"Kyrill" Orkan im Ansturm - 40.000 THW-Helfer in Bereitschaft

Flüge fallen aus, Autobahnen sind gesperrt, die Bahn bremst ihre Züge. Auf dem Feldberg herrscht schon Orkan, an den Küsten droht eine schwere Sturmflut: Deutschland rüstet sich für Monstersturm "Kyrill" - Zehntausende Helfer des Technischen Hilfswerks stehen in Bereitschaft.


Berlin - Der Orkan "Kyrill" hat Deutschland erreicht. Seine ersten Ausläufer haben bereits zahlreiche Bäume umknicken lassen. Seine größte Kraft wird das Unwetter zwischen 16 Uhr und Mitternacht entfalten - der Deutsche Wetterdienst hat Unwetterwarnungen für alle Bundesländer herausgegeben.

"Wir rechnen mit allem", sagte ein Sprecher des Lagezentrums in Saarbrücken. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen rückten die Feuerwehren bereits zu zahlreichen Einsätzen aus. Nach starken Regenfällen stürzten in Essen mehrere Bäume um. Etliche Straßen wurden überflutet. Zahlreiche Keller mussten leer gepumpt werden. Das Autobahnkreuz Neunkirchen wurde am Morgen wegen umgestürzter Bäume gesperrt, wodurch ein kilometerlanger Stau entstanden ist.

Angesichts des Orkantiefs stehen mehr als 40.000 Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) "Gewehr bei Fuß". "Wenn jetzt ganz Deutschland betroffen ist, dann kann das natürlich sehr heftig werden", sagte THW-Präsident Albrecht Broemme dem Nachrichtensender N24. Die größten Schäden erwartet Broemme in Ballungsräumen wie der Region um Berlin oder dem Rhein-Main-Gebiet.

Wegen der Orkangefahr hat die Deutsche Bahn das Höchsttempo ihrer Fernverkehrszüge auf Tempo 200 herabgesetzt. Nahverkehrszüge fahren nur noch maximal 140 Stundenkilometer, wie ein Bahnsprecher in Berlin auf Anfrage sagte. Man wolle versuchen, trotz der dadurch entstehenden Verspätungen die Anschlüsse zu gewährleisten. "Aber wir können nicht versprechen, dass wir alle Auswirkungen dieser höheren Gewalt ausgleichen können", sagte der Sprecher.

Auch auf vielen Nebenstraßen im Land ist der Verkehr durch umgestürzte Bäume und herabgefallene Äste behindert worden. Menschen wurden nicht verletzt, auch größere Schäden waren zunächst nicht zu verzeichnen. Auf der Autobahn A1 bei Wildeshausen im Kreis Oldenburg wurde ein leerer Lastwagen mit Anhänger vermutlich auf Grund einer Windböe von der Fahrbahn gedrückt und kam auf dem Grünstreifen zum Stehen.

Der Fährverkehr an der nordfriesischen Küste ist teilweise eingestellt worden. An der Nordseeküste droht nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes eine schwere Sturmflut. Das Hochwasser an der nordfriesischen Küste und im Elbegebiet soll in der Nacht zum Freitag 3 bis 3,5 Meter höher als das mittlere Hochwasser auflaufen. An der ostfriesischen Küste und im Wesergebiet soll die Flut 2,5 bis 3 Meter höher als das mittlere Hochwasser auflaufen.

Notrufnummern nur bei akuter Gefahr wählen

Auf der Bahnstrecke zwischen Ottweiler und St. Wendel war am Morgen eine Regionalbahn durch einen größeren Ast in der Oberleitung gestoppt worden, wie ein Bahnsprecher in Frankfurt sagte. Keiner der rund 100 Reisenden sei verletzt worden, ein Ersatzzug habe sie an ihr Ziel gebracht. Zudem sei ein Busnotverkehr zwischen St. Wendel und Ottweiler eingerichtet worden.

Meteorologen warnen vor Spaziergängen in Wäldern und raten dazu, die Nähe von Gerüsten und Hochspannungsleitungen zu meiden. Türen sollten geschlossen und Gegenstände im Freien gesichert werden. Der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) rief alle Bürger auf, die Notrufnummer 112 nur zu benutzen, wenn bei Schäden dringend Hilfe gebraucht werde. Schäden ohne akute Gefahr sollten erst nach dem Unwetter gemeldet werden.

Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 Stundenkilometern

In Sturmböen wurden am Morgen bereits Windgeschwindigkeiten von fast 120 Stundenkilometern gemessen. Selbst in tieferen Lagen stürmte es oftmals mit 60 bis 70 Stundenkilometern, wie der Wetterdienst Meteomedia mitteilte. Spitzenwerte wurden auf dem Feldberg im Schwarzwald mit 119 und auf dem Brocken im Harz mit 115 Stundenkilometern gemessen.

Die Experten auf dem Feldberg bleiben jedoch angesichts der Windstärken vorläufig noch gelassen. "Das, was wir jetzt hier oben haben, haben wir in ähnlicher Stärke häufiger", sagte Norbert Laile vom Deutschen Wetterdienst auf dem höchsten Berg des Südschwarzwaldes (1493 Meter). In den Wäldern und den anderen Teilen des Landes sehe dies allerdings anders aus: "Spätestens nachts wird es richtig zur Sache gehen", sagte Laile. Er erwartet bis zum Abend Windstärken von rund 150 Stundenkilometern. Die Skilifte auf dem Feldberg sind geschlossen. Der Katastrophenschutz in Freiburg geht davon aus, dass der Orkan "Kyrill" Bäume entwurzeln und Dächer abdecken wird.

Meteomedia wie auch der Deutsche Wetterdienst rechnen ab der Mittagszeit mit Orkan-Böen von mehr als 110 Stundenkilometern. Vereinzelt müsse man im nordwestlichen Flachland sogar mit 130 Stundenkilometern rechnen, an der Nordseeküste und in höherem Bergland können schon am späten Nachmittag Geschwindigkeiten bis zu 150 Stundenkilometern erreicht werden.

Experten raten: Zu Hause bleiben!

Die Böen sollen sich zunächst über Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen ausbreiten. Anschließend würden sie vom Nordwesten her südostwärts ziehen und das ganze Land erfassen. An Schleswig-Holsteins Westküste wird der Orkan am frühen Nachmittag erwartet. "Wir rechnen etwa ab 16 Uhr mit den ersten orkanartigen Böen", sagte Günter Delfs, Sprecher des Deutschen Wetterdienstes. "Am sichersten ist es, dann zu Hause zu bleiben", sagte Meteomedia-Meteorologe Holger Starke.

Während ab Mitternacht der Orkan vom Nordwesten her langsam verebbt, bleiben die Windgeschwindigkeiten in den östlichen Bundesländern weiterhin hoch. Dort werden die Orkanböen erst am Abend ihre Spitzengeschwindigkeiten erreichen. Der Wind bleibt im Osten bis zum Morgen kräftig.

Viele Schüler dürften sich vermutlich über den Orkan freuen - in mehreren Bundesländern soll der Unterricht aufgrund der Wetterlage verkürzt werden. So beschert das Unwetter etwa zahlreichen Schülern aus Nordrhein-Westfalen und Unterfranken einen freien Nachmittag. "Das wird vorsorglich gemacht, um eine gefahrlose Heimkehr der Schüler zu ermöglichen", sagte der Abteilungsleiter Schulen der Regierung von Unterfranken, Franz Portscher. Ob morgen Unterricht stattfinde, hänge von der Entwicklung des Sturms ab.

jto/dpa/AFP/AP/Reuters/ddp



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