Gesägt, getan Das Grüne muss ins Eckige

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Zum Glück gibt es keine Internetportale, auf denen gemähtes Gras, Grünschnitt und Bioabfall ihre Meinung kundtun können. Sonst gäbe es zum Umbau des Komposters im Garten sicherlich einiges zu meckern.

Im Leben rächt es sich meist, wenn man die Dinge nicht zu Ende denkt. Wie müde bin ich morgen im Büro, wenn ich heute Abend das Spiel anschaue? Wie wird das Verhältnis zur Schwiegermutter sein, wenn ich ihr sage, dass Socken nicht mein Lieblingsgeschenk sind? Ist es wirklich eine gute Idee, drei Kilo Kirschen zu essen, nur weil sie so gut schmecken?

Beim Heimwerken verhält es sich ähnlich. Die Tragweite mancher Entscheidungen zeigt sich oft erst mit Verzögerung, manchmal erst nach Monaten oder Jahren. Das musste ich beispielsweise erfahren, als ich mich eines schwülen Spätsommertages in einer miefenden Pampe aus Gras, Blättern und Biomüll wiederfand, beim Bau eines Komposters. Wobei das ein ziemlich großes Wort für den Bretterverschlag ist, der letztlich entstand.

Aber der Reihe nach: Der Rasen im Garten war eingesät, es konnte nicht mehr lange bis zum ersten Mähen dauern. Irgendwann dämmerte es mir, dass der Rasenschnitt nicht magisch verschwinden würde. Ich stand vor der Wahl: Entweder ständig zum Grünplatz fahren oder einen Komposter besorgen.

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Komposter-Umbau: Ein Ort für Grünschnitt

Stammgast am Grünplatz wollte ich nicht werden. Jeder Besuch kostet Geld. Und ich malte mir aus, was ich alles Tolles mit der wunderbaren Erde aus dem Komposter anstellen würde. Vor meinem geistigen Auge entstanden Bio-Beete, bekamen Verwandte säckeweise hausgemachte Blumenerde. Also fuhr ich in den Baumarkt und kaufte einen Komposter, ein paar Brettchen zum Zusammenstecken.

Die Flitterwochen-Phase hielt nicht lange an. Rasenschnitt, Obstreste, verblühte Blumen - was auch immer ich in das Teil kippte, blieb einfach nur liegen. Von einer Verwandlung in Erde keine Spur. Dafür war der Gestank beträchtlich.

Um dem Mief zu entgehen, brachte ich den Komposter in die Ecke des Gartens, die am weitesten vom Haus entfernt ist. Und weil er sich als viel zu klein erwiesen hatte, stellte ich drei weitere Komposter auf. So viel Volumen sollte doch locker für Gras, Laub und den restlichen Kleinkram ausreichen, dachte ich.

Zwei Sommer später wusste ich es besser. Auf den Kompostern türmte sich der Grasschnitt. Das war nicht nur unpraktisch, sondern auch hässlich. Ein neuer, besserer Komposter musste her. Mein Plan war simpel: Die Ecke im Garten war ohnehin schon von zwei Seiten vom Holzzaun begrenzt. Mit ein paar Brettern, Latten und Schrauben die beiden anderen Seiten einfassen, fertig. Geringer Materialaufwand, günstig und schnell zu bauen. Zwei, drei Stunden maximal.

Allerlei Getier in Hose und Schuhe

Bis heute ist ein Teil von mir überzeugt, dass ich tatsächlich maximal drei Stunden gebraucht hätte. Aber ein anderer Teil von mir muss leider eingestehen, dass ich die Sache nicht zu Ende gedacht hatte: Denn mitten auf der Baustelle standen ja die vier alten Komposter. Allein um sie komplett wegzuräumen, hätte ich schon mehr als drei Stunden gebraucht. Also ließ ich sie stehen und versuchte, quasi um sie herum zu bauen. Es war, als müsste ich während der Fahrt einen Reifenwechsel machen. Egal, was ich tun wollte: Immer waren die alten Komposter oder deren Inhalt im Weg.

Ich ging in der muffigen Masse aus vergammeltem Laub und monatealtem Rasenschnitt fast unter. Um ein bisschen Platz zum Arbeiten zu schaffen, wusste ich mir nicht anders zu helfen als zwei Schubkarren Kompost auf den Grünstreifen neben der Straße zu kippen.

Und dennoch krabbelte mir beim Sägen allerlei Getier in Hose und Schuhe. Ich habe jetzt für mein Leben jedenfalls genug Kellerasseln gesehen. Und Mücken finden Kompost offenbar auch ganz dufte, wie ich beim Zählen der Stiche feststellen durfte. Wenn ich nicht Insekten verscheuchte, konnte ich kaum eine Schraube versenken, ohne mit Hintern oder Kopf gegen die Reste der alten Komposter oder deren Inhalt zu stoßen. Der Schraubeneimer fiel mehrmals in der Pampe um. Die Luft wurde immer schwüler.

Statt vier Baumarkt-Kompostern ein Bretterverschlag

Auch wenn ich damals nicht darüber lächeln konnte: Der Sache wohnte eine gewisse Ironie inne. Solange der neue Komposter noch nicht stand, behinderten mich die alten beim Aufbau. Und als er stand, behinderte er mich beim Abbau der alten.

Wenn ein Bau so vermurkst ist, kann das Ergebnis nicht doll sein. Nachdem ich die letzte Schraube eingedreht hatte, ging ich ein paar Schritte zurück, betrachtete mein Gesamtwerk und fühlte mich an einen Schokoriegel erinnert: Ich präsentiere den wahrscheinlich hässlichsten Komposter der Welt.

Alles krumm und schief, aus Materialmangel notgedrungen sämtliche Holzreste verbaut. Statt vierer Komposter aus dem Baumarkt habe ich nun einen Bretterverschlag im Garten. Ich bezweifle, dass Anstreichen das Ding hübscher machen würde. So richtig zu Ende gedacht war das Projekt auch in dieser Hinsicht nicht.

Aber immerhin: Der Komposter Marke Eigenbau ist praktisch. Er bietet mehr Platz als die vier alten, die Fahrten zum Grünplatz sollten also deutlich seltener werden. Er hat zwei Abteile, so dass das Umschichten leichter geht. Und im Zweifelsfall lässt er sich leicht abbauen, sollte mir irgendwann mal eine bessere Variante einfallen.

Da lässt sich leichter verschmerzen, dass er hässlich ist.

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Gesägt, getan

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31 Leserkommentare
tnyhf 29.04.2018
chrisberg 29.04.2018
Glückspilz 29.04.2018
Werner Koben 29.04.2018
ltsch 29.04.2018
spon_2545532 29.04.2018
halihalo52 29.04.2018
marthaimschnee 29.04.2018
herbert_schwakowiak 29.04.2018
unpolit 29.04.2018
immelmann 29.04.2018
pirkal 29.04.2018
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