Kreuzfahrt-Unglück: "Ich habe mich an die 'Titanic' erinnert gefühlt"

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4200 Menschen sind auf der "Costa Concordia", als das riesige Kreuzfahrtschiff vor der italienischen Küste auf Grund läuft und sinkt. An Bord herrscht Chaos, es gibt kaum Informationen. "Wir hatten Angst um unser Leben", sagen Augenzeugen.

Katastrophe auf Kreuzfahrtschiff: Die letzte Fahrt der "Costa Concordia" Fotos
AFP

Hamburg - Der Moment, der die Katastrophe verhieß, war kaum spürbar. Für Peter Honvehlmann und seine Frau war es der letzte Abend des Urlaubs, Samstag wollten sie zurück nach Düsseldorf fliegen. Der 38-Jährige saß in einem gut gepolsterten Sessel im Atrium der "Costa Concordia", einem Schiff so groß wie ein kleiner Ort, als klar wurde, dass etwas nicht stimmte. "Es fühlte sich an, als wenn man mit einem Fahrrad über einen Huckel fährt", sagt Peter Honvehlmann.

"Hast Du das auch gespürt?", wird Hohnvehlmann von seiner Frau gefragt. Zunächst passiert erst einmal nichts. Viele der Passagiere sitzen zu dieser Zeit noch beim Essen, die meisten in Abendgarderobe, eine Kreuzfahrt ist nichts für Jogginganzüge. Es dauert rund eine Minute, bis den Menschen im Atrium und an der Bar klar wird, dass tatsächlich etwas nicht stimmt. Langsam gerät das riesige Schiff, der Koloss im Wasser, in eine Schräglage. Erst ist sie kaum spürbar, dann geraten die Gläser in Bewegung, langsam rutschen sie über den Tisch. Eine ältere Dame stürzt die Treppe hinunter. So erzählen es Augenzeugen.

"Man hat ja keine Rettungsweste unter dem Anzug"

Als der Luxusdampfer vor sechs Jahren auf Jungfernfahrt ging, galt er als größtes Kreuzfahrtschiff Italiens. Voll besetzt braucht die "Eintracht" so viel Strom wie eine Stadt der Größe Speyers. Ein Schiff dieser Ausmaße schaukelt normalerweise nicht. Es ist ein lauter Knall, der aus Unbehagen Angst werden lässt. Eine riesige Glasvase ist von der Theke an der Bar auf den Boden geknallt.

Die "Costa Concordia" ist auf Grund gelaufen. Über die Hintergründe wir gerätselt. Zuvor hatte die Crew einen Stromausfall gemeldet. Etwa 4200 Menschen sind an diesem Freitagabend an Bord, als sich das Unglück zwischen der Insel Giglio und der südlichen Toskana ereignet, darunter rund 570 Deutsche.

"Ich habe mich in dem Moment an die 'Titanic' erinnert gefühlt", sagt Peter Honvehlmann. "In dem Moment habe ich gedacht: Die haben den Film ganz schön gut gemacht, das kam mir sehr authentisch vor."

Die Honvehlmanns beeilen sich auf ihre Kabine zu kommen, sie erinnern sich daran, dass man ihnen gesagt hat, in einem Ernstfall sei warme Kleidung wichtig, für den Fall, dass die Kreuzfahrt doch im Wasser ende. Sie wollen Pullover holen, Jacken, und vor allem die Rettungswesten. "Ich dachte, das Ding wird schon nicht sinken", sagt der Passagier aus Nordrhein-Westfalen. Doch er räumt ein, dass es Momente gab in der vergangenen Nacht, in denen in diesem Satz mehr Pragmatismus steckte als Realismus. "Aber man hat ja keine Rettungsweste unter dem Anzug."

Peter Hohnvehlmann erinnert sich an nur eine Durchsage: "Wir haben einen technischen Blackout, die Situation ist unter Kontrolle", mehr nicht. Auch andere Passagiere kritisieren das Krisenmanagement der offenbar völlig überforderten Besatzung. "Da war null." Die Betreibergesellschaft wies Vorwürfe, bei der Rettungsaktion habe es Probleme gegeben, zurück. Allerdings habe die Schräglage die Evakuierungsmaßnahmen erschwert.

Hoffen auf Plätze in den Rettungsbooten

In der Kabine herrscht Chaos: "Die komplette Schminke, Bürsten, Rasierwasser, alles lag auf dem Boden." Die Honvehlmanns klemmen sich die Rettungswesten unter den Arm. An Deck angekommen ist die Schräglage so stark, dass man Mühe hat, auf den rutschigen Teakholzplatten aufwärts zu gehen. "Das war ganz schön steil."

Die "Costa Concordia" ragt immer steiler aus dem Wasser, jenseits der Brüstung erkennen die Hohnvehlmanns Land, die Küste ist nur rund 400 Meter entfernt. "Das hat mich beruhigt."

Hunderte wollen auf die Rettungsboote, es bilden sich Gruppen, doch die Schräglage ist bereits jetzt so stark, dass einige Schiffe nicht ins Wasser gelassen werden können. Peter Hohnvehlmann zieht seine Frau hinter sich her über das Schiff. Es gilt, einen kühlen Kopf zu bewahren, es gilt, zwei Plätze in einem Rettungsboot zu ergattern. In ihrer besten Garderobe steigen die beiden schließlich auf eines der Boote. Das Meer unter ihnen ist eiskalt.

Dutzende springen trotzdem in Panik von dem riesigen Schiff ins Wasser. Zwei französische Touristen und ein peruanisches Crewmitglied sterben. Rund 40 Menschen werden verletzt, zwei von ihnen schwer. Fast 24 Stunden nach der Katastrophe galten noch immer fast 70 Menschen als vermisst, Taucher untersuchten den unter Wasser liegenden Teil des Schiffs. "Wir hatten Angst um unser Leben", räumt Honvehlmann ein, und er sagt das nicht pathetisch.

Die Familie in der Heimat hat sich große Sorgen gemacht, man hat eine Kerze angezündet. Die Hohnvehlmanns werden in den nächsten Tagen aufbrechen zurück nach Deutschland. Ihre Habseligkeiten hat die "Costa Concordia" mit in die Tiefe genommen. Geld, Laptop, Kleidung, den Autoschlüssel.

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Mit Material von dpa

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