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Krebspatientin Sébire: "Sie ist nicht so gestorben, wie sie es wollte"

Von Henning Lohse, Paris

Frankreichs berühmteste Krebspatientin ist tot. Chantal Sébire starb unter ungeklärten Umständen, nachdem ihr Antrag auf Sterbehilfe abgelehnt worden war. Doch die zuletzt von einem Tumor entstellte Frau hinterlässt ein politisches Vermächtnis.

"Ich freue mich für sie, und ich bin zugleich sehr, sehr unglücklich." Jean-Luc Romero, Präsident der französischen Sterbehilfsorganisation ADMD, lächelt beim Gedanken an die verstorbene Chantal Sébire - auch wenn ihm nicht leicht ums Herz ist.

Romero hatte die an Krebs im Endstadium leidende Französin bei ihrer wochenlangen Medienkampagne für das Recht auf einen selbstbestimmten Tod kennengelernt, sie bei ihrem Kampf unterstützt. "Chantal war eine außergewöhnliche Frau", sagt Jean-Luc Romero nun. "Ich bin erleichtert, dass ihr Leiden vorbei ist. Und sehr traurig, dass sie es nicht geschafft hat, so zu sterben, wie sie es wollte."

Millionen Franzosen hatte das Schicksal der unheilbar Kranken, deren Gesicht zuletzt von einem Tumor entstellt war und die jahrelang furchtbarste Schmerzen litt, berührt. "Chantal Sébire leidet nicht mehr", brachte die Zeitung "Le Parisien" das Gefühl der traumatisierten Nation auf den Punkt.

Auch Staatsoberhaupt Nicolas Sarkozy hielt es für geboten, Gefühle des Mitempfindens kundzutun. Wenige Stunden vor Bekanntwerden ihres Todes ließ Sarkozy mitteilen, er sei "ausgesprochen betroffen von ihrem Leiden".

Zuvor hatte der Präsident Frankreichs bekannteste Patientin zutiefst enttäuscht. Auf ihren Ende Februar verschickten offenen Brief "Monsieur le Président, helfen Sie mir zu sterben" hatte Sarkozy nie direkt reagiert. Er zog sich - wie fast die gesamte politische Klasse - auf die aktuelle Gesetzeslage zurück, die keinerlei aktive Sterbehilfe zulässt.

Noch in der vergangenen Woche hatte der Elysée-Palast angesichts des wachsenden Druckes verlauten lassen, dass es keinerlei Bedarf zu einer Gesetzesänderung gebe.

Diese Vogel-Strauß-Position ist allerdings nicht länger zu halten. Zu sehr hat sich die Stimmung im Land in den vergangenen Tagen geändert. Eine Bresche hatte am Mittwoch der französische Außenminister Bernard Kouchner geschlagen. Der Mitbegründer der Organisation "Ärzte ohne Grenzen", selbst von Beruf Mediziner, sagte: "Ich finde es sehr schwierig, dass wir ihr keinen Ausweg anbieten, der für sie und ihre Angehörigen gangbar ist." Kouchner, früher Gesundheitsminister, fügte hinzu: "Wir müssen ihr helfen, damit sie nicht einen heimlichen Selbstmord begeht, der allen Menschen, vor allem ihren Angehörigen, Schmerzen bereiten würde." Dieser offene Einsatz für Chantal Sébire, auf dieser hohen politischen Ebene ein Novum, kam zu spät.

Es bleibt abzuwarten, ob die aufgeheizte Stimmung, die seit Sébires Tod im Land herrscht - in TV-Talkshows und Radiosendungen, bei Umfragen in Internet-Foren wird engagiert gestritten - schließlich in eine Änderung der Gesetzeslage mündet. Der Weg dahin scheint jedoch bereitet - die Franzosen denken über das Recht auf Sterbehilfe nach. "Le Parisien" hatte bei einer nicht repräsentativen Straßenumfrage den Fall Chantal Sébire thematisiert. Das Ergebnis: 80 Prozent der Befragten fordern eine gesetzliche Lösung für Todkranke, die aus dem Leben scheiden wollen. "Chantal Sébires Antrag hat die Debatte um die Sterbehilfe wiederbelebt", titelte "Le Monde" am Tag ihres Todes.

Das Sterbehilfe-Gesetz soll überprüft werden

Premierminister Francois Fillon hat bereits reagiert. Er beauftragte den konservativen UMP-Abgeordneten Jean Leonetti mit einer Überprüfung des aktuell gültigen Gesetzes, das die Einstellung lebenserhaltender Maßnahmen unter strengen Voraussetzungen erlaubt, aber jede Art von aktiver Sterbehilfe verbietet. Es handelt sich dabei um das sogenannte "Loi Leonetti", dass der Abgeordnete 2005 in die Assemblée Nationale eingebracht hatte. Es war damals einstimmig verabschiedet worden. Sébires Anwalt Gilles Antonowics reagierte empört auf die Initiative der Regierung: "Wie kann man denselben Mann das Gesetz überprüfen lassen, der es damals geschrieben hat?"

Chantal Sébire hat mit ihrer Kampagne für den eigenen Tod die französische Öffentlichkeit aufgerüttelt - und wird vielleicht posthum erreichen, was die Politik ihr zu Lebzeiten nicht gewähren wollte.

Noch ist unklar, wie Chantal Sébire in ihrer Wohnung in Plombières-lès-Dijon gestorben ist. Ihre Tochter Valerie, 29, gab an, den leblosen Körper ihrer Mutter am späten Mittwochnachmittag gefunden zu haben. Die ausgebildete Krankenschwester alarmierte dann einen Krankenwagen. Um 19.30 Uhr wurde der Tod offiziell festgestellt. War es Selbstmord, ein Selbstmord mit Assistenz oder ist Chantal Sébire eines natürlichen Todes gestorben?

Der Staatsanwalt in Dijon, Jean-Pierre Alacchi, hat bisher nur mitgeteilt, dass es "noch keine Hinweise auf die Todesursache gibt". Der Körper weise keine besonderen Merkmale auf. Vor allem habe man keine Spuren von Blutungen gefunden. Chantal Sébire hatte zuletzt unter starken Blutungen aus den vom Tumor befallenen Augenhöhlen gelitten. Laut Alacchi steht noch nicht fest, ob es eine Autopsie geben wird. Sébires Anwalt Gilles Antonowics lehnte dieses Vorhaben als "schändlich" ab.

"Ich möchte in der Morgendämmerung sterben, nach einem Fest"

In den vergangenen Tagen war wiederholt spekuliert worden, dass Chantal Sébire begleitet von ihren drei Kindern zum Sterben in die Schweiz fahren würde. Für den ADMD-Präsidenten Jean-Luc Romero war das jedoch kaum vorstellbar. "Ich war mit Chantal zum Gerichtstermin nach Dijon gefahren. Die halbe Stunde im Auto war eine reine Qual. Sie vertrug kein Morphium, litt stärkste Schmerzen und hatte regelmäßig starke Blutungen im Auge."

Die internationale Dimension des Falles Chantal Sébire zeigte ein Sterbehilfsangebot, das aus Belgien kam.

Professor Piet Hoebeke von der Universitätsklinik Gent bot der Französin an, "bei uns Euthanasie in Anspruch zu nehmen". Gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärte Hoebeke: "Ich hatte vom Fall der Madame Sébire gehört und war entsetzt über die Aussichtslosigkeit ihrer Lage. Daraufhin habe ich per Leserbrief in der Zeitung 'De Morgen' Madame Sébire angeboten, zu uns nach Gent zu kommen. Allerdings wollte ich mit meiner Einladung keinen Euthanasie-Tourismus in Gang bringen. Jedes Land in Europa muss dieses Problem selbst lösen. Wir in Belgien haben es getan." Seit Herbst 2002 haben unheilbar Kranke in Belgien einen gesetzlichen Anspruch auf aktive Sterbehilfe.

Eine Gesetzesreform in Frankreich wird nun - vielleicht - durch das Sterben Chantal Sébires auf den Weg gebracht, eine Frau, die nicht so sterben konnte, wie sie es sich wünschte. In einem ihrer letzten Interviews hatte sie erklärt: "Ich möchte in der Morgendämmerung sterben, nach einem ausgelassenen Fest - umgeben von den Menschen, die ich liebe."

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Chantal Sébire: "Wann ich sterbe, bestimme ich selbst"


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