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18. Februar 2010, 21:55 Uhr

Kritik an 400-PS-Sportwagen

Maserati-Mann empört Obdachlosenhelfer

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Seine Klientel hat oft nur das, was sie am Leib trägt. Harald Ehlert, Chef der gemeinnützigen Organisation "Treberhilfe Berlin", sitzt im Maserati. Er sollte ein Fahrtenbuch führen, nachdem der Dienstwagen geblitzt wurde. Der 47-Jährige klagt dagegen - und muss sich nun harsche Kritik gefallen lassen.

Hamburg - Harald Ehlert ist ein Mann der Tat. Vor rund zwei Wochen erst trommelte er im Rathaus Schöneberg 200 Vertreter gemeinnütziger Organisationen zusammen. Ziel der Aktion: Mehr Transparenz bei sozialen Einrichtungen, die nachweisen sollen, dass sie das ihnen zur Verfügung gestellte Geld sinnvoll ausgeben. Sein Mut, das Thema offen anzupacken, wurde als Pionierarbeit gelobt.

Ehlert, ein massiger Mann mit schwarzem Borsalino, Lederstiefeln und Vollbart, ist seit mehr als 20 Jahren Chef der gemeinnützigen Organisation "Treberhilfe Berlin", die Obdachlose unterstützt. Dass er in dieser Funktion im Maserati vorfährt oder sich von einem Chauffeur kutschieren lässt, ist in der Hauptstadt seit einem Jahr bekannt. Nun erfährt auch der Rest der Republik davon und wundert sich, warum der Chef einer Organisation, die sich für Arme einsetzt, einen 400-PS-starken Dienstwagen benötigt, der rund 100.000 Euro kostet.

Publik wurde das schillernde Gebaren erneut nur deshalb, weil Ehlert - der sich selbst als "Sozialkapitalist" bezeichnet - nun vor dem Verwaltungsgericht in Berlin klagt. Die Luxuskarosse war im Juni 2009 im Müritzkreis in Mecklenburg-Vorpommern am Ortsrand von Bütow-Dambeck geblitzt worden - der Tacho zeigte Tempo 96 in einem Bereich, in dem 70 erlaubt ist. Die Strafe für den Fahrer betrug 80 Euro Bußgeld und drei Punkte in der Flensburger Verkehrssünderkartei. Doch wer steuerte den Wagen?

Weil die Behörden den Fahrer nicht ermitteln konnten, sollte die als gemeinnützig eingetragene GmbH fortan ein Fahrtenbuch führen. Doch das lehnte Ehlert ab. Er habe vorgeschlagen, die drei Personen, die den Maserati führen - er und zwei Fahrer - zu nennen und per Lichtbild für künftige Fälle zu hinterlegen, sagte er SPIEGEL ONLINE. Weil darauf nicht reagiert worden sei, habe er schließlich gegen die Auflage des Fahrtenbuchs Einspruch eingelegt. Der Prozess soll am Mittwoch stattfinden.

Darf ein Obdachlosenhelfer einen Maserati fahren?

Dass dieser Schlamassel die bereits vor einem Jahr in Berlin geführte Diskussion um seinen Maserati Quattroporte erneut hochkochen würde, hat Ehlert nicht erwartet. "Für mich war das Thema durch, die offensive Debatte darüber, was Sozialarbeit ist, war ausführlich diskutiert worden."

Der 47-Jährige gibt zu, dass ihn die Anfeindungen nun ärgern und schiebt fast trotzig nach: "Ein bisschen provozieren wollte ich aber auch: Warum darf einer, der Hunderte Eigentumswohnungen besitzt, mit seinem Ferrari über den Ku'damm donnern, aber einer, der 10.000 Leute aus Hartz IV geholt hat, nicht?" Das sei nur ehrenrührig, wenn man sich an der Not der Menschen bereichere. Das tue er aber nicht. "Wir verdienen nicht an der Armut der Leute", sagt Ehlert bestimmt. "Der Schwache braucht Hilfe. Aber muss der, der Hilfe bringt, schwach daherkommen?"

Die "Treberhilfe Berlin" kümmert sich um Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. Laut Ehlert ermöglicht die Organisation pro Jahr 3700 Bedürftigen "gute Perspektiven", holt sie aus der Armut mit Hilfe von knapp 30 Projekten wie Beratungsstellen, Wohneinrichtungen, Straßensozialarbeit. Außerdem gibt es ein Möbellager.

Zuletzt hat die "Treberhilfe" in Berlin für mehr als eine Million Euro die "Villa Lichtblick" errichtet, ein Haus für wohnungslose Frauen ab 18 Jahren, das 24 Stunden geöffnet ist. Ein besonderes Projekt, da obdachlose Frauen bekanntlich selten Schutz in den meist männerdominierten Wohnheimen suchen.

Wie teuer war die Luxuskarosse?

Ehlert hat inzwischen 280 Mitarbeiter unter sich. Im Jahr 2009 hatte die gemeinnützige GmbH eigenen Angaben zufolge einen Umsatz von rund 15 Millionen Euro, zehn Millionen Euro seien in den vergangenen drei Jahren investiert worden, sagt Ehlert. "Wir sind kein kleiner Verein mehr."

Und wer kein "kleiner Verein" mehr ist, könne sich auch ein repräsentatives Auto leisten. Es ginge schließlich auch darum, ernst genommen zu werden. "Sozialwirtschaft ist heute auch einfach Wirtschaft. Da ist auch die Außenwirkung einer Hilfsorganisation wichtig." Der Wagen sei als gemeinnütziges Vermögen anerkannt. "Wir haben ihn als repräsentatives Dienstfahrzeug angeschafft, als wir entschieden haben, Immobilien zu kaufen, um sie für Obdachlose zu sanieren", so Ehlert. Er sei stolz darauf, dass er einen Immobilienpool geschaffen habe, der 14 Millionen Euro stark sei.

Trotzdem - ein Geschmäckle der Causa Maserati bleibt.

Thomas Specht, Chef der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) kann die Wahl des Gefährts nicht nachvollziehen: "Ich kenne keinen Wohlfahrtsverband, in dem ein solches Luxusauto gefahren wird. Man muss im Bereich der Armenhilfe nicht in Sack und Asche auftreten, die Verhältnismäßigkeit sollte jedoch gewahrt bleiben."

Der Bund der Steuerzahler hält einen Maserati als Dienstwagen für den Chef einer sozialen Einrichtung für mehr als "unangemessen", weil das verwendete Geld eben vom Steuerzahler komme. Ehlert schnaubt und sagt: "Jeder Mercedes eines Tiefbauunternehmers zwischen Flensburg und Bayreuth kommt vom Steuerzahler!"

Auch das Finanzamt habe bereits kritisch nachgefragt, ob das "gemeinnützig" sei. "Ist es", sagt Ehlert. "Wir haben überprüfen lassen, was vergleichbare Organisationen für Dienstwagen haben - und was wir uns leisten ist völlig angemessen."

Wie teuer war er denn, der Maserati? - "Wir haben eine sehr günstige Finanzierung bekommen. Er kostet uns durch einen Mietkaufvertrag so viel wie ein Audi A8." Die Alternative seien ein Audi A6 oder ein 7er BMW gewesen - "Doch der Maserati war günstiger!", ruft Ehlert triumphierend. Der gesamte Fuhrpark der "Treberhilfe" umfasse vier Lastwagen und zehn Pkw - darunter auch mehrere BMW.

Er lege wöchentlich rund tausend Kilometer im Auto zurück - meist auf der Rückbank. "Wenn ich selbst fahren würde, käme ich zu gar nichts", sagt Ehlert, der während des Gesprächs mit SPIEGEL ONLINE übrigens chauffiert wird - natürlich im Maserati.

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