Küstenfahrt der "Costa Concordia": "Eine nette Tradition, normalissima"

Von Giglio berichtet

Das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" kam vor seiner Havarie der italienischen Küste leichtsinnig nahe. Kein Einzelfall. Anwohner der Insel Giglio berichten, solche Stippvisiten seien regelmäßig durchgeführt worden. Der Bürgermeister lobte sie sogar als "unverzichtbares Spektakel".

"Costa Concordia": Zum Gruß ein Manöver Fotos
SPIEGEL ONLINE

Im August letzten Jahres schrieb Sergio Ortelli eine E-Mail, er bedankte sich darin bei einem befreundeten Kapitän, mit einem Schiff der Reederei Costa nah an Giglio vorbeigefahren zu sein. Giglio ist seine Insel, wenn man so will: Ortelli ist ihr Bürgermeister. Der Kapitän, schrieb Ortelli in seiner E-Mail, habe mit dieser Art des Grüßens für ein "unvergleichliches Spektakel" gesorgt, es sei inzwischen zu einer "unverzichtbaren Tradition" geworden. Ortellis Lob für Manöver dieser Art gipfelt in der Aussage, dass Costa "damit inzwischen seit Jahren eine der schönsten Inseln des Landes" belohne.

Heute ist Ortellis Insel nicht zu allererst wegen ihrer Schönheit weltbekannt, sondern wegen einer Tragödie: Vor der Hafeneinfahrt liegt das leckgeschlagene und umgekippte Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia". Und heute hat Ortelli einen neuen Titel, die Zeitung "Corriere della Sera" hat ihn verliehen: "Sindaco acchiappa navi da crociere" nennt sie ihn, das kann man sinngemäß mit Kreuzfahrtschiff-Anlockbürgermeister übersetzen.

"Ich bin kein Kreuzfahrtschiff-Anlockbürgermeister", sagt Ortelli SPIEGEL ONLINE in seinem Büro an der Hafenpromenade von Giglio. An den Wänden hängen alte Zeichnungen von Fischer- und Segelbooten und eine Karte, auf der unterschiedliche Bootstypen erklärt werden. Wie das Leben fast aller Insulaner mit der Schifffahrt verknüpft ist, so auch seines: Ortelli mag es, wenn Kreuzfahrtschiffe "unsere Insel passieren", in sicherer Distanz, wie er sagt. Nun sei eine Tragödie passiert, "aber ich habe die Reederei Costa nicht darum gebeten, so nah an unserer Insel vorbeizufahren".

"Das ist kein neuer Trend"

Dass Ortelli nach dem Schiffbruch von Freitagnacht nichts von der Tradition des Grüßens wissen will, ist so nachvollziehbar wie unehrlich. "Seit ich Bürgermeister bin, sind vielleicht drei oder vier Schiffe nah an den Hafen herangekommen", sagt Ortelli. Nah, damit meint er eine Distanz von rund 300 oder 500 Metern.

"Viermal in den letzten zweieinhalb Jahren? Nein, das stimmt nicht", widersprechen die Bewohner von Giglio. Das passiere hier ständig, sagt eine Barista in einem Café im Hafen, es sei "nichts Besonderes". "Das ist auch kein neuer Trend", sagt Alessandro, Inhaber eines Alimentari-Markts an der Hafenpromenade. Es sei schlicht ein alter Seemannsbrauch. "Als es noch keine Handys gab, konnten die Seeleute auf diese Weise ihre Familien grüßen, sofern die am Meer oder in einem Hafen wohnten", erklärt Alessandro.

Rosalba, eine Insulanerin jenseits der 70, sieht das genauso. "Seit Jahren denke ich, dass es gefährlich ist, so nah an die Küste zu fahren." Sie sage das nicht erst jetzt, wo die "Costa Concordia" schief im Wasser liegt und ihren gelben Schornstein zur Seite streckt.

Wenn man den Bewohnern der Insel Glauben schenkt, dann war die Tragödie programmiert. Ob 300 oder 500 Meter Abstand - ist nicht auch ein Kilometer Abstand zu wenig, wenn man ein Schiff von 290 Metern Länge zu steuern hat? Man muss kein Seemann sein, um festzustellen: Selbst eine kleine unvorhergesehen Abweichung vom Kurs könnte eine Katastrophe herbeiführen.

Das wusste wohl auch Antonello Tievoli. Laut "Corriere della Sera" soll der Restaurantleiter der "Concordia" kurz vor der Katastrophe auf der Kommandobrücke gewesen sein, weil der Kapitän ihn dort hinbestellt haben soll. "Antonello, guck mal, wir liegen direkt vor deiner Insel", habe man Tievoli gesagt, der von Giglio stammt. "Achtung, wir sind ja total nah an der Küste", erwiderte der 46-Jährige. Da war es schon zu spät.

Der Zeitung "Il Tirreno" zufolge soll Tievoli noch am Freitagnachmittag seine Eltern angerufen und sie darüber informiert haben, dass er an diesem Tag an ihrem Haus im Westen der Insel vorbeifahren werde. "Wir kommen gegen 9.30 Uhr, schaut aus dem Fenster", zitiert der "Corriere". Das alles angeblich auf Anregung des Kapitäns: "Ruf deine Familie an. Sag ihnen, dass wir in Kürze bei ihnen vorbeifahren!"

Seine Schwester soll am Freitag um 21.06 Uhr auf Facebook geschrieben haben: "In Kürze wird die "Concordia" der Costa Crociere sehr, sehr nah an uns vorbeifahren. Einen Riesengruß an meinen Bruder, der in Savona endlich von Bord gehen wird, um ein bisschen Urlaub zu machen."

Doch Antonello Tievoli sollte Savona nicht erreichen. Sein Vater fuhr sofort in den Hafen, als er von dem Unglück hörte. Beppe Tievoli suchte seinen Sohn, nach Mitternacht fand er ihn zwischen den vielen Menschen, die vom Schiff gerettet wurden. "Mein Sohn hat am ganzen Leib gezittert", sagt Beppe am Montag. "Er hat nach dem Schiffbruch gebebt wie eine Kirchenglocke." Antonello habe nur sehr wenig geredet, sagt Beppe 60 Stunden später. "Er wollte erst mal in Frieden gelassen werden und mit seiner Familie alleine sein." Inzwischen sei er bei Verwandten auf dem Festland.

"Er war im letzten Rettungsboot, das hier im Hafen ankam"

Auch Beppe Tievoli bestätigt SPIEGEL ONLINE: Es sei nichts Ungewöhnliches, dass sich Kreuzfahrtschiffe der Insel näherten, um mit dem Nebelhorn die Einwohner zu grüßen. "Das ist eine nette Tradition, normalissima," sagt er - absolut normal. Sein Sohn arbeite seit mehr als zehn Jahren für die Reederei Costa, während der letzten vier Monate hatte er ein Engagement auf der "Costa Concordia".

Fast jede Woche, eigentlich immer, wenn das Schiff seine Heimatinsel passierte, meldete sich Antonello bei seiner Familie, um ihnen die Uhrzeit anzukündigen. "Wenn sich ein Schiff auf 400 Meter der Küste nähert, ist das normalerweise kein Risiko", sagt Beppe, der ehemalige Seemann. Aber so nah an die Klippen zu kommen - das sei extrem gefährlich.

Fotostrecke

9  Bilder
"Costa Condordia": Unterwasserfotos zeigen Zerstörung
Die "Concordia" rammte 150 Meter vor dem Hafen einen Felsen, der aus dem Wasser ragte. Wie konnte das passieren? "Vielleicht hat sich jemand in den Distanzen geirrt, sagt Beppe, "vielleicht hat man sich verschätzt." Viele Beobachter vermuten, dass Kapitän Francesco Schettino sich nicht verschätzte, sondern bewusst bis auf 150 Meter an die Küste steuerte, der Staatsanwalt wird T. dazu in Kürze vernehmen.

Dass sein Sohn verantwortlich sein könne, weist Beppe vehement zurück. "Jemand wird einen Fehler gemacht haben", sagt er, aber fest stehe, dass sein Sohn Antonello einer der letzten war, die das leckgeschlagene Schiff verlassen haben. "Er war im letzten Rettungsboot, das hier im Hafen ankam." Anders als der Kapitän, der bereits vor Mitternacht im Rettungsboot gesessen hat, sei Tievoli länger an Bord geblieben, um den Passagieren zu helfen.

Zumindest in dieser Sache wird Antonello Tievoli keine Schuldgefühle haben. Was den Bürgermeister angeht, sind sich die Insulaner nicht sicher. "Ortelli wird einen Grund haben, seine Version von den Grüßmanövern der Kreuzfahrtschiffe zu erzählen", sagt eine Anwohnerin, die ihren Namen nicht nennen möchte. "Das ist Politik."

Als Politiker wird Ortelli in den nächsten Wochen viel zu tun haben. Das Thyrrenische Meer rund um seine Insel hat phantastische Unterwasserwelten, sie zählen zu den besten Tauchdestinationen Europas. "Die größte Katastrophe am Schiffbruch vom Freitag sind die Todesopfer", sagt Ortelli, und er setze selbstverständlich alles daran, die Vermissten zu finden. Aber natürlich mache er sich auch Sorgen um seine Insel.

Damit nicht auch noch eine Umweltkatastrophe passiere, ist nun ein Krisenstab im Einsatz, um den sich der Bürgermeister mit Eifer kümmert. "Wir müssen verhindern, dass Dieselöl ausläuft", sagt Ortelli, das könne passieren, wenn sich das Wrack bewegt. Am Montag ist das Schiff bereits ins Rutschen geraten.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 117 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ungenau
gerd0210 16.01.2012
Zitat von sysopDas Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" kam vor seiner Havarie der italienischen Küste leichtsinnig nahe. Kein Einzelfall. Anwohner der Insel Giglio berichten, solche Stippvisiten seien regelmäßig durchgeführt worden. Der Bürgermeister lobte sie sogar als "unverzichtbares Spektakel". Küstenfahrt der "Costa Concordia": "Eine nette Tradition, normalissima" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,809446,00.html)
Die Unterschrift von Bild 3 ist nicht korrekt. Das Schiff blieb nicht bei "Le Sole" liegen und neigte sich dort auch nicht. Auch ist es nicht korrekt, dass das Schiff mit 15 Knoten auf Land auffuhr. Zu dieser Zeit hatte das Schiff schon mit 2km/h gewendet, die Aufprallgeschwindigkeit am Ufer dürfte noch geringer gewesen sein.
2. Herrlich!
reihenfolge 16.01.2012
Zitat von sysopDas Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" kam vor seiner Havarie der italienischen Küste leichtsinnig nahe. Kein Einzelfall. Anwohner der Insel Giglio berichten, solche Stippvisiten seien regelmäßig durchgeführt worden. Der Bürgermeister lobte sie sogar als "unverzichtbares Spektakel".
Wo kann ich spenden? Ich möchte nicht nur den armen EU-Ländern im Süden mit dem Rettungsschirm helfen, sondern auch ihre von mediterraner Lebensfreude zeugenden Gewohnheiten wie die "Stippvisiten" von Kreuzfahrtschiffen unterstützen.
3.
makromizer 16.01.2012
Zitat von gerd0210Die Unterschrift von Bild 3 ist nicht korrekt. Das Schiff blieb nicht bei "Le Sole" liegen und neigte sich dort auch nicht. Auch ist es nicht korrekt, dass das Schiff mit 15 Knoten auf Land auffuhr. Zu dieser Zeit hatte das Schiff schon mit 2km/h gewendet, die Aufprallgeschwindigkeit am Ufer dürfte noch geringer gewesen sein.
Die Schuld für das Unglück ist wohl in erster Linie beim Kapitän zu suchen, der die Verantwortung für das Schiff hatte, sowie weiter den Betreibern, die eine Führungshierarchie an Bord ermöglicht haben, dass eine Person durch ihr Fehlverhalten überhaupt solch eine Katastrophe verursachen konnte. Hier nun beim Bürgermeister irgendwelche Schuld zu suchen ist total albern. Dieser konnte selbstverständlich davon ausgehen, dass auf seine Bitte die für das Schiff Verantwortlichen nicht derart grobfahrläßig mit dem Schiff, den Menschen an Bord und der Umwelt umgehen würden. Es geht hier ja um ein Gerät für eine halbe Milliarde Euro mit modernsten Navigationssystemen und nicht um einen kleinen Fischkutter.
4. Kamikaze-Nautiker
Ursprung 16.01.2012
Zitat von sysopDas Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" kam vor seiner Havarie der italienischen Küste leichtsinnig nahe. Kein Einzelfall. Anwohner der Insel Giglio berichten, solche Stippvisiten seien regelmäßig durchgeführt worden. Der Bürgermeister lobte sie sogar als "unverzichtbares Spektakel". Küstenfahrt der "Costa Concordia": "Eine nette Tradition, normalissima" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,809446,00.html)
Wie kann es sein, dass so ein offensichtlicher Kamikaze-Nautikneurotiker den Job eines Kreuzfahrtschiffkapitaens von der Reederei bekommen konnte? War der besoffen und machte sich deshalb so schnell aus dem Staube? Wollte er vor einer Liebschaft an Bord als Sondertyp glaenzen, den Verstand vorher in seine Hose abgebend? Die Tragoedie hat jetzt schon Seefahrtsgeschichte geschrieben. Es werden alle Passagier-Reedereien ihre Kapitaene einer Persoenlichkeitsuntersuchung unterziehen muessen.
5. Dieselöl?
Flari 16.01.2012
---Zitat--- Damit nicht auch noch eine Umweltkatastrophe passiere, ist nun ein Krisenstab im Einsatz, um den sich der Bürgermeister mit Eifer kümmert. "Wir müssen verhindern, dass Dieselöl ausläuft", sagt Ortelli, das könne passieren, wenn sich das Wrack bewegt. Am Montag ist das Schiff bereits ins Rutschen geraten. ---Zitatende--- Diesel oder das Öl für die Dieselmotoren dürfte kein Problem sein. Anders sieht es mit den 2.300 Tonnen Schweröl aus, welches relativ giftig ist und sich auch nicht so schnellabbaut.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Costa Concordia
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 117 Kommentare
  • Zur Startseite
Wrack auf dem Felsen: Die Lage des havarierten Schiffs Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Wrack auf dem Felsen: Die Lage des havarierten Schiffs



Karte
  • Google Earth/ DigitalGlobe
    Die Lage der havarierten "Costa Concordia"