"Kyrill"-Chaos Bahn-Alptraum auf 34.000 Kilometern

Das gab es in der Geschichte der deutschen Bahn noch nie: Neun Stunden Stillstand auf dem riesigen Streckennetz. Das Chaos wird noch Tage dauern - der Orkan "Kyrill" stellt die Bahn vor immense Logistik-Probleme.

Von Jens Todt


Berlin - "Wir hatten schon Stürme. Wir hatten schon starke Beeinträchtigungen. Aber so etwas hatten wir noch nie", sagt Bahn-Sprecher Hans-Georg Zimmermann. Dass ein Unwetter das gesamte Schienennetz des Landes lahm legt, ist ein Novum für die Bahn. Von 19 Uhr bis 4.30 rollte in Deutschland kein Zug mehr, und auch dann kam der Verkehr nur zögerlich wieder in Gang.

"Unsere Instandhaltungstrupps waren zwar auf den Orkan vorbereitet und sind mit Kettensägen ausgestattet worden, um Gleise von umgestürzten Bäumen zu befreien", sagt Zimmermann. Doch weil "Kyrill" bis in die Nacht hinein tobte, hätten die Streckensäuberungen erst spät beginnen können. "Aus Sicherheitsgründen konnten die Streckenerkundungsfahrten erst gegen 3 Uhr am Morgen starten."

Seitdem befreien die Trupps stückweise die Strecken von gefährlichen Hindernissen. Bis der Bahnverkehr jedoch wieder vollends reibungslos läuft, werden vermutlich noch Tage vergehen. "Wir rechnen zwar mit einer Normalisierung im Laufe des Tages", sagt Zimmermann, "aber es ist möglich, dass Nebenstrecken noch tagelang gesperrt sind."

Der Fernverkehr auf den Strecken Hamburg-Berlin und Köln-Frankfurt/Main läuft nach Angaben der Bahn wieder einigermaßen. Die Strecke Leipzig-Nürnberg ist wegen umgestürzter Bäume dagegen immer noch dicht. Der Nahverkehr wurde zwar vielerorts wieder aufgenommen. Vor allem in Süd- und Südostdeutschland gibt es aber weiter erhebliche Störungen. Die Bahn empfiehlt Reisenden, sich vor Fahrtantritt frühzeitig zu informieren und von nicht notwendigen Reisen abzusehen (Informationen unter der kostenlosen Sonder-Telefonhotline 08000-996633 und auf www.bahn.de).

Bahn-Chef Hartmut Mehdorn kündigte rasche Besserung an. Immerhin sei die Nacht für die Bahn "ohne jeden Unfall" abgelaufen. Auch Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sagte, "dass dieser Sturm relativ glimpflich abgelaufen ist", das Krisenmanagement der Bahn habe "nahezu perfekt geklappt". Fahrgäste in ganz Deutschland beurteilen die Lage jedoch anders: Beschwerden über unzureichende Durchsagen und mangelnde Koordination häufen sich.

Ein Hauptproblem der Bahn am Tag nach dem Orkan: Selbst wenn das gesamte Schienennetz schon jetzt wieder frei wäre, hätte sie mit großen logistischen Problemen zu kämpfen. Schließlich befindet sich kaum ein Zug an seinem Bestimmungsort - der Fahrplan ist vom Orkan "Kyrill" vollends durcheinander gewirbelt worden. "Wir hatten heute schon den Fall, dass eine Strecke zwar grundsätzlich wieder befahrbar war, allerdings kein Zug in der Nähe zur Verfügung stand, um sie auch zu nutzen", sagt Sprecher.

34.000 Kilometer Gleise müssen untersucht werden

Insbesondere der Fern- und der Regionalverkehr sind noch stark beeinträchtigt. Für die Angestellten der Netzleitzentrale in Frankfurt am Main bedeute die Fahrplan-Harmonisierung in den nächsten Tagen eine große Herausforderung, sagt Sprecher Zimmermann. Dort werde der gesamte Fernverkehr koordiniert. Darüber hinaus seien sieben über das Bundesgebiet verteilte Betriebszentralen für das "operative Geschäft" in den Regionen verantwortlich, so der Sprecher. "Die Kollegen haben jetzt natürlich intensivsten Austausch."

Jede gesperrte Strecke muss überprüft, gegebenenfalls von Ästen und Bäumen befreit und anschließend bei den Leitstellen als befahrbar gemeldet werden. Bis dahin müssen alle Züge über bereits freie - und stark befahrene - Gleise umgeleitet werden. Eine logistische Unternehmung im ganz großen Stil: Das Streckennetz der Bahn umfasst 34.000 Kilometer, auf denen pro Tag normalerweise etwa 28.000 Zugfahrten im Personenverkehr und rund 5000 im Güterverkehr unternommen werden.

Besonders betroffen von gesperrten Strecken seien noch der Süden und der Südosten des Landes. "Hier war der Sturm zuletzt, wir konnten also erst spät mit den Aufräumarbeiten beginnen", sagt Zimmermann. Ebenfalls schwierig sei die Lage in Berlin. Dort hatte der Orkan kurz vor Mitternacht an der Außenseite des erst vor acht Monaten eröffneten Hauptbahnhofes einen drei Tonnen schweren Stahlträger abgerissen, der daraufhin in die Tiefe gestürzt war.

Glücklicherweise wurde bei dem Unfall niemand verletzt. Nach Angaben der Bahn löste sich ein zweiter Träger und drohte ebenfalls herabzustürzen. Der Bahnhof war nach dem Unglück evakuiert und gesperrt worden, viele Züge fielen aus oder mussten umgeleitet werden. Vor allem der Fernverkehr musste unter der Sperrung des Knotenpunktes leiden. Bahnchef Hartmut Mehdorn sagte jedoch, dass der Hauptbahnhof am Mittag wieder geöffnet werden solle.

mit Material von ddp

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