27. Februar 2013, 14:43 Uhr

Rücktritt von Benedikt XVI.

Rebellion gegen Gott

Ein Kommentar von Frank Hornig

Benedikt XVI. bedankte sich bei seinem letzten öffentlichen Auftritt für den Respekt, der ihm nach seinem Rücktritt entgegengebracht wurde - doch tatsächlich handelt es sich um eine Rebellion gegen Gott. Und die wird Folgen haben.

Joseph Ratzinger ist der Ruhestand in seinem künftigen Alterssitz mit angeschlossenem Park zu gönnen. Lange genug hat sich der 85-Jährige für seine Kirche abgeplagt, nun soll ein Jüngerer übernehmen. Weltweit äußern Menschen "Respekt" für diesen Schritt, der Papst bedankte sich dafür bei seiner letzten Generalaudienz.

Nur: Wer so argumentiert, hat die katholische Kirche nicht verstanden, er wird dem Papsttum nicht gerecht - und auch nicht Benedikt XVI.

Irdische Maßstäbe können nicht gelten, wenn es, aus systemimmanenter Sicht, um höchste Werte geht. Im Lichte der Ewigkeit nämlich ist Benedikts Rücktritt kein weiser Beschluss zum Wohl der Kirche. Sondern Fahnenflucht.

Er selbst hat 2005, kaum war der weiße Rauch über der Sixtinischen Kappelle verzogen, die Bedeutung seiner Papstwerdung erkannt: Joseph Ratzinger aus Marktl am Inn wurde zum Stellvertreter Jesu auf Erden.

Kritik von deutschen Kardinälen

"'Weide meine Schafe', sagt Christus zu Petrus, sagt er zu mir", so schilderte der frisch gekürte Papst seinen göttlichen Auftrag: "Weiden heißt lieben, und lieben heißt auch, bereit sein zu leiden".

Dass die Menschheit angeblich allein durch den Kreuzweg, durch Tod und Auferstehung des Gottessohns erlöst wird, steht nicht nur in der Passionsgeschichte. Es bestimmt den Markenkern der weltgrößten Religion. Und der Mann, der diese Passion auf Erden verkörpert, ist der Papst.

Eine Welt bricht deshalb für jene zusammen, denen alles rund um den Petrus-Stuhl heilig ist. Der Fels, auf den Jesus seine Kirche bauen wollte, bröckelt. Und Benedikts Verehrer ringen um Worte. Offiziell äußern sie Verständnis; tatsächlich sind sie fassungslos, weil ihr betagtes Idol gegen Gott rebelliert.

"Vom Kreuz steigt man nicht herab", sagt ein polnischer Kardinal, der als Privatsekretär das Leiden und Sterben von Johannes Paul II. begleitet hat. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner zeigt sich "regelrecht schockiert". Sein Berliner Kollege Rainer Maria Woelki hält den Heiligen Stuhl für "entzaubert".

Ein Papst wird von seinen Kardinälen nicht einfach gewählt wie eine Kanzlerin von Abgeordneten im Bundestag. Mit Demokratie hat die Abstimmung im Vatikan nichts zu tun - die Kardinäle sind aus kirchlicher Sicht Werkzeuge des Heiligen Geistes, in ihrer Wahl offenbart sich der Wunsch Gottes.

Der strenge Papst zeigt Milde

Deshalb auch ist die Stellvertretung Jesu Christi kein Zeitjob, den ein Papst nach eigenem Belieben niederlegen kann. Schwäche, Krankheit, Leiden sind kein Kündigungsgrund für einen Pontifex. Nur einer kann ihn abberufen: sein Herr im Himmel.

Ein Vater, erst recht ein Heiliger Vater, darf die Sorge für seine Kinder nicht abgeben. Darüber kann auch das Kirchenrecht nicht hinwegtäuschen. Es erlaubt zwar einen Rücktritt vom Amt, aber es klärt nicht, wie ein neuer und ein alter Papst ko-existieren können. Deswegen wurde diese Situation bislang, mit einer Ausnahme, vermieden.

Jahrzehntelang hat sich Ratzinger mit dem Verhältnis von Glauben und Vernunft beschäftigt, er hat versucht, beides in Einklang miteinander zu bringen. Nun zeigt sich: Es geht nicht. Seine Papstwerdung war ein Akt des Glaubens, seine Entpapstlichung ist ein Akt der Vernunft. Menschlich verständlich, theologisch gesehen aber ein Skandal: Der Heilige Vater stuft sich zum Heiligen Opa herab. Er, der gegenüber seinen Gläubigen soviel Strenge bewies, zeigt Milde gegenüber sich selbst.

Rücktritt stellt Sakrament der Ehe in Frage

Die Folgen wurden von der säkularen Öffentlichkeit noch nicht erkannt. Scheidung, Verhütung, Zölibat, Homosexualität: Die härtesten Dogmen der Kirche lassen sich nur noch schwer verteidigen, wenn an ihrer Spitze plötzlich Nachsicht waltet.

"Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen", heißt es zum Beispiel im Sakrament der Ehe. Wieso müssen Ehepartner bis zum Tod aneinander festhalten, wenn der Papst seine besondere Beziehung zu Gott einfach aufgeben darf?

Unmittelbar nach dem Ableben Johannes Pauls II. beklagte Ratzinger "eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich " gelten lasse. Seine Predigt wurde als Bewerbung für das Papstamt verstanden.

Fast acht Jahre später hat sich Benedikt XVI., der Episcopus Romanus und Vicarius Iesu Christi, auf das eigene Ich besonnen und damit einen alten Satz aus der Naturwissenschaft bestätigt: Alles ist relativ.


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