Kreuzfahrt-Unglück Passagiere sprangen panisch ins kalte Wasser

Die "Costa Concordia" war kaum gestartet, da lief das Luxus-Kreuzfahrtschiff vor der italienischen Küste mit 3200 Passagieren an Bord auf Grund. Viele Menschen sprangen in Panik ins Meer, Dutzende werden noch immer vermisst. Das Krisenmanagement der Besatzung war offenbar ein Desaster.


Hamburg - Den Menschen, die eine der rund 1500 Kabinen auf der "Costa Concordia" gebucht hatten, war ein "unvergessliches Erlebnis" versprochen worden. In einem aktuellen Werbespot heißt es: "Costa ist, wenn jeder Tag mit einer neuen Entdeckung beginnt". Für die rund 3200 Passagiere an Bord müssen diese Worte nun klingen wie Hohn.

Drei Stunden nachdem das Schiff im Hafen von Civitavecchia gestartet war, passierte die Katastrophe: Das 290 Meter lange Schiff lief gegen 22 Uhr auf Grund. Nun vergleichen die Passagiere das, was ihnen an Bord widerfahren ist, mit dem Geschehen auf der "Titanic".

Es gab einen heftigen Ruck, innerhalb kürzester Zeit bekam die "Costa Concordia" eine Schräglage. Gläser, Teller, Stühle fielen zu Boden, viele Passagiere hielten sich im Restaurant auf. "Wir saßen zu Tisch, als die Lichter ausgingen. Plötzlich hörten wir ein lautes Geräusch, als ob der Kiel über etwas hinwegschleift", sagte der Journalist Luciano Castro. "Es gab Panikszenen."

"Uns wurde gesagt, dass keine Gefahr bestehe"

Menschen sprangen in das kalte Wasser, um zur nahe gelegenen Insel Giglio zu schwimmen, die Küstenwache rettete bis zu 150 Menschen aus dem Wasser. Etwa 50 Menschen wurden am Mittag noch vermisst. Ein 70-Jähriger erlitt im kalten Wasser einen Herzinfarkt und starb. Bis zum Morgen wurden drei Leichen aus dem Meer geborgen.

Berichte, wonach drei weitere Menschen ums Leben gekommen sind wurden zunächst nicht bestätigt. Von den 4229 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord der "Costa Concordia" wurden bis Samstagmittag 4179 bei der Ankunft in Porto Santo Stefano registriert. Dies geht aus den Daten des Hafenamtes hervor, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Die Feuerwehr teilte mit, das unmittelbar vor der Insel Giglio auf Grund gelaufene Kreuzfahrtschiff habe Risse auf beiden Seiten.

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Havariertes Kreuzfahrtschiff: Die Katastrophe der "Costa Concordia"
Auch Christine Hammer aus Bonn war an Bord der "Costa Concordia". Für die 65-Jährige und ihren Ehemann war es die erste Kreuzfahrt ihres Lebens. "Wir gingen aus dem Speisesaal, und uns wurde gesagt, dass keine Gefahr bestehe", sagte Hammer nach ihrer Rettung.

Anweisungen, wie das Schiff zu verlassen sei, gab es offenbar nicht - eine Übung war erst für diesen Samstag anberaumt. Da hatte sich die Katastrophe längst ereignet. "Es war so unorganisiert", sagte Melissa Goduti. "Unsere Evakuierungsübung war für 17 Uhr angesetzt. Wir haben Witze darüber gemacht, was wäre, wenn Freitag etwas passieren würde", sagte die 28-Jährige.

Veranstalter verspricht schnelle Rückreise

Was genau passiert sei, hätte man den Gästen zunächst nicht mitgeteilt. Christine Hammer sagt, die Passagiere seien angewiesen worden, Rettungswesten anzulegen und zu den Rettungsbooten zu gehen. Die Boote hätten aber nicht zu Wasser gelassen werden können, weil das Schiff so sehr in Schräglage geraten sei. Die Passagiere wurden schließlich in der Dunkelheit von Booten aus der Region gerettet, die zu Hilfe eilten. "Es war schrecklich", sagt Hammer.

Wie die italienische Zeitung "Corriere de la sera" meldet, wird derzeit Franco Schettino, der Kommandant der "Costa Concordia" vernommen. Er soll die einzelnen Phasen des Unglücks rekonstruieren und sich dazu äußern, warum das Schiff die Insel zu nah passierte.

Die Rettungsaktion verlief nach Angaben von Augenzeugen völlig unstrukturiert. So habe niemanden die Geretteten gezählt, "weder in den Rettungsbooten noch an Land", sagte die Französin Ophélie Gondelle. Sie sei am 8. Januar in Frankreich an Bord gegangen - seither habe es keine Sicherheitsübung gegeben.

Insgesamt befanden sich an Bord neben 1000 italienischen Passagieren mehr als 500 Deutsche, rund 160 Franzosen, einige Spanier und etwa 1000 Besatzungsmitglieder. Mindestens drei Menschen kamen ums Leben, Berichte über drei weitere Tote wurden zunächst nicht offiziell bestätigt.

Bei ihrer Rettung trägt Christine Hammer noch immer die Abendkleidung, die sie für das Dinner am Vorabend gewählt hatte. Sie steht am Samstag fröstelnd in der Nähe des Hafens von Porto Santo Stefano auf dem Festland. Eine Fähre aus Giglio hatte sie dorthin gebracht. Nur die Wanderschuhe, die sie trägt, passen nicht recht dazu: Ein Inselbewohner hatte sie ihr gegeben, nachdem sie ihre eigenen Schuhe während der Rettungsaktion verloren hatte. Genau wie ihren Reisepass, die Kreditkarten, das Telefon.

"Das ist eine Tragödie", sagte Costa-Pressesprecher Werner Claasen. "Wir werden jetzt alles dafür tun, die Leute so schnell wie möglich nach Hause zu bringen - entweder per Bus oder Flugzeug." Zurzeit würden die Passagiere an verschiedenen Plätzen versorgt. Im Laufe des Nachmittags erwartete Claasen weitere Informationen aus Italien.

han/dpa/dapd



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