Künstliche Befruchtung im Ausland Die Flucht der Kinderlosen

Wer in Deutschland ungewollt kinderlos bleibt, hat es schwer. Als letzter Ausweg für verzweifelte Paare bleibt die Flucht ins Ausland. Dort gibt es mitunter liberalere Gesetze und Hilfe auf dem Weg zum Elternglück. SPIEGEL TV hat ein Paar begleitet.


Hamburg - Bis vor sieben Monaten gehörten Martina und Stefan Schmitzer zu jenen rund eineinhalb Millionen Paaren in Deutschland, die ungewollt kinderlos sind. Mittlerweile sind sie stolze Eltern von Zwillingen. Doch ihren Kinderwunsch konnten sich die beiden nur im Ausland erfüllen. Denn ausgerechnet im kinderarmen Deutschland sind die Regeln für künstliche Befruchtungen extrem streng.

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Behandlung im Ausland: Der Weg zum Babyglück

"Der Fortschritt in der Reproduktionsmedizin hat sich rapide entwickelt. Wir können uns daran nicht beteiligen wegen des veralteten Embryonenschutzgesetzes", kritisiert der Lübecker Mediziner Klaus Diedrich im Interview mit SPIEGEL TV. Das Gesetz hindert deutsche Ärzte daran, Betroffene effektiv zu behandeln. Therapien, die anderswo längst Standard sind, können in Deutschland nicht angewandt werden.

Martina und Stefan Schmitzer fanden Hilfe in Tschechien. Dreimal waren künstliche Befruchtungen in Deutschland zuvor misslungen. 2004 fuhren sie nach Pilsen. Im IVF-Zentrum, einer modernen Privatklinik für Reproduktionsmedizin, glückte gleich der erste Versuch. Der Grund: Die tschechischen Ärzte dürfen befruchtete Eizellen bis zum fünften Tag im Reagenzglas beobachten und dann nur die besten in die Gebärmutter einsetzen. Der Rest wird tiefgefroren oder weggeworfen. In Deutschland ist das verboten.

"Das ist mit einem Marathonlauf vergleichbar. Da weiß man auch noch nicht nach zehn, sondern erst nach 40 Kilometern, wer das Potential für einen Sieg hat", beschreibt der Leiter des IVF-Zentrums, Petr Uher. Die liberale Gesetzeslage in Tschechien bringt ihm volle Wartezimmer. Mit tausend Patientinnen aus Deutschland rechnet der Arzt in diesem Jahr.

In Deutschland werden Eizellen bei einer künstlichen Befruchtung schon nach zwei Tagen in die Gebärmutter eingesetzt. Weder eine Untersuchung noch die Selektion der Embryonen ist deutschen Ärzten erlaubt. Sie dürfen auch keine Eizell- oder Embryonenspende anbieten, obwohl die Samenspende wiederum erlaubt ist. Die Gesetzeslage steckt voller Widersprüche. So ist eine Abtreibung bis zum dritten Monat erlaubt, aber das Vernichten eines im Reagenzglas befruchteten Zellhaufens verboten. Föten dürfen im Mutterleib auf genetische Defekte getestet werden, aber befruchtete Eizellen im Brutschrank nicht.

Die Folge: Immer mehr deutsche Paare zieht es nach Tschechien, Spanien, Belgien oder Skandinavien, um sich dort behandeln zu lassen. Auch des Geldes wegen. Denn seit der Gesundheitsreform müssen Betroffene 50 Prozent der teuren Behandlung selbst zahlen. Mit dramatischen Auswirkungen: Die Zahl der künstlichen Befruchtungen ist um mehr als die Hälfte zurückgegangen - doch die Hilfe aus dem Ausland boomt.



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