen müssen. Beschwerden über die schlechte Zusammenarbeit der Hilfskräfte mit dem Bürgermeister hätten das Fass letztlich zum Überlaufen gebracht.

Auch in Pirna, dem Sitz des Landratsamtes der Sächsischen Schweiz, haben die Fluten Verwüstungen hinterlassen
DDP

Auch in Pirna, dem Sitz des Landratsamtes der Sächsischen Schweiz, haben die Fluten Verwüstungen hinterlassen

Deutlichere Worte spricht Klaus Leroff. Der sächsische CDU-Landtagsabgeordnete war zugegen, als der Landrat dem Bürgermeister die schlechte Nachricht von der Entlassung mitteilte. "Mit einer One-Man-Show kann man die Aufräumarbeiten in Dohna nicht bewältigen", kritisiert er Putzkes Führungsstil. Der Rathauschef habe Hilfsangebote von Bundeswehr und Technischem Hilfswerk ausgeschlagen und nicht bemerkt, dass er "eigentlich überfordert" gewesen sei. Nach Putzkes Absetzung als Leiter des Krisenstabes "fluppt es jetzt" in Dohna, sagt Leroff. Die neue Einsatzleitung, zu der auch Leroff selbst gehört, nehme den Rat von Fachleute ernst. "Endlich wird gearbeitet. Die Müglitztalstraße war ganz schnell freigeräumt."

Putzkes Anwälte allerdings verweisen auf gravierende Fehler der neuen Herren an der Hochwasser-Front. Die Sache mit Frau Hoppe geht ihnen nicht aus dem Kopf. In den Fluten der Müglitz brach eine Außenwand ihres Hauses weg. Tagelang stand Hoppe vor dem einsturzgefährdeten Gebäude, und immer versicherte ihr der Bürgermeister, ihre Habseligkeiten könnten in Sicherheit gebracht werden. Dann wurde Putzke als Einsatzleiter geschasst, und die neuen Chefs machten mit Hoppes Haus kurzen Prozess. Abrissbirne und Bagger besorgten den Rest. "Die Frau steht vor dem Nichts", prangert ein Mitarbeiter der von Putzke beauftragten Bochumer Anwaltskanzlei Geyer & Borchert an. Inzwischen hat Frau Hoppe Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den ihrer Ansicht nach voreilig handelnden Krisenstab eingereicht.

"Ich haben nach der Flut genug Tote gesehen"

CDU-Mann Leroff möchte sich diesen Vorwurf nicht gefallen lassen. Das Haus habe eine akute Gefährdung der Öffentlichkeit dargestellt. Statiker hätten bei einer Begehung "keine Gegenstände von Wert" feststellen können. Deswegen die Anweisung, das Gebäude einzureißen. "Ich habe nach der Flut genug Tote in dieser Gegend gesehen", sagt Leroff. Das Haus sei es nicht wert gewesen, Menschenleben aufs Spiel zu setzen.

Hochwasser-Schäden in der Nähe von Pirna: Viele Häuser sind einsturzgefährdet
DPA

Hochwasser-Schäden in der Nähe von Pirna: Viele Häuser sind einsturzgefährdet

Bürgermeister Friedhelm Putzke indes wähnt sich als Opfer arglistiger Intrigen aus dem Landratsamt. Er fühle sich "seelisch miserabel" und könne "jede Stunde heulen", erklärt er. Die Arroganz der neuen Leitung des Krisenstabes gehe soweit, ihm nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee anzubieten. Dabei sei er doch immer noch pausenlos im Katastrophen-Einsatz.

Und obwohl sich der Kleinkrieg zwischen Bürgermeister und Landrat bis in die eigene Familie auswirkt, hat Putzke noch immer nur das Wohl seiner Stadt im Auge. Wegen des Kompetenz-Hickhacks habe das Vertrauen in den Ort Dohna "unglaublich gelitten", beklagt er. Das schlage sich bereits merklich in der Spendenbereitschaft nieder. Dabei benötigt der Ort so dringend finanzielle Hilfe. Über zehn Häuser müssen noch abgerissen werden. Und während Bewohner ihre Existenz verlieren, tobt in Dohna weiterhin die Schlammschlacht der Politiker.



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