Künstler Thibaud-Rose: "Ich empfehle, den Kopf in den Mülleimer zu stecken"

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Er hat einen Anzug an - und steckt kopfüber im Müll. Was soll das? Fragen an Romain Thibaud-Rose, der für sein Kunstprojekt öffentlich Abfalleimer liebkost und das als abstrakten Akt verstanden wissen will.

Fabienne Hurst

Die Frankfurter Einkaufsmeile Zeil an einem Donnerstagmittag. Alles ist wie immer, die Stadt ist grau, der Himmel auch und die Menschen haben es eilig. Doch plötzlich bleiben sie stehen; zücken ihre Handys und beginnen zu filmen. Die Münder offen vor Erstaunen. Drei Menschen in dunklen Anzügen stecken kopfüber in Mülltonnen, winkeln die Beine an bis zum Kopfstand.

Was die Passanten nicht wissen: Es handelt sich um das Kunstprojekt"Garbage Embrace" (auf Deutsch: "Müll-Umarmung") des gebürtigen Franzosen Romain Thibaud-Rose. Der 28-Jährige studiert Choreografie und Performance-Kunst an der Uni Gießen und umarmt seit einem Jahr Mülleimer im Frankfurter Bankenviertel, am Hamburger Hafen oder in der Pariser Bürostadt La Défense. Mal allein, mal in der Gruppe - aber immer im Anzug. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über die Gründe, die ihn in die Tonne treiben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Thibaud-Rose, Sie umarmen im Anzug Mülltonnen und stecken sogar ihren Kopf hinein. Was soll das?

Thibaud-Rose: Ich will die Wahrnehmung der Passanten stören, ich konfrontiere sie mit diesem absurden Bild und zerre sie aus ihrem Alltag. "Garbage Embrace" begrenzt sich nicht auf ein Thema. Ich gebe verschiedenen Gedanken über wirtschaftliche, soziale oder ökologische Probleme eine physische Form.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf diese Idee?

Thibaud-Rose: Als Künstler ist man immer auf der Suche nach einer neuen Ästhetik. Ich wollte mit einem Objekt arbeiten, das mit dem Körper kontrastiert, um die Wahrnehmung zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Die Mülleimer-Nummer ist sehr radikal. Sie könnten sich auch rot anmalen und durch den Park laufen. Das wäre auch ein Kontrast.

Thibaud-Rose: Aber was steht stärker im Gegensatz zum Körper als Müll? Diese Performance bietet die Möglichkeit, viele aktuelle Themen anzusprechen. Die Kombination von Müll und Mensch und seiner Umgebung - also Einkaufsmeile, Bankenviertel, Hafen - kann für so vieles stehen. Oder stellen Sie sich vor, ich mache eine Performance nur mit Frauen. Dann würde sich die Aussage wieder ändern.

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Kunstprojekt mit Ekelfaktor: Kopfstand im Müll

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie provozieren?

Thibaud-Rose: Nein, ich will die Leute vielmehr berühren. Mich interessiert es, wie sie sich verhalten. Die meisten Leute sind einfach sehr erstaunt über das, was sie sehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Reaktionen der Passanten reichen von Unverständnis bis hin zu Spott.

Thibaud-Rose: Viele nehmen auch ihr Handy und fotografieren oder filmen alles, manche fassen uns an und denken, wir sind Puppen. Andere machen sich Sorgen, ob alles in Ordnung ist mit uns. Manchmal kommt es nach der Performance auch zu einem Gespräch. Das letzte Mal ging eine Frau auf mich zu und sagte: "Das ist super, was Sie da machen. Wir müssen mehr auf das Müllproblem und die Umwelt achten. Toll!" Sie hat das so interpretiert. Ein VWL-Student dachte dabei an die Wirtschaft, viele erinnert es auch an die Vergänglichkeit des Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Welches war Ihr negativstes Erlebnis?

Thibaud-Rose: Manche Leute reagieren sehr aggressiv. Sie packen uns, ziehen uns aus der Tonne heraus, beschimpfen uns als Verrückte und drohen mit der Polizei. Dann weisen wir sie darauf hin, dass wir nur ein Kunstprojekt machen. Und die Kunst entschuldigt alles - sogar die Verrücktheit!

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie sich für verrückt?

Thibaud-Rose: Ist es denn wirklich so unnormal, was ich tue?

SPIEGEL ONLINE: Sie stecken Ihren Kopf in Mülleimer.

Thibaud-Rose: Es gibt einige Leute, die das Projekt wirklich interessiert. Zoé und Tomas, mit denen ich heute performt habe, sind auf mich zugegangen und wollten mitmachen. Manche halten es auch für eine neue Methode der Meditation. Das finde ich witzig. Jeder vermittelt sein Engagement eben etwas anders. Ich arbeite mit meinem Körper in der Öffentlichkeit. Das tun viele. Meine Version davon ist eben sehr politisch und sehr abstrakt.

SPIEGEL ONLINE: Warum der Anzug?

Thibaud-Rose: Er ist wichtig, um ernst genommen zu werden. Es geht auch um eine gewisse Ästhetik.

SPIEGEL ONLINE: Viele halten Sie trotzdem für einen Clown. Beleidigt Sie das?

Thibaud-Rose: Mir ist das egal, mir geht es nicht darum, eine ganz exakte Botschaft zu verbreiten. Mir gefällt es, die Leute raten zu lassen, sie mit ihrem Chaos im Kopf zu konfrontieren.

SPIEGEL ONLINE: Ein bisschen eklig ist es aber schon. Lohnt sich dieser Einsatz?

Thibaud-Rose: Ich empfehle jedem von Zeit zu Zeit den Kopf mal in eine Mülltonne zu stecken. Es wird einem bewusst, was im Leben wichtig ist und was nicht. Es ist nicht einfach, es braucht Überwindung und Mut. Natürlich ist es nicht sehr appetitlich. Aber der Mülleimer ist das Objekt, das wir täglich am meisten benutzen. Es ist doch erstaunlich, dass wir vor unserem Abfall so große Angst haben. Er gehört zu unserem Leben - und zu unserer Gesellschaft.

Das Interview führte Fabienne Hurst

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Wäre
crocodil 14.11.2012
doch optimal geeignet, Müllentsorger zu werden. Diese Leute werden immer gesucht, und er hätte dann genug Zeit im Müll zu wühlen!!!!
2. Künstlerische Absicht
Peter_Lublewski 14.11.2012
"Ich empfehle jedem, den Kopf in den Mülleimer zu stecken" Ich werde der Empfehlung nachkommen, nachdem ich das Video gesehen habe - allerdings nicht mit künstlerischer Absicht.
3.
kohlibri 14.11.2012
Das ist keine Kunst, sondern Müll. Aber veilleicht vertsteh ich ja einfach nichts davon, weil ich zu wenig verdiene.
4. optional
spon-facebook-10000144401 14.11.2012
HURZ!
5. Also weitermachen
level 14.11.2012
Das hat schon Robert Crumb in den 70er gezeichnet, und von Therapy? gab es mal ein CD Cover mit solchem Motiv: Die Menschen machen doch eigentlich alle ihr Leben lang nichts anderes, als ihren Kopf in den Müll zu halten.
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