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Kölner Stadtarchiv-Einsturz: Experten warnten früh vor Fehlern beim U-Bahn-Bau

Schon Jahre vor dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs bemerkten Experten "vermeidbare Auflockerungen und Hohlraumbildungen" unter der Südstadt. Das zeigen nach Information des SPIEGEL unveröffentlichte Passagen eines Gutachtens. Die Suche nach Vermissten unter den Trümmern blieb bislang ohne Ergebnis.

Hamburg/Köln - Experten haben schon lange vor dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs Zweifel an der fachgerechten Ausführung von Tunnelarbeiten beim Bau der Nord-Süd-Stadtbahn geäußert. Nach Informationen des SPIEGEL zeigen das bislang unveröffentlichte Passagen eines Gutachtens des Wülfrather Ingenieurbüros Zorn vom Oktober 2004. Zuvor hatte sich der Kirchturm der Gemeinde St. Johann Baptist in der Kölner Südstadt plötzlich um 77 Zentimeter geneigt.

Bergungsarbeiten in Köln: Experten warnten früh
AP

Bergungsarbeiten in Köln: Experten warnten früh

Der gemessene Stützdruck beim Bau eines Versorgungstunnels sei zum Beispiel zu niedrig gewesen, um die unterirdische Bohrstelle ausreichend zu stabilisieren, heißt es in dem 90-seitigen Papier der Fachleute. Die neu gegrabenen Abschnitte seien nicht immer sofort mit einem schnellhärtenden Ring aus Bentonit umschlossen worden. Dadurch verbleibe "ein Hohlraum, in den sich das umgebende Gebirge absetzen kann". So habe sich der Kirchturm mehr als 15-mal so stark geneigt wie vorher einkalkuliert.

Ausdrücklich stellten die Gutachter nicht nur "systembedingte unvermeidbare" Schäden im Untergrund fest, die durch die verwendete Grabetechnik entstanden seien. Beim Führen der Maschinen seien vielmehr auch "bedienungsbedingte vermeidbare Auflockerungen und Hohlraumbildungen" im Erdreich unter der Kölner Südstadt entstanden.

Bislang war aus dem umfassenden Gutachten, das der Versicherer der Kölner Verkehrs-Betriebe zur Schadensregulierung in Auftrag gegeben hatte, nur Entlastendes an die Öffentlichkeit gedrungen - beispielsweise die Einschätzung der Fachleute, es bestehe keine Einsturzgefahr für den Kirchturm. 2004 stellte die Staatsanwaltschaft Köln ihre Ermittlungen wegen Baugefährdung ein. Doch nach der Katastrophe beim Stadtarchiv wollen die Staatsanwälte das Papier nun im Zuge der neuen Ermittlungen gegen unbekannt wegen Baugefährdung und fahrlässiger Tötung noch einmal auswerten.

Mit bloßen Händen trägt die Feuerwehr den Schutt ab

Unterdessen geht die Suche nach den beiden vermissten Männern in den Trümmern des Stadtarchivs weiter - bislang ohne Ergebnis. Die Feuerwehr hatte aus Sicherheitsgründen erst drei Tage nach dem Unglück, am Freitagabend, damit begonnen. Suchhunde des Deutschen Roten Kreuzes schlugen an mehreren Stellen an. Gefunden wurde aber zunächst nichts. "Es wird kontinuierlich weitergesucht", sagte ein Feuerwehrsprecher. Die beiden jungen Männer, 17 und 24 Jahre alt, waren vermutlich beim Einsturz des Archivs und zweier benachbarter Wohnhäuser am Dienstag verschüttet worden. Ihre Überlebenschancen gelten als äußerst gering.

Die Suche ist schwierig, weil Trümmerteile wegrutschen können. Feuerwehrleute trugen den Schutt zum Teil mit bloßen Händen ab. Die Einsatzkräfte gehen davon aus, dass es in dem Trümmerberg "mit Sicherheit" Hohlräume gibt. Überwiegend würden die Trümmer aber mit einem Bagger weggeräumt. Unmittelbar an der Suche beteiligt seien zwei Dutzend Einsatzkräfte. Sie achteten auch darauf, Wertgegenstände sicherzustellen, die in den Ruinen gefunden würden.

Die Stadtverwaltung teilte mit, dass durch den Einsturz und Abriss der Wohnhäuser in der Severinstraße nun 33 Personen ohne Wohnung sind. Weitere 22 Bewohner angrenzender Häuser können ihre aus Sicherheitsgründen gesperrten Wohnungen nicht betreten. 65 Personen haben sich an die Anlaufstelle für Hilfsangebote der Stadt im Hotel "Mercure" gewandt.

Probleme mit dem Grundwasser

Die Ursache des Häusereinsturzes in Köln könnte einem Zeitungsbericht zufolge mit dem Abpumpen des Grundwassers in dem U-Bahn-Schacht zusammenhängen. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtet, die Kölner Verkehrs-Betriebe und die Baufirmen hätten seit längerem von ernsten Problemen bei der Grundwasserableitung an der Baustelle gewusst. In einem Brunnen in der Nähe des Stadtarchiv ließ sich demnach der Wasserspiegel nicht senken.

Dem Bericht zufolge könnte das ständige Abpumpen des Grundwassers mit großer Leistung Sand und andere Erdteilchen weggeschwemmt haben. So könnten sich Hohlräume gebildet haben, die sich nach und nach vergrößert haben. Die Kölner Verkehrs-Betriebe haben ein gerichtliches Beweissicherungsverfahren beantragt.

Die Stadtwerke Köln kündigten die Einrichtung eines mit einer Million Euro ausgestatteten Hilfsfonds für die am härtesten betroffenen 35 Anwohner an. Er sieht eine Soforthilfe von 10.000 Euro pro Person vor.

Dauerregen und ein steigender Grundwasserspiegel werden zu einer immer größeren Gefahr für die verschütteten Schätze des Historischen Stadtarchivs. "Das Wetter ist nicht auf unserer Seite", sagte Feuerwehrsprecher Daniel Leupold. Immer mehr Archivalien drohten durch Feuchtigkeit beschädigt zu werden. Nach Angaben von Kulturdezernent Georg Quander sind 90 Prozent der Bestände unter den Trümmern begraben.

Anm. d. Red.: Das Ingenieurbüro Zorn weist inzwischen darauf hin, dass sein Gutachten einzig die Ursache der eingetretenen Schiefstellung des Glockenturms von Sankt Johann Baptist feststellen sollte. Darüber hinaus habe die Expertise keine Warnung vor Fehlern beim U-Bahn-Bau enthalten, wozu auch "kein Anlass" bestanden habe. Feststellungen über vermeidbare Auflockerungen und Hohlraumbildungen hätten keine Aussage darüber enthalten, "in welchem Umfang solche Vorgänge für den Schadeneintritt ursächlich waren". Ferner hätten sich die Feststellungen nicht auf die gesamte Südstadt, sondern "räumlich eng auf die damalige Schadenstelle" bezogen.

Historisches Archiv der Stadt Köln
Geschichte
Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers , wuchsen aber zeitgleich mit Kölns Entwicklung zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Den Zweiten Weltkrieg hatten die ausgelagerten Archivbestände ohne Verluste überstanden. Dagegen sind die damals noch in den städtischen Dienstgebäuden lagernden Akten aus der Zeit der Weimarer Republik seit etwa 1927 und der NS-Zeit während des Krieges weitgehend vernichtet worden.
Das Haus beherbergt zahlreiche Schätze der Kultur-, Kirchen- und Verwaltungsgeschichte. Zum Bestand gehören Herrscherurkunden und zahlreiche kostbare Handschriften . Köln ist nach Angaben von Historikern auch eines der wichtigsten Archive der deutschen Hanse , weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors , das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns gebracht wurden.
dpa
Bestände
Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner, rheinischer und preußischer Geschichte . Mit der Ernennung Leonard Ennens zum ersten Kölner Stadtarchivar 1857 wurde der Ausbau des Archivs wesentlich auf den Weg gebracht. Mehr als 65.000 Urkunden aus dem Raum Köln ab dem Jahr 922, 104.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate und rund eine halbe Million Fotos. Zudem sind dort 780 Nachlässe und Sammlungen, unter anderem von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gelagert worden.
dpa

otr/dpa/AP

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Forum - Kölner Stadtarchiv - sind Kulturschätze gut genug geschützt?
insgesamt 387 Beiträge
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1.
Pnin, 07.03.2009
Vielleicht überzeugt das ja endlich von der Notwendigkeit vollständiger Digitalisierung...
2.
Robert B., 07.03.2009
Zitat von sysopDer Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Vernichtung der historischen Dokumente warfen Fragen nach der Sicherheit der deutschen Kulturschätze auf. Sind die Archive genügend geschützt?
Offensichtlich nicht.
3.
citrin, 07.03.2009
Zitat von sysopDer Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Vernichtung der historischen Dokumente warfen Fragen nach der Sicherheit der deutschen Kulturschätze auf. Sind die Archive genügend geschützt?
Falsche Frage! Sie sollte lauten: Sollte eine überregionale Denkmalschutzbehörde einschreiten, wenn kurzsichtige, nach Prestige geifernde Stadtverantwortliche, sowie städtische Verkehrsgesellschaft deren Zerstörungswerk an Plätzen, Strassen und Stadtteilkultur in ganz Köln präsent ist, eine Vier-Kilometer-U-Bahn unter einer zweitausend Jahre alten Römerstrasse bauen, auf einem Grund, den sie nicht ausreichend nachgeprüft haben, deren Kostenveranschlagung von Anfang an betrügerisch war, nämlich von 600 Millionen über zwischenzeitlich 900 Millionen auf nun mehr als 1200 Millionen, und deren Nutzen mehr als fraglich ist.
4.
Joachim Baum 07.03.2009
Zitat von PninVielleicht überzeugt das ja endlich von der Notwendigkeit vollständiger Digitalisierung...
Das kann allenfalls auch nur eine Zwischenlösung sein, es sei denn, man entwickelt ein Digitalisierung- und Speicher-Prozedere, das auch noch zumindest bescheidene 100 Jahre "handling" garantiert. Die Vergangenheit zeigt, das es schon problematisch ist, dies für einen Zeitraum von 20 Jahre aufrecht zu erhalten, wenn überhaupt. Und ein ständiges Update in immer kürzeren Zeiträumen mit immer mehr Daten ist sicher nicht unproblematisch und lässt sich für die Zukunft nicht garantieren.
5.
Boone 07.03.2009
Zitat von sysopDer Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Vernichtung der historischen Dokumente warfen Fragen nach der Sicherheit der deutschen Kulturschätze auf. Sind die Archive genügend geschützt?
Ich würde mir weniger Gedanken um die Vergangenheit machen und mehr um die Zukunft.
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