Köln, vor dem Dom Knocking on Heaven's Door

Dienstagabend in Köln, vor dem Dom skandiert eine kleine Gruppe junger Leute lautstark "Habemus Papam!", "Be-Be-Benedikt!" und "Viva Colonia!". Nur reinlassen will sie die Kirche nicht, denn der Dom ist zu - wie an jedem normalen Dienstagabend. Basta.

Von , Köln


Viva Colonia, Jesus, we love you: Frechener Vertreter der Jugendtags-Bewegung
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Der Eberhardt, der weder fotografiert werden noch seinen vollen Namen schon wieder nennen will (die von Sat.1 haben ihn schließlich auch gerade gefragt), hat bei aller Freude über den neuen Papst auch "'nen Hals". "Dat daaf doch nisch waar sin" sagt er, "da machen die einfach die Türen zu. In so einer Nacht! Für heute ist zu, sagt dieser Schwaadlappe einfach. Kann doch mal 'ne Überstunde einschieben für seinen neuen Chef, oder?"

Ja, das könnte er wohl, wenn er so wollte wie die Gläubigen vor den Toren des Kölner Doms. Der "neue Chef", das ist Benedikt XVI., geborener Ratzinger. Der "Schwaadlappe", zu hochdeutsch Quatschkopf, bewacht die Dompforten von innen und lässt nur die durch, die aus Deutschlands größter Kirche herauswollen. Denn drinnen gab's ein Konzert - "janz schweres Zeusch", sagt eine, die dabei war -, so, wie das seit längerem vorgesehen war und im Plan stand. Da steht nun auch, dass die Pforten sich am Mittwochmorgen schon um 6 Uhr wieder öffnen werden.

Tür zu: Nichts geht mehr
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"Käse", finden das viele, die in der Kälte ausgeharrt haben. "Da hätten sie mal ein Zeichen setzen können für ihre neue Kirche."

Die feiert stattdessen auf dem Vorplatz. "Be-Be-Benedikt!" brüllen rund 60 Leute im Chor, drum herum stehen noch mal so viele, und rund die Hälfte von ihnen sind sogar "Zivilisten". Der Rest schwingt Kameras, Fotoblitze erhellen die Nacht, die Scheinwerfer der Fernsehteams haben die singende Gruppe eingekesselt.

"Dürfte ich Ihnen vielleicht ein paar Fragen stellen?", stößt da ein ganz Junger hervor, während er mir mit dem Mikro entgegenrauscht, "Ich bin von Sat. 1!"

"Und ich von SPIEGEL ONLINE", sage ich. "Ah", stockt der Kollege und schwingt das fellumpuschelte Mikro schon in eine andere Richtung, "dann viel Spaß noch!" Man beginnt zu begreifen, warum in Rom immer Journalisten andere Journalisten interviewen müssen.

Empörung: "Darf doch nicht wahr sein!"
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Empörung: "Darf doch nicht wahr sein!"

Die Jagd ist eröffnet. Wer sagt was Relevantes, wer stellt sich zur Schau, wer bringt den O-Ton, auf den die Medienöffentlichkeit doch wartet? "Hey geil!", ruft ein Kameraassistent: "Eine Papst-Polonäse!"

Tatsächlich: Die laut und teils schön singende Gruppe Jugendliche zieht Fahnen schwingend singend in geordneter Reihe über den Domplatz. Bevor die Kameras bereit sind, ist der Zauber vorbei, aber kein Problem: "Hey, macht das noch mal!" verhallt nicht ungehört. N24, "Tagesschau", WDR, Sat.1 und weiß der heilige Benedikt wer sonst noch sind live dabei, als sich der spontane Glaubensspaß noch mal Raum bricht.

"Uns kann man auch buchen!", lacht einer, der mit seiner Jugendtags-Gruppe aus Frechen angereist ist, "aber bitte 14 Tage vorher!" Die Guten feiern ein Fest, draußen vor der Kirche.

Auf der Jagd nach dem besten Bild: TV-Leute vor dem Dom
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"Jesus Christ, you are my love!" ist offenbar die Hymne dieser vielbeschworenen Generation JP II, die seit dem Sterben des letzten, von ihnen so bewunderten Papstes, wie ein friedlicher Kreuzzug durch Europa fegt. "Santo Subito!" unterbrachen sie in Sprechchören die Trauerrede für ihren Papst, begleiteten die traditionellen Schritte hin zur Wahl des nächsten mit einer Begeisterung, die selbst vielen Kardinälen unheimlich gewesen sein soll.

So recht weiß sie nicht, die hohe Kirche, was sie mit ihnen anfangen soll: Darüber, wie man diese begeisterte Jugend nun in geordneten Bahnen in die Kirche holen könne, sinnieren seit Tagen die Experten.

Darauf, die Türen einfach zu öffnen, sind sie anscheinend noch nicht gekommen: Der Eindruck drängt sich auf, wenn man die letzten Begeisterten beobachtet, die gegen 21.20 Uhr noch einmal vergeblich an der hehren Pforte klopfen - "knocking on heaven's door".

Sänger links, Medien rechts: "Los, das Ganze jetzt nochmal!"
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Als die Kamerateams wie auch die Zuschauer ob der klammen Kälte langsam abbauen, beginnen die Jugendlichen, ihr Lied-Repertoire etwas zu variieren: "Viva Colonia! Wir leben das Leben, die Liebe und die Lust, wir glauben an den lieben Gott und ham auch immer Durst!" - was die Sache übrigens ziemlich gut auf den Punkt bringt.

In diesem Sinne, die Karawane zieht weiter, zehn Minuten später ist die Domplatte fast leergefegt. Eine ältere Dame trotzt noch dem Wind. Sagt: "Und trotzdem hätten sie sie reinlassen sollen. Das sieht doch nicht gut aus für die Kirche, und auch nicht für Köln. Käse ist das."

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