Misshandlungsvorwürfe in Flüchtlingsheim "Das ist fatal"

Was ist dran an den Misshandlungsvorwürfen gegen Wachmänner einer Flüchtlingsunterkunft? Die Polizei ermittelt, konkrete Hinweise hat sie nicht. Drei Asylbewerberinnen erzählen nun, was passiert sei. Doch Anzeigen wollen sie nicht erstatten.

Von Claudia Hauser, Köln

Turnhalle in Humboldt-Gremberg: Rund 200 Flüchtlinge sind hier untergebracht
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Turnhalle in Humboldt-Gremberg: Rund 200 Flüchtlinge sind hier untergebracht


Die Vorwürfe sind brisant, die Frauen aus einer Flüchtlingsunterkunft im Kölner Stadtteil Humboldt-Gremberg gegen Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes erhoben haben. Systematisch sollen sie Frauen begrapscht, nackt gefilmt, sogar vergewaltigt haben - so steht es in einem offenen Brief, den etwa 70 Flüchtlinge mithilfe einiger Unterstützer am Mittwoch in einer Kölner Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge abgegeben haben.

Die Polizei befragte noch während einer Kundgebung der Gruppe am Kölner Dom einige Frauen und suchte gleichzeitig die Unterkunft im Rechtsrheinischen auf. Mithilfe von Dolmetschern befragten die Beamten mehr als 50 Frauen. Doch konkrete Hinweise auf eine Straftat gab es nicht. "Keine der Frauen machte Angaben darüber, Opfer oder Zeuge der sexuellen Übergriffe geworden zu sein", sagt ein Polizeisprecher.

Bernhard Deschamps, Projektmanager des Security-Unternehmens, hält die Vorwürfe für "völlig haltlos". Zwei Wachmänner seien nachts in der Halle. "Jeden Tag sind 15 unserer Leute in der Stadt unterwegs und überprüfen die Arbeit der Kollegen. Wir arbeiten nicht unbeobachtet auf einer Insel."

Am Donnerstabend erklären sich dann drei Frauen bereit, offen über das zu sprechen, was passiert sein soll. Allerdings nicht mit der Polizei, sondern mit drei Journalistinnen. Das Treffen, arrangiert von Mitgliedern der Unterstützer-Gruppe "Dignity for Refugees Cologne", findet im Hinterzimmer eines multikulturellen Vereins an der Frankfurter Straße in Köln-Mülheim statt. Eine Übersetzerin ist auch dabei. Die drei Frauen aus Syrien und dem Libanon, 19, 21 und 22 Jahre alt, wollen explizit nicht mit Männern sprechen und lehnen es ab, ihre Aussagen bei der Polizei zu Protokoll zu geben, aus Angst, wie sie sagen.

"Das ist ein offenes Geheimnis"

Sie leben seit bis zu drei Monaten in der Turnhalle und haben den offenen Brief und ein zweites Schreiben mitverfasst, in dem sie die hygienischen Zustände in der Unterkunft anprangern, die Enge, das Essen. Die Mitarbeiter des Sicherheitsdiensts nennen sie "Securities".

"Jeder von ihnen hat ein sexuelles Verhältnis mit einer der Bewohnerinnen", erzählt die 19-Jährige. "Das ist ein offenes Geheimnis." Die Männer würden den Frauen, die teilweise verheiratet seien, Versprechungen machen - dass sie ihnen eine Wohnung besorgen könnten etwa. "Sie setzen sie psychisch unter Druck, sagen ihnen, dass sie ihren Männern davon erzählen, wenn sie nicht mitmachen." Das passiere abseits des riesigen Schlafraums in Toiletten oder Duschen. Die Frauen würden warten, bis ihre Männer schlafen und dann zu den "Securities" gehen. "Wir leben dort in Angst. Keine geht allein auf die Toilette oder duschen."

Die Wachmänner, pro Nacht haben zwei Dienst, würden Freunde mit in die Unterkunft bringen, die sich wie die Wachleute anziehen würden. "Die bleiben immer für ein paar Stunden. Einer dieser Fremden hat versucht, ein Mädchen zu vergewaltigen, sie war 16", sagt die 22-Jährige. "Vier Bewohner haben das gesehen, da ist der Mann abgehauen." Das Mädchen habe sich geschämt, ihre Eltern hätten es nicht mitbekommen. Als dann Gerüchte die Runde machten, habe sich die Familie darum gekümmert, in eine andere Unterkunft verlegt zu werden. "Ich habe gehört, sie leben jetzt bei Verwandten."

Die "Securities" würden in die Duschen kommen, wenn Frauen darin seien, sie würden schlafende Frauen fotografieren, die 21-Jährige erzählt, dass sie gesehen habe, wie ein Wachmann die Brust einer Frau fotografiert habe, die beim Stillen eingeschlafen sei. "Der Spuk geht bis morgens um fünf, dann ist Ruhe, zwei Stunden später ist Schichtwechsel."

Alle Frauen seien angespannt in der Turnhalle, in der 200 Menschen untergebracht sind, dicht an dicht schlafen sollen, ohne eine räumliche Trennung von Frauen und Männern. "Wir sind wach nachts, um uns vor den Securities zu schützen", sagt die 19-Jährige. "Das sind verdrehte Verhältnisse - die sind doch eigentlich da, um uns zu beschützen."

Keine Anzeigen

Durch einen Flyer wurden einige der Flüchtlinge auf die Helfer-Gruppe "Dignity for Refugees Cologne" aus dem linken Spektrum aufmerksam. "Nachdem wir in vielen Gesprächen immer mehr über die Zustände in der Turnhalle erfahren haben, Stück für Stück auch die sexuellen Übergriffe ans Licht kamen, haben wir den offenen Brief mit den Betroffenen verfasst", sagt eine Frau der Gruppe.

Alle Mitglieder wollen anonym bleiben. Man habe mit dem offenen Brief eine Debatte in Gang bringen wollen in der Hoffnung, viel Öffentlichkeit zu erreichen. "Wir wollen, dass nichts unter den Tisch gekehrt wird", sagt die Aktivistin. Ob nie zur Diskussion stand, mit den Frauen zur Polizei zu gehen? "Wir haben das diskutiert, aber sie wollen keine Anzeigen erstatten."

Sie könne das verstehen. Außerdem wüssten doch jetzt alle Bescheid, die Polizei und die Oberbürgermeisterin. "Wir hoffen, alles klärt sich auf und die Frauen kommen in bessere Unterkünfte." Die Frauen erzählen, dass die Wachmänner am Mittwoch die Frauen ausgesucht hätten, die schließlich von der Polizei vernommen worden seien. Auf ein Angebot der Polizei, die Frauen in Mülheim abzuholen, um mit ihnen zu sprechen, wollen sie nicht eingehen.

Seitens der Kölner Polizei heißt es dazu: "Das ist fatal. Die Debatte kann komplett in die falsche Richtung gehen, wenn die Betroffenen nicht mit uns sprechen." Man könne auch mögliche Opfer nur schützen, wenn es konkrete Hinweise gebe. Dass die beschuldigten Männer die Frauen ausgesucht hätten, sei absoluter Blödsinn.

Auch Projektmanager Deschamps braucht Zahlen, Daten, Fakten. "Wenn wir wissen, wann etwas passiert sein soll, können wir Dienstpläne überprüfen, die infrage kommenden Mitarbeiter eingrenzen und befragen", sagt er. Er hat 350 Mitarbeiter, die in 100 Objekten arbeiten. Es gebe Stammteams, aber auch immer wieder Wechsel. Nachts seien in der Halle immer zwei seiner Leute und zwei so genannte Brandhelfer in gelben Westen, die bei einem Subunternehmer angestellt seien. Ob die Frauen diese Männer mit "Freunden" meinen, ist unklar. "Die Vorwürfe können verheerende Auswirkungen haben - das sollten die wissen, die sie erheben."

Die Polizei hat am Abend dazu aufgerufen, dass mögliche Opfer oder Zeugen sich dringend melden sollen.

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