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17. Januar 2013, 13:40 Uhr

Köln

Katholische Kliniken sollen Vergewaltigungsopfer abgewiesen haben

Eine junge Frau soll in Köln mit K.-o.-Tropfen betäubt worden sein, möglicherweise wurde sie auch vergewaltigt. Um sie nach Tatspuren untersuchen zu lassen, wollte eine Notärztin die 25-Jährige ins Krankenhaus schicken. Zwei katholische Kliniken sollen sich geweigert haben.

Köln - Die 25-Jährige hatte offenbar keine Ahnung, wie sie auf der Parkbank im Kölner Stadtteil Kalk gelandet war. Es war Samstagnachmittag Mitte Dezember, am Abend zuvor war sie zum Feiern auf den Kölner Ringen gewesen. Doch was in der Zeit zwischen Party und Parkbank geschehen war - daran konnte sie sich nicht erinnern.

Gemeinsam mit ihrer Mutter ging die junge Frau zu einer Notärztin, wie der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtet. "Ich hatte sofort den Verdacht, dass die junge Frau mit K.-o.-Tropfen betäubt worden sein könnte, so dass eine Vergewaltigung nicht auszuschließen war", sagte die Ärztin der Zeitung.

Um mögliche Tatspuren gerichtsverwertbar zu machen, riefen Mitarbeiter der Praxis dem Artikel zufolge in zwei Kölner Kliniken an, die zu der Stiftung der Cellitinnen zur hl. Maria gehören. Sie sollen eine Untersuchung der 25-Jährigen abgelehnt haben.

Seit zwei Monaten seien die gynäkologischen Untersuchungen zur Beweissicherung untersagt, hieß es demnach zur Begründung. Denn damit sei ein Beratungsgespräch über eine mögliche Schwangerschaft und deren Abbruch verbunden, außerdem das Verschreiben der Pille danach. Diese verhindert eine Schwangerschaft, auch wenn zuvor keine Verhütungsmittel verwendet wurden.

Der Hinweis der Notärztin, dass die Beratung bereits erfolgt und die Pille schon verschrieben sei, hat ihren Angaben zufolge nichts an der Einstellung der katholischen Kliniken geändert.

"Vermutlich ein Missverständnis"

"Wir kennen den Fall und die junge Frau", sagt Andreas Frische von der Polizei Köln. Er bestätigt allerdings nur, dass die 25-Jährige in einer Kölner Klinik abgewiesen wurde. Um unterlassene Hilfeleistung handle es sich dabei jedoch nicht. Die junge Frau wurde laut Frische schließlich in einer Klinik im Stadtteil Kalk untersucht.

Stellt sich die Frage: Darf eine Klinik ein mutmaßliches Vergewaltigungsopfer abweisen?

Es sei "vermutlich zu einem Missverständnis" zwischen der Notärztin und der Gynäkologischen Klinik des Krankenhauses gekommen, heißt es in einer ersten Stellungnahme der Cellitinnen-Stiftung. Wie es dazu gekommen sei, werde derzeit untersucht. Zugleich versicherte ein Sprecher: Außer der Abgabe der Notfallkontrazeption, also der Pille danach, werden in den Kliniken alle medizinischen Maßnahmen sofort angeboten - dies beinhalte auch die Kooperation mit der anonymen Spurensicherung nach Sexualstraftaten.

So sieht es auch eine Stellungnahme, die das Klinische Ethikkomitee der Hospitalvereinigung Anfang November 2012 für die Behandlung und Versorgung bei "einem vermuteten Sexualdelikt" verabschiedet hat; eine Art Handbuch für Ärzte, das "Sicherheit bei ethischen Fragestellungen" geben soll, heißt es in der Mitteilung.

Das Erzbistum Köln bestreitet, dass seine Kliniken Untersuchungen zur Spurensicherung bei einem Vergewaltigungsverdacht verweigern sollen. Falls zwei Krankenhäuser dies doch getan hätten, widerspreche dies der offiziellen Linie, sagte Sprecher Christoph Heckeley. "Das bedauern wir dann sehr."

aar/dpa

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