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Kollaps der US-Infrastruktur: Marode Brücken, miese Straßen, morsche Dämme

Von , New York

Die Brücken-Katastrophe von Minneapolis ist ein Menetekel. Mehr als 160.000 Straßenbrücken in den USA gelten als einsturzgefährdet. Fernrouten, Tunnel, Dämme und Deiche sind in so miserablem Zustand, dass Ingenieure schon lange Alarm schlagen - bisher vergeblich.

New York - Die Highway-Brücke, 35 Meter breit, war vor kurzem erst inspiziert worden. Trotzdem gab sie plötzlich nach, knickte ein und fiel krachend in den Fluss. Sie riss drei Autos und einen Sattelschlepper 25 Meter mit in die Tiefe. Vier Menschen kamen ums Leben: Am 27. April 1987 stürzte die Schoharie Creek Bridge im US-Bundesstaat New York ein.

Der Ablauf der Katastrophe erinnert gespenstisch exakt daran, was sich gestern, mehr als 20 Jahre später, in der Millionenstadt Minneapolis erneut ereignete. Auch die Unglücksursachen scheinen nach ersten Ermittlungen identisch: Verschleiß, Überalterung, Nachlässigkeit, Schlamperei.

Experten überrascht das nicht. "Der marode Zustand unserer Infrastruktur ist eine echte Bedrohung für die öffentliche Sicherheit und die Wirtschaft des Landes", sagt Bill Marcuson, der Präsident des US-Ingenieursverbands American Society of Civil Engineers (ASCE). "Die Finanzierung dringend nötiger Reparaturen muss zur Priorität für unsere Politiker werden." Insgesamt, so hat der ASCE errechnet, müsse der Staat mindestens 1,6 Billionen Dollar investieren, um weitere Desaster wie in Minneapolis zu vermeiden.

Zum Beispiel die Brücken. Vor zwei Jahren schon erteilte die ASCE der gesamten, bröckelnden US-Infrastruktur miserable Noten - und die Straßen- und Autobahn-Brücken kamen mit am schlechtesten weg. Insofern klingen die Beteuerungen der Würdenträger von heute, dass sich "eine Tragöde wie in Minneapolis nicht wiederholen darf" (Senator Norm Coleman), wie zynische Fensterreden.

Demnach beurteilten die Ingenieure bei ihrer letzten Zählung 160.570 Straßenbrücken in den USA (27,1 Prozent) als "strukturell mangelhaft oder funktionell obsolet" - sprich: einsturzgefährdet. Immerhin, ergänzte die ASCE bitter: Das sei eine Verbesserung zu 2000, als noch 28,5 Prozent aller Brücken mangelhaft gewesen seien.

Überführung geschmolzen

Am schlimmsten sei der Zustand von innerstädtischen Brücken, von denen fast jede dritte eigentlich nicht befahrbar sei. Das liegt unter anderem daran, dass dafür die jeweiligen Stadtverwaltungen verantwortlich seien und nicht die US-Fernstraßenbehörde Federal Highway Administration (FHWA). Die will bis zum nächsten Jahr die Zahl der kaputten Brücken auf unter 25 Prozent drücken. Schöner Erfolg: "Dann wäre immer noch jede vierte Brücke mangelhaft", sagt ASCE-Chef Marcuson. Die Reparatur aller Brücken würde mindestens 20 Jahre dauern und gut zehn Milliarden Dollar verschlingen - Geld, das keiner ausgeben will.

Auch der Rest der US-Fernstraßen bekam von der ASCE die miserable Note "D". 332.000 Kilometer Highways ziehen sich durch die USA, die meisten davon stammen aus den fünfziger Jahren. Hunderte Highways werden durch Mautzahlungen instand gehalten. Trotzdem sorgen schlechte Straßenverhältnisse, Schlaglöcher, aufgeplatzter Asphalt und weggebrochene Fahrbahnen dafür, dass US-Autofahrer im Jahr 54 Milliarden Dollar an Reparaturkosten aus eigener Tasche draufzahlen müssen - 275 Dollar pro Kopf.

Viele fahren haarscharf an der Katastrophe vorbei. Nach einem Lkw-Unfall, bei dem ein Feuer ausbrach, schmolz am 29. April eine Freeway-Überführung im kalifornischen Oakland; tonnenschwere Betonplatten stürzten auf die Fahrbahn darunter. Zum Glück geschah das Debakel im Morgengrauen und nicht mitten in der Rushhour. Ein Mann wurde schwer verletzt.

Die US-Regierung gibt derzeit jährlich rund 60 Milliarden Dollar für Highway-Reparaturen aus. Das ist nach Rechnung der ASCE jedoch viel zu wenig: Sie beziffert die nötigen Investitionen auf fast hundert Milliarden Dollar. Hinzu kommt, dass das Weiße Haus kürzlich ein Defizit des Highway Trust Funds von 4,3 Milliarden Dollar bis 2009 prognostiziert hat - eine konservative Schätzung, glaubt man den US- Demokraten.

"Kollaps auf den Startbahnen"

Amerikas Straßentunnel sind in nicht besserem Zustand - selbst die brandneuen. Der Absturz mehrerer, zwölf Tonnen schwerer Deckenplatten im Anfang 2006 eröffneten "Big-Dig"-Tunnel unter Bostons Downtown, bei dem am 11. Juli 2006 eine Autofahrerin erschlagen wurde, war kein absurder Unglücksfall, wie es einem die Behörden anfangs glauben machen wollten, sondern Schlamperei. Das US-Verkehrssicherheitsamt NTSB ermittelte seither, dass minderwertige Baumaterialien, mangelnde Sorgfalt durch die Baufirmen und Nachlässigkeit der örtlichen Straßenbehörde Massachusetts Turnpike Authority für den Unfall verantwortlich waren.

Viel schlimmer noch sieht es mit den rund 83.000 Staudämmen und Deichen in den USA aus. Die Katastrophe des Hurrikans "Katrina", der vor zwei Jahren das unzulängliche Deichsystem um New Orleans niederfegte und über 1800 Menschen den Tod brachte, offenbarte Mängel, die sich nicht auf das sturmgefährdete Louisiana beschränken. Seit 1998 hat sich die Zahl der "unsicheren" Dämme und Deiche nach Angaben des ASCE landesweit um ein Drittel auf zuletzt über 3500 erhöht. Weitere 7500 seien in "großer Gefahr". Tendenz negativ: "Die Zahl der unsicheren Dämme steigt schneller als die Rate der Damm-Reparaturen."

Zwischen 1999 und 2006 brachen in den USA allein 129 Dämme. In rund tausend weiteren Fällen gab es "sicherheitsrelevante Vorfälle". Vor allem ländliche Staaten wie Pennsylvania, New Jersey und Ohio sind demnach gefährdet. Beim Bruch des Kaloko-Staudamms auf der hawaiianischen Insel Kauai kamen im März 2006 sieben Menschen ums Leben. Der Bruch des Damms am Lake Cumberland in Kentucky konnte im Januar 2007 in letzter Minute durch Senken des Wasserstandes verhindert werden.

Die Mängelliste der ASCE geht weiter. Die völlig überlasteten US-Flughäfen bekommen die Note "D+" ("Kollaps auf den Startbahnen"), das marode Trinkwassersystem bekommt die Note "D-" ("elf Milliarden Dollar Defizit bei der Erneuerung überalteter Anlagen und der Einhaltung von Trinkwasser-Sicherheit"), das Gas-, Strom- und Dampfleitungsnetz ebenfalls ein "D" ("dringender Modernisierungsbedarf").

"Aktivposten von hohem Wert"

Letzteres wurde erst kürzlich in Manhattan deutlich, als am 18. Juli eine Dampfdruckleitung unter der 41st Street am Grand Central Terminal explodierte. Eine Frau kam ums Leben. Der Fahrer eines Abschleppwagens erlitt Verbrühungen an über 80 Prozent seiner Haut und liegt seitdem im Koma.

Als eine Lösung der Krise wird neuerdings die Privatisierung der US-Infrastruktur diskutiert. Schon schlagen sich Banken und private Beteiligungsgesellschaften um ein Stück des lukrativen Kuchens. Laut "Business Week" könnten in den nächsten zwei Jahren öffentliche Anlagen im Wert von 100 Milliarden Dollar in Privathand übergehen. "Aktivposten von hohem Wert", nennt sie Mark Florian, ein Infrastruktur-Analyst bei Goldman Sachs.

Etwa die Indiana Toll Road, die als Teil der Highways I-80 und I-90 den Norden des US-Bundesstaates Indiana durchkreuzt: 1956 eröffnet, trat die Regierung von Indiana sie voriges Jahr per 75-Jahr-Leasingvertrag für 3,85 Milliarden Dollar an das spanisch-australische Konsortium Cintra-Macquarie ab. Die erhofft sich von der elektronisch abgebuchten Maut 21 Milliarden Dollar Profit.

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