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Kuckuckskinder: Wattestäbchen auf Irrwegen

Von Jochen Bölsche

Väter-Initiativen richten sich auf den Fall ein, dass es Justizministerin Zypries gelingen sollte, diskrete Vaterschaftstests EU-weit verbieten zu lassen. Ratschlag der Männer-Lobby: Die Wattestäbchen mit DNS-Proben von mutmaßlichen Kuckuckskinder könnten in die Schweiz geschickt werden. Bei den Eidgenossen löst das Heiterkeit aus.

Speichelprobe: "Ich habe einen Vaterschaftstest gemacht"
DDP

Speichelprobe: "Ich habe einen Vaterschaftstest gemacht"

"Vier Knackis unterhalten sich im Knast: 'Weshalb seid ihr denn hier?' - 'Ich hab 'ne Bank überfallen, sechs Monate.' - 'Ich hab 'ne Oma überfallen, drei Monate.' - 'Äh, und ich hab einen Vaterschaftstest gemacht - ein Jahr."

In solchen und ähnlichen Witzchen entlädt sich zurzeit in Internet-Foren Männerwut über das wohl meistumstrittene Gesetzesvorhaben der Berliner Justizministerin Brigitte Zypries: Die Sozialdemokratin will künftig in Deutschland und möglichst auch EU-weit Gefängnisstrafen für alle Männer durchsetzen, die heimlich testen lassen, ob sie tatsächlich der biologische Vater eines ihnen zugeschriebenen Kindes sind - oder doch nur der (gleich doppelt) betrogene Zahlvater.

Die Wogen der Erregung schlagen hoch, liefert doch der Zypries-Vorstoß in Sachen Seitensprung und Folgen "Sprengstoff für einen neuen Krieg der Geschlechter", wie der "Kölner Stadt-Anzeiger" kommentiert. Vor allem weckt die Kontroverse, die nun auch in der Berliner Koalition voll entbrannt ist, vieltausendfach männliche Urängste: Nach gängigen Schätzungen ist jedes zehnte Neugeborene in Deutschland ein Kuckuckskind - das wären rund 70.000 Babys pro Jahr.

Im Kampf für das Recht, Sicherheit in Sachen Vaterschaft zu erlangen, zitieren Männer-Initiativen im Web mal Shakespeare ("Das ist ein weiser Vater, der sein eigenes Kind kennt"), mal den evangelischen Professor Walter Dietz, der angesichts des Zypries-Plans meint, dass nunmehr "Männern von einer standesamtlichen Ehe dringend abzuraten sei".

Ausweg Schweiz?

Ganz pragmatisch reagiert der "Väteraufbruch für Kinder e.V.": "Falls die Tests in der EU verboten werden", solle man sich doch an "Institute und Labors im Nicht-EU-Ausland" halten. An erster Stelle, vor Adressen in den USA, nennt der Verein für den Fall der Fälle eine geografisch nahe liegende Ausweichmöglichkeit: die Labors der Gentest.ch GmbH in der Schlossgasse 9 in Zürich.

Bei den Eidgenossen löst der Hinweis auf das vermeintliche Testparadies freilich schallendes Gelächter aus: Wohl nirgendwo auf der Welt sind bislang die Vorschriften für Vaterschaftstests schärfer als in dem Alpenland - mit der Folge, so Gentest-Geschäftsführer Michael von Arx, "dass unsere Kunden schon nach Deutschland abwandern".

Wer sich künftig an Schweizer Labors wenden wollte, würde die Wattestäbchen mit den heimlich vorgenommenen Wangenabstrichen auf eine Irrfahrt schicken. Denn Hanspeter Thür, seines Zeichens Eidgenössischer Datenschutzbeauftragter, hat der Test-Branche harsche Kontrollpflichten auferlegt.

Dem Datenschützer genügt es nicht, dass sich etwa die Schweizer Firma Vaterschaftstest24.ch von jedem Auftraggeber versichern lässt, "dass er legal in den Besitz der uns zur Verfügung gestellten Proben gekommen ist". Oder dass Konkurrent DNAnow.ch den Kunden eine schriftliche Bestätigung abverlangt, "dass sie gesetzlich berechtigt sind, die Proben, die Sie uns geschickt haben, zu besitzen".

Nach Ansicht des Datenschützers haben die Test-Labors vielmehr für "ein wirksames Überprüfungsverfahren der Rechtsgültigkeit der Einwilligungen" zu sorgen, um Mogeleien etwa mit gefälschten Unterschriften nach Möglichkeit auszuschließen. Gentest-Manager Arx sieht sich daher gezwungen, "aktiv zu überprüfen, ob die Identität der Personen stimmt", die eine Einwilligungserklärung unterzeichnet haben. Um Klagen zu vermeiden, "verlangen wir die Vorlage von Kopien der Ausweise und führen Telefonate".

Wenn die Ergebnisse gerichtsverwertbar sein sollen, muss die Probenentnahme sogar in Gegenwart eines Arztes erfolgen - genau das aber wollen die misstrauischen Väter nach Möglichkeit vermeiden. Arx wundert sich denn auch nicht, dass seine Firma bislang gerade mal "einen einzigen Kunden aus Deutschland" gehabt hat.

Tests in Übersee übers Internet

Und auch mit einem Ansturm für den Fall, dass Ministerin Zypries sich durchsetzt, rechnet er nicht. Weil Datenschützer Thür weiß, dass das von ihm empfohlene Kontrollkonzept nur greift, "sofern es in der Praxis streng umgesetzt wird", sind zusätzliche Regelungen in einem geplanten schweizerischen Bundesgesetz über Gen-Untersuchungen vorgesehen. Und dann wird in der Schweiz, so Gentest-Mann von Arx, "alles noch strenger".

Dass testwillige deutsche Väter bei einem Verbot ins Ausland ausweichen werden, nur halt nicht gerade in die Schweiz, steht für Sachkenner außer Frage. Jene 80 Prozent der Männer, die laut Umfragen heimliche Tests für berechtigt halten, werden nach Ansicht etwa des Kölner Kriminalbiologen Mark Benecke Tests "in Zukunft im Ausland machen, zum Beispiel in Amerika und Asien". Benecke: "Über das Internet solche Tests einzufädeln, ist heute kein Problem mehr."

Wer etwa die Rechtslage in der Schweiz für zu riskant hält, braucht auf einer einschlägigen Website nur die Zeile "Click for other locations" anzuklicken - und er landet auf den Homepages von Schwesterfirmen in Argentinien oder Australien, China oder Chile.

"Die Tests lassen sich doch heute komplett auf dem Postweg und per Telefon abwickeln", weiß auch Tobias Gerlinger, Vorstandsvorsitzender des deutschen Marktführers Humatrix AG. "Man kann die Proben in die entlegensten Winkel der Welt schicken. Das dauert dann zwar etwas länger, aber die Proben sind ja praktisch unbegrenzt haltbar."

Laborchef gibt Zypries-Gesetz keine Chance

Gerlinger glaubt allerdings nicht, dass Testwillige tatsächlich auf exotische Adressen ausweichen müssen. Die EU werde sich den schon in Deutschland umstrittenen Gesetzesplan kaum zu Eigen machen. "Überhaupt nicht vorstellbar" sei für ihn, dass ein "traditionell relativ toleranter Staat wie die Niederlande" dem deutschen Regierungsplan folgt.

Nicht einmal in der Bundesrepublik sieht der Humatrix-Chef eine Chance für den Zypries-Vorstoß. "Wenn das Gesetz wirklich kommt, geht es vor das Verfassungsgericht", meint er. Spätestens dort werde sich die Ansicht durchsetzen, dass ein Verbot diskreter Tests "auch familienpolitisch nicht zielführend ist", weil Ehen massiv aufs Spiel gesetzt werden, wenn jeder Zweifel gleich vor Gericht gezerrt werden muss.

Außerdem werde ein Test-Verbot nur dazu führen, dass noch mehr Kuckuckskinder geboren werden - weil ungetreue Frauen "sich dann in Sicherheit wiegen".

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