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Misshandlungsvorwürfe in Flüchtlingsheim: "Diese Geschichte trifft uns ins Mark"

Von Claudia Hauser und

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Michael Bause

Übergabe des Schreibens: Bisher keine konkreten Hinweise auf sexuelle Übergriffe

In einem Schreiben wird Wachmännern einer Kölner Flüchtlingsunterkunft vorgeworfen, Frauen sexuell belästigt zu haben. Bisher fehlen laut Polizei konkrete Hinweise.

Ein Bauzaun trennt die Flüchtlingsunterkunft im Kölner Stadtteil Humboldt-Gremberg von einer Grundschule. Es ist große Pause. Kamerateams schleppen am Vormittag ihre Ausrüstungen am Zaun vorbei. "Kommen wir ins Fernsehen?", fragt ein Mädchen.

Einen Tag nachdem Frauen aus der Unterkunft schwere Vorwürfe gegen Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes erhoben haben, ist das Interesse für das, was passiert sein soll, riesig: Frauen sollen in der Halle beim Duschen gefilmt und begrapscht worden sein.

Die Wachmänner - neun werden belastet - sollen versucht haben, Frauen zum Sex zu überreden, sogar von Vergewaltigungen ist die Rede. Die Vorwürfe sind in einem Schreiben aufgelistet, das etwa 70 Flüchtlinge mit Hilfe von einigen Unterstützern am Mittwoch in einer Kölner Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge abgegeben haben. Zusammen mit einem weiteren offenen Brief, in dem sie die hygienischen Zustände in ihrer Unterkunft anprangern, die Enge, das Essen.

"Es stinkt unerträglich in der Halle", sagt eine Frau vor der Unterkunft. "Ich gehe nachts immer wieder raus, um Luft zu bekommen." Die 51-Jährige stammt aus dem Irak, wurde mit ihren drei Töchtern (11, 19, 20) in der Turnhalle untergebracht. Die 200 Flüchtlinge müssten dicht an dicht schlafen, alle würden darunter leiden, keine Privatsphäre zu haben. Es gebe zu wenig Duschen und Toiletten.

Blick in die Unterkunft: Dicht an dicht Zur Großansicht
privat

Blick in die Unterkunft: Dicht an dicht

Von sexuellen Übergriffen allerdings weiß sie nichts. Auch ihre Töchter hätten ihr nichts davon erzählt. Eine andere Frau zeigt Fotos, die sie in der Halle gemacht hat. Sie zeigt ihr Bein, das von Hautausschlag übersät ist. "Das haben viele hier", sagt sie. "Die Kinder sind auch dauernd krank."

Dass einer der Wachmänner Frauen belästigt haben soll - davon weiß sie nichts. Viele hätten aber Angst vor dem Sicherheitsdienst. "Ich habe aber auch Angst, wenn Flüchtlinge nachts spät kommen und betrunken sind." Sie und viele andere Frauen würden kaum schlafen.

Eine 39 Jahre alte Frau aus Syrien sagt: "Ich habe beobachtet, dass ein Security-Mitarbeiter nachts schlafende Frauen fotografiert hat." Und einmal habe ein Wachmann eine Frau gefragt, ob sie mit ihm duschen wolle. "Er ist gegangen, als sie ihm gesagt hat, er solle den Duschraum verlassen", erzählt sie.

Ein Mann sagt, dass ein Mitarbeiter einer Frau aus dem Libanon einen Heiratsantrag gemacht habe. "Sie hat nein gesagt, und das war okay für ihn."

Die Polizei sagt, sie habe gleich am Mittwochabend mehr als 50 Frauen zu den Vorwürfen befragt - konkrete Hinweise auf eine Straftat ergaben sich dabei demnach nicht. "Alle haben einstimmig gesagt, weder Opfer einer Sexualstraftat noch Zeugin eines Übergriffs geworden zu sein", sagte ein Polizeisprecher. Eine Frau habe konkrete Vorwürfe erhoben. "Im weiteren Gespräch stellte sich aber heraus, dass sie ihre Infos nur vom Hörensagen hatte."

Turnhalle in Humboldt-Gremberg: Rund 200 Flüchtlinge sind hier untergebracht Zur Großansicht
DPA

Turnhalle in Humboldt-Gremberg: Rund 200 Flüchtlinge sind hier untergebracht

Bernhard Deschamps, Projektmanager des Security-Unternehmens, hält die Vorwürfe für "völlig haltlos". "Diese Geschichte trifft uns ins Mark, ich bin absolut sprachlos." Es gebe keinen Beweis dafür, wie, wo und wann etwas passiert sein soll. Zwei Wachmänner seien nachts in der Halle. "Jeden Tag sind 15 unserer Leute in der Stadt unterwegs und überprüfen die Arbeit der Kollegen. Wir arbeiten nicht unbeobachtet auf einer Insel." Er hoffe, dass die Polizei alle Vorwürfe gründlich überprüfe. "Ich gehe davon aus, dass die Ergebnisse uns entlasten."

Die Gruppe "Dignity for Refugees Cologne" gehört zu den Unterstützern der Flüchtlinge, jemand von ihnen hat das Schreiben verfasst. "Man bekommt vieles von dem, was in den Unterkünften passiert, nicht mit", sagt einer von ihnen. Er möchte seinen Namen nicht nennen. Mehrere Bewohner der Unterkunft in Humboldt-Gremberg hätten sich an die Unterstützer gewandt. "Einige sind in den Hungerstreik getreten, um auf die Missstände aufmerksam zu machen."

Erst in den Gesprächen seien nach und nach die Vorwürfe zu sexuellen Übergriffen ans Licht gekommen. Dass die Befragungen der Ermittler bisher nichts ergeben haben, wundert ihn nicht. "Viele trauen sich nicht, darüber zu sprechen. Dann läuft da abends die Kripo in der Halle auf und stellt Fragen, so funktioniert das nicht." Die Frauen bräuchten vertrauensvolle Ansprechpartner. "Sie kennen uns auch erst seit Kurzem. Jetzt zu sagen: Okay, da war nichts, ist ein bisschen zu einfach."

Für den frühen Abend hat die Gruppe zu einem Pressegespräch mit einer betroffenen Frau eingeladen, die erzählen will, was genau passiert ist.

Flüchtlingsrat fordert Beschwerdestelle

"Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, sollte diesen Frauen eine entsprechende Betreuung ermöglicht werden", sagt Anna Kress, Sprecherin der Geschäftsstelle des Kölner Flüchtlingsrats. Das Heim sei ihr nicht als problematisch bekannt gewesen, dennoch sei eine Unterbringung von Flüchtlingen in einer Turnhalle immer schwierig. Der Kölner Flüchtlingsrat fordert daher unabhängige Anlaufstellen für Flüchtlinge bei Problemen in Unterkünften. "Es sollte ein Beschwerde-Management von der Stadt Köln geben und eine Person pro Unterkunft, an die sich die Bewohner wenden können."

Im vergangenen Jahr gab es zwei Vorfälle, bei denen sich Frauen in Unterkünften mit wenig Privatsphäre durch Blicke sexuell belästigt fühlten. Das geht aus der Antwort der Stadtverwaltung auf eine Anfrage der Kölner Linken und Piraten hervor (hier als PDF).

Ob die Belästigung von anderen Bewohnern oder dem Sicherheitspersonal ausging, wird allerdings nicht beantwortet. In beiden Fällen seien die Frauen und ihre Familien verlegt worden.

Auch die Agisra, eine Informations- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen, hat Kontakt zu der Unterkunft aufgenommen.

Seitens der Polizei heißt es, die Vorwürfe seien insgesamt derart massiv, dass in jedem Fall weiter ermittelt werde. "Wir haben eine Ermittlungsgruppe gegründet mit Kollegen aus dem Kriminalkommissariat 12, in dem ausschließlich Sexualdelikte bearbeitet werden." Wer die beiden Beschwerdeschreiben eigentlich verfasst hat, konnten die Ermittler bisher noch nicht ausmachen.

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