Kofferbomber Spuren nach Hamburg und Mülheim

Wer ist der Mann, der nach Erkenntnissen der Ermittler den Terror nach Deutschland bringen wollte? Drei Semester bereitete sich Youssef Mohamad E. H. am Studienkolleg in Kiel auf ein Studium vor. Doch auch in Hamburg und Mülheim an der Ruhr hielt sich der Libanese auf.

Von Alexander Schwabe und Brenda Strohmaier


Hamburg/Kiel - Die Friedrich-Ebert-Straße in Mülheim an der Ruhr war die erste Anlaufstation für Youssef Mohamad E. H.: Im September 2004 bewarb er sich unter dieser Adresse für einen Platz am Studienkolleg in Kiel, das erfuhr SPIEGEL ONLINE aus sicherer Quelle. Dadurch wollte er seinen Zugang zur Fachhochschulreife erlangen, sein Ziel: einen Studienplatz für das Fach Mechatronik.

Tatsächlich erhielt der junge Mann aus dem Libanon die Zusage aus Schleswig-Holstein: Im Sommersemester 2005 - inzwischen hatte er ein Zimmer im Studentenwohnheim am Steenbeker Weg bezogen - begann er seine Ausbildung im hohen Norden - zunächst mit wenig Erfolg: Gleich das erste Semester im Studienkolleg musste er wiederholen, seine Leistungen waren zu schlecht. Das, was andere Studenten in zwei Semestern absolvieren, erreichte er in drei.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte Youssef Mohamad E. H. während dieser Zeit noch eine zweite Adresse: Kleiner Pulverteich 17-21 im Hamburger Stadtteil Sankt Georg. Dort residiert ein Islamisch-Albanisches Kulturzentrum, die Nur-Moschee, eine albanische und eine pakistanische Moschee. In dem Zentrum befindet sich auch eine Pension, eine Art Wohnheim. Rund 50 Menschen aus aller Welt wohnen dort laut Hausmeister, manche nur für ein paar Tage, manche für ein paar Jahre.

Pyjama im Treppenhaus verboten

Die Tür zum Wohnheim des albanisch-islamischen Kulturzentrums in Hamburg steht weit offen. Hier soll der mutmaßliche Bombenbauer gewohnt haben: zerstörte Briefkästen, eine kaputte Tür, ein verwaistes Hausmeisterkabuff - einladend sieht es im Entree nicht aus. Eine Hausordnung erklärt, was verboten ist: "Damenbesuche sind strengstens untersagt", ebenso "das Aufhalten mit Pyjama" im Treppenhaus.

Durch den Aufgang drängeln sich Musiker mit Akkordeonkoffer die Treppen hinauf, Männer aus Rumänien oder Bulgarien. Wie der Hausmeister erklärt, reisen sie normalerweise mit einem Touristenvisum ein, blieben zwei, drei Monate und fahren dann wieder nach Hause. Die Männer lächeln freundlich - als sie auf den mutmaßlichen Kofferbomber angesprochen werden, beschleunigt sich ihr Schritt.

"Von allen die hier schlafen, habe ich eine Kopie des Ausweises", sagt der Hausmeister, der seinen Namen nicht hier lesen will, weil man sonst denkt, er könne etwas mit dem gescheiterten Attentat zu tun haben. Seit einem Jahr ist er im Dienst und versichert, Name und Gesicht des mutmaßlichen Terroristen seien ihm nie untergekommen. Er zeigt auch bereitwillig eine Liste der Bewohner. Der Name des Gesuchten fehlt. "Vielleicht war er vor meiner Zeit da", sagt er.

Über diese Zeit will allerdings niemand etwas wissen in dem Zentrum, in dem neben drei Moscheen auch ein Telefonladen untergebracht ist. Hinter dem Tresen steht ein bärtiger Mann in weißem Gewand mit weißem Fes, der "bei Allah schwört" Youssef Mohamad E. H. nie gesehen zu haben. Vor ihm liegt eine "Bild" mit dessen Konterfei. Jeder, der an dem Laden vorbeikommt - und das sind sehr viele Männer jeglichen Alters - schaut sich das Titelbild genau an und schüttelt dann den Kopf. Nein, man kennt ihn nicht - aber viele halten ihn für unschuldig. "Jedes Volk hat doch schlechte Menschen, jetzt sollen wir Muslime schon wieder Schuld sein", sagt einer, der weder Name noch Herkunft verraten will. Youssef Mohamad E. H. habe kein Motiv gehabt. Ein 21-jähriger Tunesier erklärt: "Das versteht doch keiner. Wenn, dann hätte er doch zu den Juden gehen müssen", sagt er.

Der Bart blieb dran

Von seinen Kieler Kollegen wird Youssef Mohamad E.H. als sehr religiös beschrieben. Der 21-jährige Libanese habe den Islam streng ausgelegt, sagte ein gleichaltriger deutscher Zimmernachbar aus der Wohngemeinschaft heute SPIEGEL ONLINE. Er habe täglich auffallend viel Besuch von Glaubensbrüdern gehabt und oft im Keller des Hauses einen Gebetsraum benutzt.

Seine religiösen Neigungen verbarg Youssef Mohamad E.H. aber offenbar in der Öffentlichkeit: Der kommissarische Leiter des Studienkollegs, Rainer Wurow-Radny, sagte: Der 21-Jährige sei völlig unauffällig gewesen. Während seines Unterrichts in Physik, Chemie und technischer Kommunikation sei der Libanese "in keiner Weise als besonders religiös auffällig gewesen, weder durch Kleidung noch durch sonst irgendetwas".

Dagegen berichteten Mitbewohner, der bärtige Libanese sei wegen seiner religiösen Haltung und seiner Erscheinung angefeindet worden. Auch sei er der einzige Muslim im Wohnheim gewesen, der seinen Bart über die ganze Zeit des Studienkollegs hinweg beibehalten habe.

Youssef, so nennen ihn die Mitbewohner, habe für sein Alter sehr unreif gewirkt. Ein Zimmerkollege, der nicht namentlich erwähnt werden will, sagte: "Er ist eigentlich noch ein Kind. Er spielte gern." Ernsthaft habe man sich mit Youssef Mohamad E.H. nicht unterhalten können. Ernsten Themen sei der Libanese stets ausgewichen.

Entscheidender Tipp kam aus dem Libanon

Bei den Ermittlungen zu den fehlgeschlagenen Kofferbombenattentaten konzentrieren sich die Ermittler auf die Spur in den Libanon.

Die deutschen Behörden wurden nach der Veröffentlichung der Überwachungsvideos im Lauf des Freitags vom libanesischen militärischen Nachrichtendienst auf den Verdächtigen hingewiesen. Berichten zufolge kamen die Libanesen dem mutmaßlichen Terroristen durch abgehörte Telefonate auf die Spur.

Allerdings war nicht der 21-jährige Youssef Mohamad E. H. abgehört worden, vielmehr standen offenbar Familienangehörige des verhinderten Attentäters unter Bewachung. Teile der Familie gelten den libanesischen Behörden anscheinend als Sympathisanten des militanten Islamismus; wie einschlägig sich das zeigt oder in der Vergangenheit gezeigt hat, blieb unklar. Dennoch: Sowohl eine Verbindung zur Hisbollah als auch eine Beteiligung der Familie bei der Planung der missglückten Anschläge in Deutschland wird zurzeit für unwahrscheinlich gehalten.



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