"Kyrill"-Alarm Deutschland rüstet sich für gewaltigen Orkan

Küstenwachen in Alarmzustand, Schulen geben sturmfrei, die Bahn rüstet sich für Ausfälle: Orkan "Kyrill" nimmt Kurs auf Deutschland. Bis zu 150 Kilometer pro Stunde soll der Sturm erreichen und das ganze Land überziehen - Meteorologen warnen vor Riesenschäden.


Berlin - Der Sturm werde mit voller Wucht auf die Nordseeküste treffen und dann in Richtung Südosten das Land durchqueren, sagte Meteorologin Dorothea Paetzold vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Bis Freitag sei mit Böen der Windstärken 11 und 12 zu rechnen - im gesamten Land. Meteorologen warnen vor folgenden Gefahren:

  • Böen von bis zu 150 Kilometern pro Stunde Geschwindigkeit an der Küste und in den Mittelgebirgen,
  • Sturmflut und Uferabbrüche an den Küsten,
  • umstürzende Bäumen und herabfallende Äste,
  • schwere Schäden an Bahnlinien und Strommasten,
  • Schiffe in Seenot,
  • steigende Wasserstände auch im Landesinneren - vor allem an Mosel, Saar, Sauer, Nahe und Glan.

Den Warnungen zufolge drohen schwere Schäden im ganzen Land wie zuletzt beim Orkan "Jeanett" im Oktober 2002.

"Kyrill" auf Satellitenbild (oben links, 17. Januar, 13 Uhr): Kurs auf Europa
DDP

"Kyrill" auf Satellitenbild (oben links, 17. Januar, 13 Uhr): Kurs auf Europa

Meteorologin Dorothea Paetzold rät allen Bürgern, am Donnerstag ab dem Nachmittag und vor allem in der Nacht möglichst zu Hause zu bleiben. Wälder seien wegen der Gefahr umstürzender Bäume unbedingt zu meiden. Fenster und Türen sollen geschlossen bleiben, Gegenstände im Freien gesichert werden. Von Gerüsten und Hochspannungsleitungen soll man sich dringend fernhalten, Kellereingänge schützen und prüfen, ob die Rückschlagventile für schnellen Wasserabfluss funktionieren. Der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) rief die Bürger auf, die Notrufnummer 112 nur zu benutzen, wenn bei Schäden dringend Hilfe gebraucht wird. Schäden ohne akute Gefahren sollten erst nach dem Unwetter gemeldet werden.

"Dass die gesamte Republik mindestens von Windstärke 11 auch in den Niederungen betroffen sein wird - das fällt aus der Reihe", sagt Paetzold vom DWD. Auch Meteorologe Holger Starke vom Wetterdienst Meteomedia warnt: "Am Nachmittag und Abend des Donnerstags muss man besonders an der Küste und in den Mittelgebirgen teilweise auf Böen von über 150 Kilometern pro Stunde gefasst sein."

Thomas Globig von Meteomedia auf der Ostsee-Insel Hiddensee rät, Autos nicht unter Bäumen Baum oder dicht an Gewässern zu parken. In Bayern warnen Meteorologen vor Spaziergängen; auch Skifahren sei eine "schlechte Idee".

In Nordrhein-Westfalen erwarten die Meteorologen den schwersten Sturm seit mehr als vier Jahren. In Düsseldorf kündigten die ersten Schulen an, den Unterricht nach der vierten Stunde zu beenden - weil dort für den späten Vormittag Orkanböen erwartet werden.

Auf Sylt ist die Lage besonders kritisch

Auf den nordfriesischen Inseln befürchten die Gemeinden nach den schweren Sandverlusten und Uferabbrüchen in der vergangenen Woche weitere Schäden (siehe Fotostrecke).

Auf Sylt ist die Situation an der Südspitze und dem Kliff bei Kampen besonders kritisch. In Niedersachsen droht der Sturm in der Nacht zum Freitag. "Wir haben eine Sturmflutwarnung ausgegeben, wonach mit einem Hochwasser von etwa zwei Metern über dem normalen Hochwasser zu rechnen ist", sagte Herma Heynen vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Auch an den ostfriesischen Inseln drohen demnach Deichabbrüche.

In Berlin und Brandenburg werden orkanartige Böen über das Land hinwegfegen, die allerdings weniger heftig ausfallen dürften als an der Nordseeküste. Die Wetterexperten erwarten, dass die starken Böen die Hauptstadt am Donnerstagnachmittag erreichen, in der Nacht zu Freitag werde der Höhepunkt erreicht.

Notschlepper besetzen "Sturmpositionen"

Bahn und Behörden wappnen sich für schwere Orkanschäden. Die Deutsche Bahn hat ihre Instandhaltungstrupps schon am Mittwochabend vorsorglich in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Rund 500 Spezialisten sollen im Notfall das insgesamt 34.000 Kilometer lange Schienennetz möglichst schnell von Ästen oder umgestürzten Bäumen frei räumen. Busse stünden bereit, um Fahrgäste bei blockierten Gleisen weiterzutransportieren, sagte eine Sprecherin. Güterzüge mit leeren Containern dürfen bei Starkwind die Brücke zur Insel Fehmarn nicht mehr nutzen.

Die wichtigste Vorkehrung des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) Cuxhaven für die maritime Sicherheit ist nach Angaben von Pressesprecher Ulrich Lamprecht, "dass die Notschlepper auf See sind". Ab Windstärke 8 besetze das WSA die so genannten "Sturmpositionen" mit zwei Mehrzweckschiffen in der Deutschen Bucht, um in Notlagen schnell eingreifen zu können.

Sturmwarnungen von Frankreich bis Russland

In Rheinland-Pfalz und im Saarland sind selbst in tiefen Lagen orkanartige Böen zu befürchten, in höheren Lagen erreicht der Wind sogar volle Orkanstärke, warnte der Wetterdienst Meteomedia. Hochwassermeldezentren haben vor steigenden Wasserständen an Mosel, Saar und Sauer sowie an Nahe und Glan gewarnt. Es könne zu starken und lang andauernden Regenfällen kommen, teilte das Zentrum in Trier mit, deshalb sei ein schneller Anstieg der Wasserstände zu erwarten - in Trier etwa schon in der Nacht zum Freitag.

Auch andere europäische Länder rüsten sich für den "Kyrill": Sturmwarnungen gab es von Frankreich und Irland bis nach Russland. In Tschechien werden Böen mit Tempo 145 befürchtet, in den österreichischen Bergen mit Tempo 150. In Großbritannien wird parallel ein Kälteeinbruch mit Schnee in Schottland und Nordengland erwartet.

Für die Versicherungen könnte der Donnerstag zum "schwarzen Tag" werden: Ab Windstärke 8 (rund 62 Kilometer pro Stunde) müssen sie für versicherte Windschäden aufkommen.

jto/dpa/AFP/AP/Reuters



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