Kölner Polizeiskandal Chef der Prügel-Beamten muss gehen

Nach dem Tod eines Festgenommenen, der zuvor von Polizeibeamten einer Kölner Polizeiwache misshandelt worden sein soll, muss nun der Chef der mutmaßlichen Täter gehen. Er soll gewalttätige Übergriffe seiner Beamten jahrelang gedeckt haben und nun die Aufklärung des Falls behindert haben.


In der Polizeiwache Eigelstein soll der 31-jährige Stefan N. von Polizisten schwer misshandelt worden sein
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In der Polizeiwache Eigelstein soll der 31-jährige Stefan N. von Polizisten schwer misshandelt worden sein

Köln - Für Jürgen Sengespeik ist die Karriere als Leiter der Polizeiinspektion Innenstadt zu Ende. Auf direkte Anweisung des Polizeipräsidenten Klaus Steffenhagen soll der 59-jährige Führungsbeamte ab sofort an anderer Stelle Dienst tun. Nach den ersten Meldungen über die äußerst gewaltsame Festnahme eines 31-Jährigen, der später verstarb, hatte Sengespeik seiner Versetzung noch zugestimmt, dies jedoch kurz darauf wiederrufen. Nun muss sich der erfahrene Beamte beugen und gehen. Wo er in Zukunft arbeiten soll, blieb unklar.

Mit der Versetzung des Polizeidirektors reagiert die Behördenführung auf die Vorwürfe gegen sechs Beamte einer Innenstadtwache in Köln. Doch nicht nur den Polizisten, die den wegen lauten Randalierens festgenommenen Stefan N. nach Aussagen zweier Kollegen in der Wache ins Koma geprügelt haben sollen, droht ein Verfahren. Der jetzt geschasste Polizeidirektor steht im Verdacht, das seit längerem auffällige, gewalttätige Verhalten eines der beschuldigten Beamten ignoriert zu haben. Erhärten sich die Anschuldigungen, muss der Polizeidirektor wie die betroffenen Beamten mit einer Suspendierung rechnen. Offenbar hatte ein falsch verstandener Korpsgeist die Beamten auf der Wache vor dem Tod von Stefan N. zusammengeschweißt und kritische Kollegen von einer Anzeige abgehalten.

Zwölf Anzeigen in kurzer Zeit

Was bisher über den mutmaßlichen Haupttäter in Uniform bekannt ist, der die Gruppe von sechs Polizisten vor rund drei Wochen bei dem Gewaltexzess angeführt haben soll, spricht eine eigene Sprache: So soll der 28-jährige Polizeimeister Lars S. bereits mehrmals bei Festnahmen die Kontrolle über sich verloren und Gefangene geschlagen haben. Seit er auf der Wache Eigelstein Dienst tut, wurden zwölf Verfahren wegen Körperverletzung im Amt gegen den Beamten eingeleitet, die jedoch alle eingestellt wurden. Nur einmal wurde der Beamte im Jahr 2001 wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe verurteilt. Doch sein Wachleiter hielt trotzdem zu dem Mann und stellte ihm weiterhin gute Zeugnisse aus.

Auch an dem Tag, als Stefan N. festgenommen wurde, soll Lars S. brutal vorgegangen sein. So soll er auf der Fahrt von der Wohnung des Festgenommenen aus per Funk ein "Empfangskommando" in der Wache angefordert haben. Anschließend soll er den Festgenommenen bereits auf der Fahrt geschlagen und getreten haben. Was dann in der Wache geschah, haben zwei Zeugen genau beobachtet und später über eine Anwältin an die Staatsanwaltschaft weitergereicht. Beide Zeugen sind ebenfalls Polizisten. "Wehrlos, gefesselt an Händen und Füßen, wurde das Opfer von mehreren Beamten geschlagen und getreten", beschreiben sie die brutale Szene. "Sie schleiften ihn an den Füßen in eine Zelle, prügelten weiter auf ihn ein", so der Bericht der Augenzeugen. Mittlerweile sollen zwei beteiligte Polizisten diese Darstellung bestätigt und bei der Staatsanwaltschaft ein Geständnis abgelegt haben.

Schuhsohlenabdruck am Schädel

Nach einem 13-tägigen Koma verstarb Stefan N. am vergangenen Freitag. Ein Herzstillstand führte nach Angaben von Gerichtsmedizinern zu einem tödlichen Hirnödem. Die Ursachen für den Herzstillstand lassen die Experten noch offen. Doch die Gerichtsmediziner fanden deutliche Spuren der Schläge und Tritte der Beamten. So stellten sie an der linken Stirnhälfte einen Bluterguss "nach Art eines Schuhsohlenabdrucks" fest. Wenn die Mediziner die Schläge der Polizisten für den Tod des gelernten Handwerkers verantwortlich machen, droht denen neben der Suspendierung ein Verfahren wegen Körperverletzung im Amt mit Todesfolge. Gegen Lars S. wurde mittlerweile Haftbefehl erlassen, doch er kam trotzdem auf freien Fuß, da angeblich keine Verdunklungsgefahr besteht.

Kölns Polizeipräsident kündigte unterdessen weitere Untersuchungen an. So sollen möglichst rasch alle Anzeigen gegen Polizisten erneut überprüft werden. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) betonte, dass man auch nach den Ursachen für die Gewalt forschen müsse und warum der Hang zur Gewalt bei Lars S. nicht erkannt worden sei. Über die unmittelbaren Folgen ließ die GdP keinen Zweifel. "Wenn sich die Anschuldigungen bewahrheiten, haben diese Menschen keinen Platz mehr in der Polizei", sagte der nordrhein-westfälische GdP-Vorsitzende Werner Swienty.

Matthias Gebauer



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