Rücktritt von Benedikt XVI. Rebellion gegen Gott

Benedikt XVI. bedankte sich bei seinem letzten öffentlichen Auftritt für den Respekt, der ihm nach seinem Rücktritt entgegengebracht wurde - doch tatsächlich handelt es sich um eine Rebellion gegen Gott. Und die wird Folgen haben.

Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz: "Vom Kreuz steigt man nicht herab"
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Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz: "Vom Kreuz steigt man nicht herab"

Ein Kommentar von Frank Hornig


Joseph Ratzinger ist der Ruhestand in seinem künftigen Alterssitz mit angeschlossenem Park zu gönnen. Lange genug hat sich der 85-Jährige für seine Kirche abgeplagt, nun soll ein Jüngerer übernehmen. Weltweit äußern Menschen "Respekt" für diesen Schritt, der Papst bedankte sich dafür bei seiner letzten Generalaudienz.

Nur: Wer so argumentiert, hat die katholische Kirche nicht verstanden, er wird dem Papsttum nicht gerecht - und auch nicht Benedikt XVI.

Irdische Maßstäbe können nicht gelten, wenn es, aus systemimmanenter Sicht, um höchste Werte geht. Im Lichte der Ewigkeit nämlich ist Benedikts Rücktritt kein weiser Beschluss zum Wohl der Kirche. Sondern Fahnenflucht.

Er selbst hat 2005, kaum war der weiße Rauch über der Sixtinischen Kappelle verzogen, die Bedeutung seiner Papstwerdung erkannt: Joseph Ratzinger aus Marktl am Inn wurde zum Stellvertreter Jesu auf Erden.

Kritik von deutschen Kardinälen

"'Weide meine Schafe', sagt Christus zu Petrus, sagt er zu mir", so schilderte der frisch gekürte Papst seinen göttlichen Auftrag: "Weiden heißt lieben, und lieben heißt auch, bereit sein zu leiden".

Dass die Menschheit angeblich allein durch den Kreuzweg, durch Tod und Auferstehung des Gottessohns erlöst wird, steht nicht nur in der Passionsgeschichte. Es bestimmt den Markenkern der weltgrößten Religion. Und der Mann, der diese Passion auf Erden verkörpert, ist der Papst.

Eine Welt bricht deshalb für jene zusammen, denen alles rund um den Petrus-Stuhl heilig ist. Der Fels, auf den Jesus seine Kirche bauen wollte, bröckelt. Und Benedikts Verehrer ringen um Worte. Offiziell äußern sie Verständnis; tatsächlich sind sie fassungslos, weil ihr betagtes Idol gegen Gott rebelliert.

"Vom Kreuz steigt man nicht herab", sagt ein polnischer Kardinal, der als Privatsekretär das Leiden und Sterben von Johannes Paul II. begleitet hat. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner zeigt sich "regelrecht schockiert". Sein Berliner Kollege Rainer Maria Woelki hält den Heiligen Stuhl für "entzaubert".

Ein Papst wird von seinen Kardinälen nicht einfach gewählt wie eine Kanzlerin von Abgeordneten im Bundestag. Mit Demokratie hat die Abstimmung im Vatikan nichts zu tun - die Kardinäle sind aus kirchlicher Sicht Werkzeuge des Heiligen Geistes, in ihrer Wahl offenbart sich der Wunsch Gottes.

Der strenge Papst zeigt Milde

Deshalb auch ist die Stellvertretung Jesu Christi kein Zeitjob, den ein Papst nach eigenem Belieben niederlegen kann. Schwäche, Krankheit, Leiden sind kein Kündigungsgrund für einen Pontifex. Nur einer kann ihn abberufen: sein Herr im Himmel.

Ein Vater, erst recht ein Heiliger Vater, darf die Sorge für seine Kinder nicht abgeben. Darüber kann auch das Kirchenrecht nicht hinwegtäuschen. Es erlaubt zwar einen Rücktritt vom Amt, aber es klärt nicht, wie ein neuer und ein alter Papst ko-existieren können. Deswegen wurde diese Situation bislang, mit einer Ausnahme, vermieden.

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Letzte Audienz von Papst Benedikt XVI: Abschied auf dem Petersplatz
Jahrzehntelang hat sich Ratzinger mit dem Verhältnis von Glauben und Vernunft beschäftigt, er hat versucht, beides in Einklang miteinander zu bringen. Nun zeigt sich: Es geht nicht. Seine Papstwerdung war ein Akt des Glaubens, seine Entpapstlichung ist ein Akt der Vernunft. Menschlich verständlich, theologisch gesehen aber ein Skandal: Der Heilige Vater stuft sich zum Heiligen Opa herab. Er, der gegenüber seinen Gläubigen soviel Strenge bewies, zeigt Milde gegenüber sich selbst.

Rücktritt stellt Sakrament der Ehe in Frage

Die Folgen wurden von der säkularen Öffentlichkeit noch nicht erkannt. Scheidung, Verhütung, Zölibat, Homosexualität: Die härtesten Dogmen der Kirche lassen sich nur noch schwer verteidigen, wenn an ihrer Spitze plötzlich Nachsicht waltet.

"Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen", heißt es zum Beispiel im Sakrament der Ehe. Wieso müssen Ehepartner bis zum Tod aneinander festhalten, wenn der Papst seine besondere Beziehung zu Gott einfach aufgeben darf?

Unmittelbar nach dem Ableben Johannes Pauls II. beklagte Ratzinger "eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich " gelten lasse. Seine Predigt wurde als Bewerbung für das Papstamt verstanden.

Fast acht Jahre später hat sich Benedikt XVI., der Episcopus Romanus und Vicarius Iesu Christi, auf das eigene Ich besonnen und damit einen alten Satz aus der Naturwissenschaft bestätigt: Alles ist relativ.

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Seite 1
atech 27.02.2013
1.
Zitat von sysopDPABenedikt XVI. bedankte sich bei seinem letzten öffentlichen Auftritt für den Respekt, der ihm nach seinem Rücktritt entgegengebracht wurde - doch tatsächlich handelt es sich um eine Rebellion gegen Gott. Und die wird Folgen haben. http://www.spiegel.de/panorama/kommentar-zum-ruecktritt-von-benedikt-xvi-goettliche-rebellion-a-885876.html
ein interessanter Kommentar, den Frank Hornig da geschrieben hat. Aber er beruht auf falschen Prämissen: dass es einen "Gott" gibt und dass dieser Gott wollte, dass es einen Papst und eine Kurie gibt. Dass dieser "Gott", und nicht etwa Männer, wollten, dass die katholische Kirche so ist, wie sie heute ist. Und dass diese Kirche und das Amt des Papstes unveränderbar sein sollten.
D.Fronath 27.02.2013
2.
Zitat von atechein interessanter Kommentar, den Frank Hornig da geschrieben hat. Aber er beruht auf falschen Prämissen: dass es einen "Gott" gibt und dass dieser Gott wollte, dass es einen Papst und eine Kurie gibt. Dass dieser "Gott", und nicht etwa Männer, wollten, dass die katholische Kirche so ist, wie sie heute ist. Und dass diese Kirche und das Amt des Papstes unveränderbar sein sollten.
Der Artikel beleuchtet nur die Schlüssigkeit in sich unter Annahme der katholischen "Axiome". Wenn dabei schon ein Widerspruch aufgezeigt werden kann, ist das um so schlimmer. Für mich, der eher Agnostiker denn Atheist oder antiklerikal ist, jedenfalls....
Verun 27.02.2013
3. Es gibt keinen Gott
Zitat von sysopDPABenedikt XVI. bedankte sich bei seinem letzten öffentlichen Auftritt für den Respekt, der ihm nach seinem Rücktritt entgegengebracht wurde - doch tatsächlich handelt es sich um eine Rebellion gegen Gott. Und die wird Folgen haben. http://www.spiegel.de/panorama/kommentar-zum-ruecktritt-von-benedikt-xvi-goettliche-rebellion-a-885876.html
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gibt es keinen Gott. Der Gott der Lücken (1. Der Gott der Lücken | UnfassbarLangweilig (http://unfassbarlangweilig.wordpress.com/argumente-der-irrationalitat/der-gott-der-lucken/)) weicht bei jeder neuen Erkenntnis zurück, bis er letzten Endes vollständig verschwinden wird. Dann gibt es endlich keinen religiösen Hass mehr auf der Welt und alle können in Frieden leben.
caligula4ever 27.02.2013
4. Der Spiegel hat's auch schon gemerkt, dass logisch
bei der christlichen Religion nix zusammenpasst. Vielleicht merkt er irgendwann, dass das für jede (einschließlich dieser speziellen, so tief spirituellen) Religion gilt. Und dass wahrhaftige Atheisten keine Faschisten sind, nur weil sie JEDE Religion kritisieren.
hexenzange 27.02.2013
5. Keine Rebellion gegen Gott
Der Hinweis auf den "künftigen Alterssitz mit angeschlossenem Park" hat ein Gschmäckle, das nicht zu der fundamentalistischen Perspektive des Autors passt. Aus "systemimmanenter Sicht" müsste er vielmehr davon ausgehen, dass Benedikts Entscheidung i genauso vom Heiligen Geist eingegeben wurde, wie seine Wahl durch die Kardinäle. Ergo: Keine Rebellion, sondern Gehorsam.
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