Kommentar: Wenn Schuld zu komplex wird

Im Prozess um das Zugunglück von Eschede wird am Montag über das weitere Verfahren entschieden - erwartet wird allerortens die Einstellung. Ist niemand verantwortlich für den Tod von 101 Menschen? SPIEGEL-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen über das Versagen der Justiz bei technischen Großunfällen.

Unglücksort Eschede: Verstrickung in technischen Details
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Unglücksort Eschede: Verstrickung in technischen Details

Celle - Sind Katastrophen wie das Zugunglück von Eschede - oder der Düsseldorfer Flughafenbrand, das Zugunglück von Brühl oder das Bergbahn-Desaster von Kaprun von der Strafjustiz nicht zu bewältigen?

Hier Tote über Tote, Dutzende, Hunderte. Grausam Verstümmelte und Verletzte, unendliches Leid in den Familien und das Begehren, den oder die Schuldigen namhaft zu machen, damit nicht abermals solche Katastrophen hereinbrechen mögen. Dort Richter, die das Handtuch werfen, die Verfahren einstellen wegen nicht festzustellender oder geringer Schuld, die kapitulieren vor technischer Wissensfülle. Die sich als Richter verweigern, weil sie sich als technische Laien nicht einem Urteil von technischen Fachleuten beugen wollen. So viele Tote - und keiner soll es gewesen sein?

Freispruch hätte gute Chancen gehabt

Den drei Angeklagten im Eschede-Prozess mag die Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldauflage von jeweils 10.000 Euro willkommen sein. Denn die Alternative wäre gewesen, noch ein, zwei Jahre länger zu prozessieren ohne größeren Erkenntnisgewinn. Ihre Verteidiger strebten sogar den Freispruch an, und die Aussichten dafür standen nicht schlecht.

Denn die Sachverständigen des Fraunhofer-Instituts, die zwecks Untermauerung der Anklage - fahrlässige Tötung von 101 Zugpassagieren - aufgeboten worden waren, hielten nicht, was sich die Staatsanwaltschaft offenbar von ihnen versprochen hatte. Die Äußerung jetzt, das Gericht habe den Anklägern gleichsam "die Pistole auf die Brust gesetzt", verschleiert ein Versagen, das in all diesen Prozessen zu beobachten ist.

Das Versagen der Staatsanwaltschaft

Es geht in einer globalisierten, international vernetzten Welt nicht mehr an, sich allein heimischen Sachverstandes zu bedienen und zu ignorieren, was anderswo in der Welt geforscht und experimentiert wird. Die Verteidigung im Eschede-Porzess hatte bereits im Zwischenverfahren Gutachten namhafter Eisenbahn-Experten aus dem Ausland präsentiert.

Hätte sich die Staatsanwaltschaft damit rechtzeitig auseinandergesetzt, hätte sie sich besser vorbereitet - man hätte womöglich nicht acht Monate lang für teures Geld gegen drei Männer prozessieren müssen, um schließlich festzustellen, dass das Verfahren so nicht mehr handhabbar ist. Auch die Angeklagten, die plötzlich am Pranger der Medien standen, sind zu den Opfern der Eschede-Katastrophe hinzuzuzählen.

Das Gericht mit seinem überaus redlichen, gewissenhaften Vorsitzenden mag nun sagen, zum Zeitpunkt der Eröffnung des Verfahrens habe man den Prozessstoff in anderem Licht gesehen als heute. Es mag darlegen, wie gering das Verschulden eines jeden der drei Angeklagten zu bewerten ist. Das Stoppen eines manövrierunfähig gewordenen Schiffes ist nicht ehrenrührig.

Doch die, die den Dampfer leichtfertig auf große Fahrt geschickt haben, sollten jetzt nicht mit dem Finger auf den Kapitän deuten. Auf ihn kommt ohnehin eine heikle Aufgabe zu: den Opfern und Hinterbliebenen zu erklären, warum ihnen die Strafjustiz keine Genugtuung bieten kann.

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