Konflikt unter Amischen: Bartraub bei Nacht

Die in den USA lebenden Amischen gelten als Bilderbuch-Pazifisten, sie lehnen eigentlich jede Gewalt ab. Umso befremdlicher erscheint eine nächtliche Überfallserie, bei der Amisch-Männer gewaltsam rasiert wurden - von anderen Bartträgern aus ihrer Sekte.

Amisch: Die Geschichte des nächtlichen Bartraubs Fotos
AP/ Jefferson County Sheriffs Department

Hamburg - Im US-Bundesstaat Ohio ist es in den vergangenen Wochen zu einer Serie bizarrer Überfälle auf Angehörige der fundamentalchristlichen Amisch-Sekte gekommen: Männern wurde gewaltsam der Bart abrasiert, auch Frauen sollen die Haare abgeschnitten worden sein. Am Samstag wurden drei Amische - so die deutsche Bezeichnung - als Täter dem Haftrichter vorgeführt. Zwei weitere stellten sich am Mittwoch, alle fünf kamen kurz darauf gegen Kaution wieder frei. Damit aber ist die Geschichte noch lange nicht vorbei. Was wie Realsatire klingt, ist der sichtbare Ausdruck eines schwelenden Konfliktes unter den Amischen.

Und der macht Schlagzeilen - nicht zuletzt, weil er dem gängigen Klischee von den stets friedfertigen Amischen widerspricht. Nach deren Maßstäben sind die Bartattacken außergewöhnliche Gewaltakte. Als "amisches Paradoxon" bezeichnete der Anthropologe David McConnel, der seinen Lehrstuhl an einer Universität in einem Amisch-Gebiet hat, die Überfälle: "Diese Art von Gewalt von Amischen gegen Amische ist extrem selten", zitierte ihn die "Washington Post". Die meisten US-Medien berichteten von dem Bartraub, in etlichen Berichten schwingt ein unheilschwangerer Unterton mit.

Die Nacht des 3. Oktober

Kein Wunder, denn die Überfälle sind unschwer als geplante Taten einer radikalen Gruppe zu erkennen: Die Männer kamen am späten Abend des 3. Oktober in das Haus von Bischof Raymond Hershberger, und ihr Anliegen schien plausibel. Über religiöse Dinge hätten sie sprechen wollen, berichtete Hershberger, Bischof der Amisch-Gemeinde im Holmes County. Er ließ sie in sein Haus, doch nach einigen Floskeln hätten sie ihn und seinen Sohn zu Boden geworfen. "Wir sind hier, um Rache für Sam Mullet zu üben!", hätten sie gesagt, Scheren und Akku-Rasierer gezückt und Hershberger und seinem Sohn die Bärte geschnitten.

Es sollte nicht der einzige Angriff in dieser Nacht bleiben. Die Täter stiegen in einen samt Fahrer gemieteten Wagen. Wenig später drangen sie in einem benachbarten Landkreis in das Haus von Myron Miller ein und rasierten auch ihn.

In den letzten Wochen soll es mehr als sechs solcher Überfälle gegeben haben. Auch Frauen sollen unter den Opfern sein, ihnen schnitt man die Haare ab. Allerdings wurden nur die Überfälle des 3. Oktober angezeigt. Normalerweise regeln die Amischen ihre Dispute unter sich. Dass Hershberger und Miller überhaupt zur Polizei gingen, um Anzeige zu erstatten, ist an sich schon ein Zeichen dafür, für wie schwerwiegend die Amischen die Bartangriffe halten.

Denn hinter den Attacken steht wahrscheinlich ein Mann, der unter den Amischen als eine Art Sektenführer gilt: Sam Mullet. Zwei seiner Söhne sollen die Taten begangen haben. Er ist der Kopf einer als besonders fromm und streng geltenden Gemeinde mit rund 120 Mitgliedern. 1995 sagte Mullet sich von der losen Gemeinschaft der Old Order Amisch los. In der sind zahlreiche, jeweils lokal organisierte Kirchen und Gemeinschaften zusammengefasst, die sich in ihren Theologien und Regeln zwar partiell unterscheiden, sich aber letztlich zu bestimmten Grundsätzen bekennen.

Es sind diese Old Order Amisch, die das populäre Image der friedfertigen Amischen prägen - als bärtige, in Kutschen durch das Land zockelnde, alle moderne Technik ablehnende Käuze, die unter dem Strich ein Leben führen, als wäre immer noch das Jahr 1720, als die Einwanderung der Amischen nach Amerika begann. Doch die Realität ist komplexer.

Es gibt moderate und liberale Gruppen neben erzkonservativen; es gibt Amische, die Strom und Technik benutzen und solche, die das vehement ablehnen. Und immer wieder kommt es zu Entwicklungen in und auch Neugründungen von Gemeinden, die ihre Regeln ein wenig anders definieren als andere im Verbund der Old Order Amisch.

Angeblicher Auftraggeber der Anschläge: Sam Mullet

Seit 1995 gilt Mullets sogenannte Bergholtz-Gemeinde als eine der radikalsten Gruppierungen. Mullet selbst soll extrem autoritär sein und empfindliche Strafmaßnahmen gegen Abweichler befürworten. Im Verlauf der letzten Jahre hatten sich etliche seiner Gemeindemitglieder abgesetzt, einige klagten öffentlich über Gehirnwäschen und drakonische Strafen.

Der am 3. Oktober überfallene Myron Miller hatte einem dieser Gemeindeflüchtlinge geholfen: Bill Mullet, Sohn des Gemeindeführers Sam Mullet, ist nicht das einzige seiner wahrscheinlich 17 Kinder, das sich von ihm losgesagt hat.

Einer der drei bereits am letzten Samstag gefassten mutmaßlichen Täter der Bartattacke, Levi Miller, bestätigte vor laufenden TV-Kameras, in Sam Mullets Auftrag gehandelt zu haben.

Mullet selbst bestreitet das: Er habe niemandem befohlen, andere Amische zu überfallen und die Bärte abzuschneiden. Er halte die Überfälle allerdings für gerechtfertigt und werde sie auch nicht unterbinden. Und so wie Gesetzeshüter das Recht hätten, Rechtsverstöße zu ahnden, dürfe er Verstöße gegen die Gebote der Kirche bestrafen.

Es gibt Amische, die Angst davor haben, wie weit Sam Mullet und seine Anhänger dabei gehen könnten. Arlene Miller, Ehefrau eines der Opfer, sagte dem Regionalsender News9, die Täter hätten "teuflisch" geklungen und gewirkt, als seien sie "von Satan gesteuert" gewesen.

Bartattackenopfer sprachen von einem "Kult", regionale TV-Sender wie wkyc (Cleveland) nahmen das gerne auf: In einem Telefoninterview mit einem Aussteiger, der ein Schwiegersohn von Mullet sein soll, spricht dieser von der Gefahr, dass die Geschichte des Bergholtz-Clans tragisch enden könne. Der anonymisierte, vom Sender "Ayden" genannte Aussteiger zog in dem Gespräch Parallelen zu Selbstmordsekten.

Der örtliche Sheriff hält Mullet für gefährlich. Er selbst wurde von ihm bereits verklagt. Zwei von Mullets Söhnen wurden in den letzten Jahren kriminell, einer beging sexuelle Übergriffe, ein anderer griff einen Polizeibeamten an.

Auch Johnny und Lester Mullet werden sich mit ihren Mittätern vor Gericht verantworten müssen: Die Verhandlung ist für den 19. Oktober angesetzt. Die Anklage lautet auf Einbruch und Freiheitsberaubung.

pat/AP

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insgesamt 71 Beiträge
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1. Wie friedlich wäre die Welt...
chocochip, 14.10.2011
Zitat von sysopDie in den USA lebenden Amischen gelten als Bilderbuch-Pazifisten, sie lehnen*eigentlich jede*Gewalt ab. Umso befremdlicher erscheint eine nächtliche Überfallserie, bei der Amisch-Männer gewaltsam rasiert wurden - von anderen Bartträgern aus*ihrer Sekte. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,791569,00.html
Ach, wenn wir doch alle nur Bartraub begehen würden... Man stelle sich vor: Friedensnobelpreisträger Obama schickt die Navy Seals nach Afghanistan, um Osama bin Laden zu rasieren! Oder Osama bin Laden schickt eine Terroreinheit nach New York, die Frauen die Haare kürzt... Wie friedlich wäre die Welt...
2. Fanatismus...
dr.u. 14.10.2011
... gibt es offensichtlich in jeder "Glaubensrichtung". Dabei ist es egal, ob es sich um fundamentalistische Christen, fundamentalistische Amish, fundamentalistische Islamisten, fundamentalistische Republikaner oder fundamentalistische Demokraten handelt. Fundamentalistische Juden habe ich mal bewußt außenvor gelassen, sonst wird man ja gleich wieder als fundamentalistischer Deutscher gegeißlert. Die Einen sprengen sich und andere in die Luft, die anderen schneiden Bärte ab. Das ist zwar (noch) eine andere Qualität, aber im Grundsatz das Gleiche: eine extrem ausgeprägte Form von Intolleranz und Egozentrik. Man darf gespannt sein, wann die erste fundamentalisch christliche Terrorgruppe mit einem A380 ins Burj Khalifa kracht. An alle fundamentalistisch Gemäßigten: seid wachsam.
3. .
kellerfrau.com 14.10.2011
Der Ort heißt Bergholz, nicht "Bergholtz": http://en.wikipedia.org/wiki/Bergholz,_Ohio
4. Samson
Mondaugen 14.10.2011
Bibelleser wissen mehr: das Scheren von Bart und Haar beraubte nicht nur Samson/Simson seiner Kraft, sondern bedeutet sinnbildlich auch die Kastration des Opfers. Mal sehen, ob diese Fundis auch die nächsten Schritte gehen, verblendet genug scheinen sie zu sein.
5. $owas
Born to Boogie, 14.10.2011
****************************************************** Es gibt Menschen, die sind noch viel schlimmer dran - die haben nicht mal einen Bart. ******************************************************
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Die Amish
Die Wurzeln der fundamentalchristlichen Sekte
Die Bezeichnung Amish geht auf Jakob Amman zurück, einen Gemeindevorsteher, dem die Regeln und Bibel-Auslegungen der meisten Mennoniten-Gemeinden nicht streng genug waren. Die Glaubensgemeinschaft entstand 1693 als Abspaltung von den Mennoniten, beide haben ihre Wurzeln in der reformatorischen Täuferbewegung. Sie sind eine streng christliche Glaubensrichtung, bilden aber keine formelle Kirche: Die Gemeinden sind autonom und definieren ihre Regeln grundsätzlich selbst - es gibt darum zahlreiche kleine Unterschiede. Die strenggläubigen Amish folgen aber einem Kanon gemeinsamer Grundsätze und werden oft unter dem Begriff Old Order Amish zusammengefasst.
Lebensweise und Kirche
Sie leben nicht in Städten oder Dörfern, sondern in Streugemeinden ohne Zentrum. Jedes Amish-Haus wird für die Gemeinde in einem festgesetzten Turnus zur Kirche, in der der sonntägliche, sich über mehrere Stunden hinziehende Gottesdienst stattfindet. Trotzdem kennt die Glaubensgemeinschaft ein hierarchisch organisiertes Priesteramt: Jedem Distrikt steht ein Bischof vor, der gegenüber einer Reihe von Pfarrern und Diakonen weisungsbefugt ist.
Die Amish in Nordamerika
Ursprünglich in der Schweiz, im Elsass, Lothringen, dem heutigen Saarland und der Pfalz beheimatet, sahen sich die Amish im beginnenden 18. Jahrhundert einer zunehmenden Verfolgung vor allem durch das katholische Frankreich ausgesetzt. Wie viele fundamentalistisch-reformatorische Sekten suchten auch die Amish Zuflucht in Nordamerika.

Dort leben variierenden Schätzungen zufolge rund 250.000 Amish verteilt über 19 US-Bundesstaaten und Kanada, vor allem in ländlichen Kleingemeinden. Ihre Sprache beruht auf dem sogenannten Pennsylvania Dutch, das heute aber nur noch selten in Reinform gesprochen wird - vor allem in den letzten Jahrzehnten kam es zu einem vermehrten Import englischen Vokabulars.

Die meisten Amish pflegen zwar eine Lebensweise, die der vergangener Jahrhunderte ähnelt, sind jedoch wohl keine bedrohte Kultur: Mit einem Bevölkerungswachstum von sechs Prozent gehören sie in den USA zu den schnellstwachsenden Bevölkerungsgruppen.

Rumspringa: Amish wird man erst als Erwachsener
Junge Amish werden vor ihrer im Erwachsenenalter erfolgenden Taufe vor die Wahl gestellt, ob sie der Gemeinschaft weiter angehören wollen: Dem geht eine Rumspringa genannte Zeit voraus, in der sie sich in der Welt umsehen sollen. Wer sich für die Gemeinschaft entscheidet, unterwirft sich damit einem strengen, religiös begründeten Regelwerk (der "Ordnung"), das vom Geschlechterverhältnis über Verhaltensweisen bis zur äußeren Erscheinung alle Bereiche des Lebens umfasst.
Die Sache mit den Bärten: sichtbarer Ausdruck der "Ordnung"
Dazu gehört auch die eigentümliche Barttracht der Männer: Das Vorderkinn und die Oberlippe werden rasiert, junge Männer tragen den übrigen Bart gestutzt. Nach der Heirat wird der Bart - so wie die Haare der Frauen - dagegen nicht mehr geschnitten: Am wild wuchernden Rauschebart erkennt man also ein etabliertes Gemeindemitglied mit eigener Familie. Auch Kleidungsmaterialien und Farben unterliegen Vorschriften, züchtiges Auftreten ist Pflicht, Frauen sind Kopftücher vorgeschrieben, die unter anderem ihren Familienstand signalisieren, und jeglicher Schmuck verboten.
Reibungsflächen: Glauben und Neuzeit
Amish erkennen allein die Bibel als religiöses Buch an, in ihren sozialen Regeln berufen sie sich vor allem auf das Neue Testament und besonders die Bergpredigt. Hier liegt der Grund für ihren kategorischen Pazifismus, Amish lehnen jede Gewalt und jede Form von Kriegsdienst ab.

Grundprinzipien ihres Handels sind Demut, Gelassenheit und die Ächtung jedes Hochmuts: daran machen sich alle sozialen Regeln des "Ordnung" genannten Verhaltenskodex fest. Die Bibel ist ihnen ein wörtlich zu verstehendes Buch. Daraus resultiert auch die Ablehnung vieler wissenschaftlicher Erkenntnisse und des allgemeinen Schulwesens: Religiös begründet besuchen die meisten Amish-Kinder keine öffentlichen Schulen, in denen beispielsweise Evolutionslehre unterrichtet wird, sondern werden privat unterrichtet, in der Regel durch unverheiratete junge Frauen.

In vielen Amish-Gemeinden wird die "Ordnung" in den letzten Jahrzehnten weniger streng ausgelegt. Die verstreute Lebensweise bringt eine Vielzahl von Kontakten mit Nicht-Amish-Nachbarn mit sich. Auch wachsender Wohlstand befördert den Trend, etwa technische Hilfsmittel in der Landwirtschaft in Anspruch zu nehmen. Die Amish bieten in dieser Hinsicht kein homogenes Bild mehr: In manchen Gemeinden bewegen sie sich per Fahrrad oder erzeugen sogar selbst Strom, während andere Gemeinden das streng verbieten. Anders als es ihr Image suggeriert, erweisen sich Amish-Gemeinden dabei durchaus als Adaptionsfähig.