Kuckuckskinder Wenn der Bruder mit der Halbschwester

Der Plan des Justizministeriums, diskrete Schnelltests zur Vaterschaftsbestimmung zu verbieten, hat eine "Pro-Test"-Welle ausgelöst. Männerrechtler befürchten einen Testtourismus ins Ausland und beschwören neue Gesundheitsrisiken sowie erhöhte Inzest-Gefahr bei massenhafter Zunahme ungeklärter Abstammungsverhältnisse.

Von Jochen Bölsche


Liebespaar (Filmszene): Und wer kümmert sich um die Verhütung?
DPA

Liebespaar (Filmszene): Und wer kümmert sich um die Verhütung?

"Abtreibungstourismus" - das Wort war in Deutschland in den siebziger Jahren aktuell, als verzweifelte Frauen vor dem restriktiven Paragraphen 218 ins liberale Holland auswichen. Aber auch heute noch müssen gebärunwillige Schwangere aus dem katholischen Polen die zermürbende und erniedrigende Reise nach Russland antreten und Irinnen suchen nach wie vor Hilfe in britischen Abtreibungskliniken.

Mit Anspielungen auf die Abtreibungstouren und -torturen operieren neuerdings deutsche Männerrechtler im Kampf gegen das geplante Verbot diskreter Vaterschaftstests: Jeder Deutsche, der sich künftig noch Gewißheit darüber verschaffen will, ob ein ihm zugerechnetes Kind wirklich von ihm gezeugt worden ist, werde ins Ausland ausweichen müssen.

"Ein Verbot anonymer Vaterschaftstests in Deutschland würde einen 'Testtourismus' fördern wie damals den Abtreibungstourismus", warnt der Verein "Väteraufbruch für Kinder".

Und ein bundesweites "Netzwerk für Vaterschaftstests", das unter dem Kürzel Pro-Test.net alle einschlägigen Initiativen verknüpfen will, nennt auf seiner Website schon mal "Labors im EU-Ausland, falls die anonymen Tests in Deutschland verboten werden" und sogar "Labors im Nicht-EU-Ausland (Schweiz und USA), falls die Tests in der EU verboten werden".

Wie riskant sind Knochenmarkspenden?

Die Macher von "Pro-Test" offerieren im Web nicht nur einschlägige Videospots, Musterbriefe und "Aufkleber zum Ausdrucken", sondern auch "Musteranschreiben an Abgeordnete" und Tipps für weitergehende Aktionen: "Wie reiche ich eine Petition beim Deutschen Bundestag ein?"

In ihren Veröffentlichungen schrecken die Netzwerker auch vor überraschenden Argumenten nicht zurück. Bei zunehmender Unkenntnis der wahren Abstammungsverhältnisse, mahnen sie, bestehe "eine nicht zu vernachlässigende Gefahr für Inzest-Beziehungen zwischen Halbgeschwistern". Eine falsche Vater-Kind-Zuweisung erhöhe obendrein das Risiko bei "Blut-, Organ- oder Knochenmarkspenden".

Das zentrale Argument der Pro-Test-Bewegung scheint in der Öffentlichkeit ein zunehmend positives Echo zu finden: Männern müsse aus ethischen (und selbstverständlich auch finanziellen) Gründen das Recht zugestanden werden, die Wahrheit über die Abstammung der ihnen zugerechneten Kinder zu erfahren.

Der Theologe und die Detektive

Stolz präsentieren die Pro-Testler und ihr Sponsor, die Gen-Testfirma Humatrix, positive Äußerungen etwa der Stuttgarter Ex-Justizministerin Corinna Werwigk-Hertneck (FDP), die das "Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung" auch für Männer betont.

Und auch die Christen-Union scheint auf Distanz zum Koalitionsplan zu gehen: "Die Meinungsbildung ist noch nicht abgeschlossen", machte CDU-Familienexpertin Maria Michalk den Protest-Vätern Hoffnungen.

Theologen wie der Mainzer Johannes Reiter attestieren Männern ausdrücklich ein "legitimes Interesse" an einer Wahrheitssuche per Test. Wenn die Gesellschaft die Einschaltung von Privatdetektiven zum Nachweis von Ehebruch akzeptiere, seien gegen heimliche Vaterschaftsnachweise "nur schwer Argumente" zu finden.

Eskalationen sind vermeidbar

Unterstützt wird die Justizministerin hingegen von Grünen-Politikerinnen wie der Münchner Abgeordneten Christine Stahl, nach deren Auffassung ein Vaterschaftstest aus Respekt vor den "Rechten des Kindes" immer nur "ultima ratio" sein dürfe und auf "begründete Einzelfälle" begrenzt sein müsse. In jedem Fall will auch die Grüne dem Test "eine richterliche Entscheidung vorgeschaltet" wissen.

Gerade im langwierigen Gerichtsweg samt Arztbesuch aber sehen die Zypries-Kritiker eine ungleich stärkere Belastung der Familie als in den diskreten Schnelltests. "Mit den Privatgutachten", so die Väterverbände, seien eheliche "Eskalationen vermeidbar".

Unvermeidbar ist die Eskalation ehelicher Spannungen jedoch meistens dann, wenn - wie in jedem vierten Fall - der Test negativ ausgeht und der Betrug ans Licht kommt.

"Standesamtlich angetraute Zahlsklaven"

Bei der Bewertung dieser Situation - in der nicht selten die Existenz der Familie auf dem Spiel steht - scheiden sich die Geister. Dem Kind und der Ehe schade die Aufdeckung des Betrugs in der Regel mehr als der Betrug selbst, argumentieren die Anhänger der Zypries-Lösung.

Heimlich vorgenommene Tests könnten "Dämme brechen" lassen, "die den sozialen Frieden schützen", warnte auch eine Leitartiklerin der "Süddeutschen Zeitung". Der Gesetzgeber müsse beachten, "dass das Recht eines Kindes auf eine Familie schwerer wiegt als die Gewissheit eines Mannes".

Solche Ansichten wiederum treiben Männerrechtler, die sich ohnehin durch das geltende Scheidungs- und Unterhaltsgesetze diskriminiert fühlen, vollends auf die Barrikaden des Geschlechterkampfs. Keine Frau habe das Recht, "unerkannt und ohne Konsequenzen fremdzugehen und die Kosten von ihrem standesamtlich angetrauten Zahlsklaven tragen zu lassen", erzürnten sich prompt Leserbriefschreiber in der "Süddeutschen".

Erbe, wem Erbe gebührt

Denn: "Ist es etwa keine Verletzung des Persönlichkeitsrechts, einem Mann durch Verschweigen vorzuspiegeln, er sei Vater eines Kindes?" Schliesslich müsse jedermann beispielsweise die Möglichkeit haben, "testamentarische Verfügungen auf einer zweifelsfreien Basis" zu erlassen - Erbe, wem Erbe gebührt.

Die von manchen Frauen vertretene Auffassung, nur die Aufdeckung einer Scheinvaterschaft belaste eine Ehe, nicht aber die Scheinvaterschaft selbst, stösst bei etlichen Eheberatern auf Widerspruch. Die Psychotherapeutin Astrid von Friesen gibt zu bedenken, dass das "langjährige Lügengespinst, in welches sich Mütter verstricken", "anhaltend schädlich für Kinder und die gesamte Familienkonstellation ist".

In solchen Familien nämlich werde "quasi täglich gelogen": "Die Frau sucht ängstlich nach Anzeichen für Ähnlichkeiten in dieser oder jener Richtung, Freundinnen und andere Familienmitglieder werden verdonnert zu schweigen. Das Kind wächst in einer Atmosphäre der Unoffenheit, der permanenten Lüge und der Identitätsverwirrung auf."

"Indiskutables Rechtsverständnis"

Faktisch, gibt auch der Mainzer Theologe Professor Walter Dietz zu bedenken, betrüge eine Frau durch "paternity fraud" nicht nur ihren Wahlvater und das Kind, sondern auch sich selbst und gegebenenfalls die anderen Kinder der Familie. Dietz: "Solchem Betrug nun Vorschub zu leisten, zeigt ein indiskutables Rechtsverständnis seitens der Justizministerin."

Selbst einige der schärfsten Zypries-Kritiker verkennen indessen nicht, dass ein gewisser Regelungsbedarf in Sachen Vaterschaftstests sehr wohl bestehe. So müsse der Gesetzgeber hohe Qualitätsstandards für gentechnische Untersuchungen dieser Art festlegen - Vorschriften, die freilich weithin nutzlos wären, wenn die Genlabors im Verbotsfalle ins Ausland abwandern würden.

"Damit wären sie einer sinnvollen und notwendigen Kontrolle weitgehend entzogen", schreibt der Jurist Manfred Plautz in der "Zeitschrift für Rechtspolitik": "Vielerlei Missbrauchsmöglichgkeiten wären Tür und Tor geöffnet."

Langfristig weniger Kuckuckskinder?

Test-Befürworter Plautz plädiert nicht nur für bessere Vorkehrungen zur Qualitätssicherung, sondern auch für gesetzliche Regelungen zum Schutz der Ehe: Falle ein Vaterschaftstest negativ aus, müsse "ein Gespräch mit einer fachlich geschulten Person geführt werden, um unüberlegten Reaktionen zum Nachteil von Familien entgegenzuwirken".

Langfristig, so der Jurist, würde sich eine Gestattung der diskreten Vaterschaftstests zweifellos segensreich auswirken. Wenn allen Frauen klar sei, dass sich Männer jederzeit über ihr Vaterschaftsverhältnis informieren können, kämen deutlich weniger Kuckuckskinder zur Welt. Wegen des Risikos der Entdeckung würden sich die Partnerinnen beim Seitensprung "zumindest stärker um die Verhütung kümmern".

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Diskussion um Vatersschaftstests

Justizministerin Zypries will genetische Vaterschaftstests verbieten, sofern sie ohne Zustimmung der Mutter vorgenommen werden. Was halten Sie davon?

Lesen Sie auch Teil 1 dieser Serie: Zahlväter rüsten zum Wattestäbchen-Krieg



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