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09. März 2006, 16:27 Uhr

Konferenz zu Ehrenmorden

"Jedes Jahr ein neues Ruanda"

Von , Köln

Die Türkin Hatun Sürücü musste in Berlin sterben - weil sie sich den Moralvorstellungen ihrer Familie nicht unterwerfen wollte. Der Fall rückte das Thema "Ehrenmorde" in die Öffentlichkeit. Doch Mord an Frauen ist andernorts alltäglich. Frauenrechtlerinnen sprechen von einem Genozid.

Köln - Ayaan Hirsi Ali blickt fest in die Menge und sagt: "Jedes Jahr passiert ein neues Ruanda, verübt an den Frauen dieser Welt. Aber alle schauen weg." Hinter dem Rücken der niederländischen Politikerin huschen Bilder über eine große Leinwand, sie dokumentieren das kurze Leben einer ermordeten Frau: Hatun Sürücü grinsend mit dem Pinsel auf einer Malerleiter, Hatun als kleines Mädchen, Hatun in einem weißen Sommerkleid, ausgelassen und glücklich in den Armen ihres Freundes; Hatun, wie sie mit ihrem kleinen Kind auf dem Schoß herumalbert. Dann: Ein toter Körper, der mit einem weißen Tuch bedeckt mitten auf der Straße liegt, Blut dringt durch den Stoff.  Danach ein Bild, das ein paar Männer in einem Gericht zeigt - feixend.

Mordopfer Sürücü: "Im Namen der Ehre"
DDP

Mordopfer Sürücü: "Im Namen der Ehre"

Hatun Sürücü musste am 7. Februar 2005 mit 23 Jahren mitten auf einer Straße in Berlin sterben, weil sie ein Leben nach eigenen Vorstellungen führen wollte. Vor Gericht müssen sich derzeit ihre Brüder verantworten - wegen brutalen Mordes. Sürücü war eine von acht Frauen, die in Deutschland zwischen Oktober 2004 und Juni 2005 "im Namen der Ehre" umgebracht wurden - offiziell, die Dunkelziffer ist höher, denn häufig laufen die Verbrechen unter den Bezeichnungen "Eifersuchtsdrama" oder "Familientragödie".

"Es ist für eine Frau zwischen 14 und 44 Jahren auf dieser Welt wahrscheinlicher, dass sie durch ihre eigene Familie ermordet wird, als dass sie an Malaria, an Krebs, im Krieg oder bei einem Autounfall umkommt", behauptet Hirsi Ali. Sie spricht ruhig und konzentriert. "Jedes Jahr wird an den Frauen ein Massenmord begangen - zwischen anderthalb und drei Millionen Frauen sterben jedes Jahr an den Folgen von Diskriminierung, Vernachlässigung oder Gewalt." Diese Frauen würden einfach verschwinden. Statistiken gebe es kaum.

"Vergesst niemals Hatun!"

Die Zahl mag hoch erscheinen, aber auch Frauen- und Menschenrechtsorganisationen wie Terre des Femmes und Amnesty International halten Hirsi Alis Schätzung für durchaus realistisch. "Natürlich ist das keine Zahl, die genau überprüfbar ist, und deshalb ist sie auch nicht offiziell. Ich spreche aber auch oft von etwas über einer Million Frauen, die pro Jahr allein deshalb sterben müssen weil sie Frauen sind", sagt Hannelore Wilmanns von Amnesty International.

Abgeordnete Hirsi Ali: "Es gibt immer noch Apartheid"
AP

Abgeordnete Hirsi Ali: "Es gibt immer noch Apartheid"

Bei der Schätzung wurde auch der Tod von Mädchen und Frauen berücksichtigt, die sterben, weil sie keine Medikamente bekommen, weil sie anders als Jungen nicht richtig ernährt werden und deshalb die ersten Lebensjahre nicht überstehen. Auch der Tod nach Genitalverstümmelungen und Vergewaltigungen ist bei der geschätzten Zahl mit eingerechnet.

Zusammen mit sieben anderen Frauenrechtlerinnen ist die aus Somalia stammende Hirsi Ali zum internationalen Frauentag nach Köln gekommen, um über die Ursache und über das Ausmaß von sogenannten Ehrenmorden zu diskutieren. Und um an Hatun Sürücü zu erinnern - "Vergesst niemals Hatun!" mahnt ein Banner, das über dem Podium hängt.

Eine Handvoll Bodyguards bewacht die Türen. Seit dem Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh, mit dem zusammen sie den islamkritischen Film "Submission" gedreht hat, ist Hirsi Ali die am stärksten gefährdete Frau der Niederlande. Weil sie unbeugsam dem Islam Schuld gibt an Morden, an Unterdrückung, an Leid. Eine Kultur, die die Verstümmelung und Ermordung von Frauen und Mädchen akzeptiere oder fördere, sei keine gleichwertige Kultur, sagt sie.

"Als ich mich auf meine heutige Rede vorbereitet habe, habe ich einen guten jüdischen Freund angerufen", sagt Hirsi Ali. "Ich habe ihn gefragt, ob es passend wäre, den Massenmord an Frauen als Holocaust zu bezeichnen." Erst habe er gezögert. Als sie ihm aber die Zahlen vorgelesen habe, habe er ihr zugestimmt.

Sie könne schon die üblichen Entschuldigungen hören, sagt die 36-Jährige: "Ja, das ist schlimm, aber es ist ja ihre Religion." Hirsi Ali nennt das "Kulturrelativismus" - ein Wort, das oft fällt an diesem Nachmittag in Köln.

"Ehrenmorde sollen zu unserer Kultur gehören?"

Azar Majedi sitzt auf dem Podium neben Hirsi Ali. Sie hat fröhliche Locken und eine kräftige Stimme: "Vor 30 Jahren konnte ich in Iran noch einen Minirock tragen. Und heute sollen Ehrenmorde zu unserer Kultur gehören", fragt sie. "Anscheinend glauben die Leute, eine Muslimin habe weniger Schmerzen, wenn man sie schlägt oder steinigt. Sie glauben anscheinend, es ist ganz okay, zwangsverheiratet zu werden. Denn das sei ja unsere Kultur", sagt auch die aus Iran geflohene Mina Ahadi, die die Konferenz leitet.

Gerade das so oft zur Schau getragene Verständnis und die vermeintliche Toleranz gegenüber "kulturellen Besonderheiten" und die "Multikulti-Politik" der westlichen Regierungen hätten die politischen Islamisten an die Macht gebracht. Denn jede Unterstützung religiöser Einrichtungen, aber auch die Aufrechterhaltung diplomatischer Beziehungen zu Ländern wie Iran "nährt den politischen Islam und damit das Verbrechen an Frauen", so Azar Majedi.

"Es gibt immer noch Apartheid - nur dass sie nicht mehr rassistisch ist, sondern sich gegen Frauen richtet", ruft sie in die Menge. Zwar glaube sie nicht, dass der reine Glauben jemanden dazu bringe, Frauen umzubringen. "Aber mit dem politischen Islam ist eine Apparatur entstanden, die systematisch Frauen unterdrückt. Eine der Mafia ähnliche Organisation, basierend auf dem Islam." Das einzige, was helfe, sei eine politische Bewegung gegen diesen Islam und eine kompromisslos säkulare Gesellschaft. "Es muss Schluss sein mit Beschwichtigungen, mit Entschuldigungen. Wir müssen den Dreck an die Öffentlichkeit bringen." Der Dreck, das ist der geplante Mord oder die in Kauf genommene tödliche Vernachlässigung an Millionen Frauen.

Während Azar Majedi, Mina Ahadi und Hirsi Ali sprechen, laufen weiter die Fotos von Hatun Sürücü über die Leinwand. Stationen ihres Lebens. Die Zuschauer können sich jetzt ein Bild davon machen, wie Sürücü gelebt hat. Ihr Fall ist bekannt. Die meisten der Frauen, die jedes Jahr im Namen der Ehre ermordet werden, verschwinden jedoch leise. "Wir müssen das Morden dokumentieren", fordert Hirsi Ali deshalb.

Aber nicht nur die Opfer sollen ein Gesicht bekommen, sondern auch die Täter. "Let's name them - let's shame them!" - "Lasst sie uns beim Namen nennen, lasst sie uns beschämen!" Es ist das letzte, was Hirsi Ali sagt, bevor sie vom Podium geht. Ihre Bodyguards folgen ihr, um ihr Leben zu schützen.

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