Von Silvia Dahlkamp
Gesehen haben es alle, darüber gesprochen hat keiner.
Direkt nach der Feier ist Stephanie S. nach Hause gerannt. Hat sich das Kleid vom Körper gerissen, hat es gegen Jeans mit schwarzem Pullover getauscht. Seit dem Tag waren Kleider und Röcke und Farben für die junge Frau tabu. Die Dorfärztin sagte: "Damit musst du leben, dagegen kann man nichts tun." Stephanie S. hat lange geglaubt: "Schwitzen ist mein Schicksal."
Woher kommt die Krankheit, unter der bis zu drei Millionen Deutsche leiden? Manchmal sind es Stoffwechselstörungen, Übergewicht, Hormonschwankungen oder chronische Infekte. In 95 Prozent aller Fälle aber schieben es die Ärzte auf die Psyche: Angst vor Prüfungen, Druck in der Firma, Stress mit den Mitmenschen.
"Die Schweißdrüsen werden von den Nerven gesteuert. Liegen die blank, beginnt der Mensch zu schwitzen", sagt Tanja Fischer vom Haut- und Lasercentrum Potsdam.
Stephanie S. klappert die Ärzte ab. Doch die finden nichts
Anschließend kühlt jeder anders ab: Manche über Hände und Füße, andere schwitzen nur unter den Achseln, am Kopf oder Rücken. Selten auch am ganzen Körper. Und nur wenige so heftig wie Stephanie S.
Sie ist nicht dick: 60 Kilo bei einer Größe von 1,65 Meter, eigentlich perfekt. Sie ist attraktiv: Früher guckten ihr oft die Jungen hinterher. Sie hatte Dates - doch nach dem ersten Treffen war sofort Schluss: "Der Schweiß war wie die Pest."
Während ihrer Ausbildung hat Stephanie S. noch an die Kosmetikwerbung geglaubt. Sie hat alle Deos, Duschgels und Badeöle ausprobiert. Jedes Einzelne hat versagt. Und schließlich hat sie resigniert: "Feel good, feel fresh - das galt nur für die anderen." Und so steckte sich Stephanie S. statt der Puderquaste ein "Fenster-Profi-Putztuch" in ihre Handtasche, als sie nach der Lehre ihren ersten Job antrat. Für die Finger - extra saugstark, plus. So konnte sie wenigstens ihre Arbeit machen. Bis heute begrüßt sie keine Kunden: "Da müsste ich ja Hände schütteln."
Die Familie hat Mitleid. Freunde sagen, "du musst was machen." Stephanie S. klappert die Ärzte ab. Doch die finden nichts.
Aber kann denn jemand gesund sein, der sich mit Tesa-Streifen Taschentücher unter die Achseln klebt, bevor er einkaufen geht?
Stephanie S. versucht, sich selbst zu therapieren - sie trinkt einfach nichts mehr. Doch ihre Klimaanlage läuft auch ohne Kühlflüssigkeit weiter. Morgens, mittags, abends, sogar nachts - schlimmer als bisher. Die Kleider sind weiterhin klitschnass, doch der Körper trocknet aus, der Kreislauf macht schlapp. Kurz nach ihrem 24. Geburtstag hockt Stephanie S. abends verzweifelt auf dem Sofa in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung. Es war ein heißer Tag. Vor der Waschmaschine stapelt sich die Wäsche. Sie schluchzt: "Wann hört das endlich auf?"
Botox, 25 bis 30 Stiche pro Seite
Und dann hat sie getan, was eigentlich nur die Besserbetuchten oder die Eitlen tun. Verzweifelt plündert sie ihr Konto und lässt sich für 500 Euro Botox in die Achseln spritzen. Eine Ärztin hatte ihr Hoffnung gemacht: "Das Nervengift glättet nicht nur die Haut, sondern stoppt auch hyperaktive Schweißdrüsen." 25 bis 30 Stiche pro Seite. Es hat wehgetan. Nebenwirkungen? Risiken? Stephanie S. wollte sie gar nicht wissen. "Mir war schon längst alles egal. Ich hätte sogar einen Kredit aufgenommen, um endlich so zu sein wie die anderen."
Zwei Jahre später: Es ist wieder Sommer. Es ist wieder heiß. Doch es hat sich vieles geändert. Stephanie S. sitzt im kurzen, engen Shirt auf ihrem Sofa und lacht: "Mein Körper hat das Schwitzen abgestellt."
Doch ohne Gift geht es nicht. Insgesamt dreimal hat die junge Frau Geld für Botox geholt. Das wirkt allerdings nur sechs Monate lang, sie konnte sich den Luxus schließlich nicht mehr leisten. Jetzt schluckt sie Anti-Schwitz-Tabletten. "Sie regulieren mein Kühlaggregat, machen aber einen trockenen Mund."
Stephanie S. hat wieder einmal ihr Album auf dem Schoß. Es fehlen viele Fotos: von ihrer Abschlussfeier, vom 20. Geburtstag ihrer besten Freundin, von Hochzeiten und Familienfesten: "Alle mit Schweißflecken mussten weg."
Nur eines durfte bleiben. Es entstand in einem Fotoatelier vor sieben Jahren: Sie lehnt an der Schulter ihres Freundes, beide lächeln. Stephanie S. erinnert sich: "Mensch, an dem Tag habe ich gestunken." Nach dem Shooting hat sie den weiß-blau-geringelten Pullover wütend in die Mülltonne gestopft, das Foto aber aufgehoben, "weil dieser Freund mich so akzeptiert wie ich bin". Sie schnüffelt. So, als röche sie den Schweiß selbst heute noch auf dem Polaroid.
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