Karfreitagsritual auf den Philippinen "Am Kreuz fühle ich mich Gott nah"

Seit 25 Jahren lässt sich Rolando Ocampo kreuzigen. Sie legen ihn auf das Holz, sein Freund Fernando treibt ihm die Nägel in die Hände. Warum sucht er diesen Schmerz, immer wieder?

Marcel Klovert

Eine Reportage von , San Fernando


In eineinhalb Stunden wird Rolando Ocampo, 59, ans Kreuz genagelt. Er fühlt sich nicht gut, reibt sich den Bauch, blickt erschöpft. Mit gebeugtem Rücken sitzt er auf der minzgrünen Plastikbank in seinem Hauseingang. Gestern hat er sich selbst gegeißelt, bis Blut auf der Bank klebte. Seine Tochter hat es weggewischt. Heute lässt sich Ocampo kreuzigen, wie immer am Karfreitag im Stadtviertel San Pedro Cutud in San Fernando auf den Philippinen.

Ocampo: "Es ist meine 25. Kreuzigung. Als meine Frau mit unserem vierten Kind schwanger war, sagte der Arzt, dass er einen Kaiserschnitt machen müsse. Das Baby lag falsch. Doch wir hatten nicht genug Geld für diese Operation. Ich ging in die Kapelle und versprach Gott, mich kreuzigen zu lassen, wenn es eine natürliche Geburt würde. Unsere Tochter kam gesund auf die Welt, zu Hause, nur mit der Hilfe einer Hebamme. Seither habe ich mich jedes Jahr ans Kreuz nageln lassen."

Auf den Philippinen leben überwiegend Christen, acht von zehn Philippinern sind katholisch. In manchen Gegenden nimmt die Gläubigkeit extreme Züge an. In San Fernando und Angeles zum Beispiel ziehen an Gründonnerstag und Karfreitag Gruppen von Männern durch die Straßen, die sich selbst mit Bambuspeitschen wundschlagen. Das Blut auf ihren Rücken glänzt hellrot. Die Haut haben sie sich vorher mit Glasscherben oder Rasierklingen aufgeritzt.

In der Lokalverwaltung von San Pedro Cutud sitzt Venerando Simbulan, 67, hinter seinem Schreibtisch. "Seit 1962 lassen sich Menschen in unserem Viertel kreuzigen", sagt der große Mann und lächelt freundlich. Das T-Shirt seiner Kollegin weist Blutspritzer auf, von den Flagellanten draußen. Dass die katholische Kirche solch schmerzvolle Rituale nicht gutheißt, stört hier kaum jemanden. "Die Kreuzigungen gehören zu unserer Tradition", sagt Simbulan. Die Kirche könne sie nicht verbieten. "Dies ist ein freies, demokratisches Land."

Der Schmerz hält vier Tage an

Dieses Jahr lassen sich in San Pedro Cutud sechs Männer ans Kreuz schlagen. Ocampo kommt zuletzt dran, wie immer. Er will es so. Er mag den Rummel nicht, das Theater, die Show. Er spricht leise und seine Augen schweifen oft in die Ferne.

Ocampo: "Ich bete jeden Abend. Aber nie fühle ich mich Gott so nah wie am Kreuz. Jedes Jahr bitte ich ihn um etwas. Um Gesundheit, um Segen für meine Familie. Ich weiß, dass Gott mich erhört. Warum ich mich dieses Jahr kreuzigen lasse, will ich nicht sagen, das ist sehr persönlich."

Er geht erst aus dem Haus, wenn das größte Spektakel vorbei ist. Die Männer in Römerkostümen, die Pferde, die meisten Schaulustigen haben die Kreuzigungsstätte schon verlassen. Auch Ruben Enaje ist weg. Er ist der Star des Viertels, er spielt jedes Jahr den Jesus. Die verkleideten Römer haben ihn mittags als Ersten gekreuzigt. Jetzt ist es 2 Uhr. Die Sonne knallt. Vom Taifun, der am Wochenende die Philippinen erreichen soll, noch keine Spur. In Gummischlappen und weinrotem Hemd, das ihm bis zu den Knöcheln reicht, tritt Ocampo auf die Straße.

Ocampo: "Es ist jedes Jahr so hart und der Schmerz in den Händen ist so groß. Das erste Mal war das schwerste, weil ich nicht wusste, was auf mich zukommt. Der Moment, wenn die Nägel aus den Händen gezogen werden, ist am schlimmsten. Der Schmerz hält drei bis vier Tage an. Es bleiben keine Narben."

"Ich kann nicht zuschauen, es tut zu weh"

Vor der Kirche schultert Ocampo das Kreuz. Er hat sich eine Krone aus Stacheldraht aufs zottelige Haar gesetzt und sieht aus wie eine verwahrloste, gealterte Christusfigur. Seine dunklen Augen schauen leidvoll. Ein Tross folgt ihm die Straße entlang, darunter viele Frauen und Kinder, die sich an den Händen halten. Ihre Köpfe sind bedeckt mit weißen Schals und Tüchern. Ocampo hat sieben Enkel, drei Töchter und einen Sohn, Randy. Er ist zu Hause geblieben.

Randy Ocampo: "Ich weiß nicht, wie oft sich mein Vater noch kreuzigen lassen will. Vielleicht ist es das letzte Mal. Ich hoffe es. Ich will nicht mehr, dass er gekreuzigt wird. Er hat seine Gründe dafür und ich muss sie respektieren. Aber ich kann nicht zuschauen, es tut zu weh. Ich warte jedes Jahr im Haus darauf, dass er wohlbehalten zurückkommt."

Die Familie baut Gemüse an und züchtet Fische und wenn Ronaldo Ocampo keine Arbeit auf dem Bau findet, schuftet er auf dem Feld. Er führt ein Leben voller Entbehrungen. An Karfreitag zelebriert er sie. Im Vorbau seines Hauses hat er die Kreuzigung Jesu' in einer türkisfarbenen Miniaturlandschaft nachgestellt. Dahinter steht Ocampos erstes Kreuz, das Holz zerfressen.

Würstchen, Eis, Küken mit bunten Federn

Das Gefolge bahnt sich einen Weg zum Kreuzigungsfeld. Ocampo ist um 3 Uhr dran. Die Straße ist verstopft, mit Autos, Motorrad- und Fahrradtaxis. Touristen, Polizisten und Einheimische ziehen an den Ständen am Wegesrand vorbei: Würstchen, Eis, kalte Getränke, Ballons, Fische in Plastiktüten, Küken mit bunt gefärbten Federn. Die Kreuzigungen ziehen Tausende Besucher an, und die bringen Geld ins Viertel. Das Volksfest ist das Highlight des Jahres.

Ocampo: "Ich hänge höchstens eine Viertelstunde am Kreuz, nie länger, aber manchmal kürzer. Seit 25 Jahren schlägt mein Freund Fernando die Nägel in meine Hände. Er weiß, wenn es reicht, ich brauche nichts zu sagen."

Schweiß glänzt auf Ocampos Gesicht. Er steht am Fuß des Hügels, auf dem er gekreuzigt wird, und zieht unbeholfen sein rotes Hemd aus. Er bindet sich ein weißes Tuch um die Hüften. Verwandte schirmen ihn mit einem Laken ab. Touristen strecken ihre Kameras in die Höhe, um doch ein Foto des halbnackten Mannes zu ergattern. Dann schreitet der Tross durch die Absperrung zum Hügel hinauf.

Ocampo kniet vor dem Kreuz aufs verdorrte Gras und betet. Er klettert auf das Kreuz, das fast waagrecht auf einer Halterung liegt. Die Holzbalken sind schwarz und heiß, jemand gießt Wasser darüber, um sie abzukühlen. Ocampo breitet die Arme aus, sie werden mit roten Bändern am Kreuz festgebunden. Fernando steht mit Baseballkappe und Shorts daneben und hält schon einen silbrigen, fingerlangen Nagel. In einem Glas voll Alkohol hat Ocampos Familie die Nägel hergetragen, ein Geschenk eines befreundeten Arztes.

Die Tränen der Enkel

Fernando schlägt mit einem Hammer zu. Ronaldo Ocampo kneift die Augen zusammen und reißt den Mund auf. Er schreit und wimmert. Der Nagel dringt mit jedem Schlag tiefer in seine linke Hand. Fernando schlägt, bis die Nagelspitze am Handrücken austritt. Dann kommt die rechte Hand. Die Fotografen hasten hinüber zur anderen Seite. Eine Enkelin bricht weinend zusammen.

Seine Verwandten richten das Kreuz unter der gnadenlosen Sonne auf. Ocampos Lippen zittern und murmeln Gebete, vor dem Kreuz singen Frauen, irgendwo bimmelt ein Eiswagen. Sieben Minuten lang hängt Ocampo am Kreuz. Eigentlich hängt er nicht, er steht auf Zehenspitzen. Die Nägel stecken auch nur in seinen Händen, nicht im Holz. Doch inmitten des ganzen Karfreitagstheaters sind Ocampos Schmerz und die Tränen seiner Enkel echt.

Als er vom Kreuz steigt und die Hände der Frauen, die sich davor bäuchlings in den Staub geworfen haben, zur Stirn führt, kann Ocampo wieder lächeln. Wer weiß, ob Gott seine Bitten erhört? Seine Familie jedenfalls ehrt und bewundert ihn. Das hat er sich auch dieses Jahr wieder hart verdient.



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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
bertholdalfredrosswag 04.04.2015
1. eine fromme aber unwahre Show
Wenn das Gefühlsempfinden die Ratio beherrscht. Wäre ein Fall für die Psychologen. Es kann auch ein übermächtiges Geltungsbedürfnis die Ursache für diesen Unsinn sein. Einen Gott nach der biblischen Version kann es so nicht geben. Ergo, es ist Show.
Sumerer 04.04.2015
2.
Vermutlich ist der Mann ganz einfach vom Teufel besessen? Anders ist sein Verhalten für mich unerklärlich.
rmuekno 04.04.2015
3. Ein paar verrückte braucht die Welt
wäre doch sonst langweilig und die Presse hätte weniger zu berichten.
B.Buchholz 04.04.2015
4.
In Selbstbestrafungs- und Sühnequalen wird zum Ausdruck gebracht, dass ein Mensch selber für seine Sünden wirksame Sühne vor Gott erwirken könne. Zudem wird - genauso wie in der katholischen Daueropferung in der Eucharistie - das einmalige "Es ist vollbracht" desjenigen, der allein diese Sühnung erbrachte, geleugnet. Absolut antichristlich.
ulisoz 04.04.2015
5. Eine Parabel über das SEIN
Romano Guardini, einer der großen Lehrer der katholischen Kirche, hat einmal sagt: “Das erste Wirkende ist das Sein des Erziehers, das zweite, was er tut, das dritte, was er redet.” Jedes Jahr lässt sich der Philippiner Roland Ocampo kreuzigen. Er hat keine Angst. Er betet und vertraut. Durch sein Sein ist er für seine Kinder ein Beispiel. Wie sieht es bei uns aus mit dem SEIN? – In unserer Kultur haben die Menschen Angst. Sie haben das beten verlernt, und anstatt zu vertrauen, glaubt man, durch Kontrolle alles in den Griff zu bekommen. Welches Beispiel geben wir unseren Kindern? Danke, Frau Klovert.
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