Asylbewerber in Italien Gestrandet

Von und Giulio Magnifico (Fotos)


Der
Kapitän


Fregattenkapitän Pier Luca Salassa steht an einem brütend heißen Augustmorgen im Hafen von Augusta im Südosten Siziliens. Die Sonne brennt auf seine ausgeblichenen Schulterklappen, während er routiniert Zahlen zu den Menschen referiert, die im Hintergrund auf wackligen Beinen von Bord der "Sphinx" wanken. 549 waren es dieses Mal, gerettet wurden sie aus zwei Booten, 80 und 100 Seemeilen von der Insel Lampedusa entfernt.

Comandante Salassa hat zwei anstrengende Tage auf See hinter sich. Gerade haben die letzten Passagiere die Korvette "Sphinx" verlassen. Jetzt liegt sie still an der Hafenkante, 87 Meter lang, zehn Meter breit und fast 30 Jahre alt.

"Die Operation ist gut verlaufen", sagt Salassa zufrieden. Keine Toten, gute Wetterbedingungen, die Passagiere bis auf kleinere Blessuren gesund. Krankheiten sind ein großes Thema, seit die politische Rechte in Italien und anderswo in Europa die grassierende Ebola-Angst nutzt, um Ressentiments gegen Bootsflüchtlinge aus Afrika zu schüren. Auf dem Appenin herrsche ein "hygienisch-medizinischer Notstand", wird kolportiert.

Eine Ärztin wartet im Hafen von Augusta auf Flüchtlinge
Giulio Magnifico

Eine Ärztin wartet im Hafen von Augusta auf Flüchtlinge

"Ich habe bisher noch keine verdächtigen Fälle beobachtet", sagt Kapitän Salassa. Es gebe immer mal wieder Krätze, außerdem Fälle von Dehydrierung oder Unterkühlung, "aber das sind Dinge, die auf den langen Aufenthalt auf See zurückzuführen sind".

Wurden die Vorsichtsmaßnahmen verschärft? "Nein, aber wir führen bereits an Bord unserer Schiffe ärztliche Untersuchungen durch, bei denen die Flüchtlinge auf verschiedene Krankheiten überprüft werden." Etwa 33.000 Menschen sollen dieses "Screening auf See" laut Gesundheitsministerium seit Juni durchlaufen haben. Das Risiko, sich in Italien mit Ebola anzustecken sei minimal, sagt die zuständige Ministerin Beatrice Lorenzin. "Es ist alles unter Kontrolle", meint der Comandante. "Es kommt nichts nach Italien rein, was nicht rein soll."

Das größte Risiko würde ohnehin seine Crew tragen - und die scheint hochmotiviert zu sein. "Sie waren hilfsbereit, aufmerksam, respektvoll, wie eine Familie", berichten Bootsflüchtlinge einhellig. Dennoch muss zumindest infrage gestellt werden, ob die Personalstärke an Bord der Schiffe von "Mare Nostrum" den hehren Ansprüchen gerecht werden kann: In der Regel ist nur ein Arzt vorgesehen, der sich um Hunderte Migranten kümmern muss.

Kapitän Salassa ist freundlich und zugewandt, aber sehr bestimmt, wenn es darum geht, politisch brisante Fragen zu umschiffen. Ob die aus Afrika nach Italien schwappende Flüchtlingswelle unter dem Kommando der europäischen Grenzschutzagentur Frontex besser zu bewältigen sein wird, so wie es die EU-Innenminister planen? "Als Seemann stelle ich mir diese Frage nicht", sagt der 44-Jährige. "Ich bin stolz auf das, was wir tun, denn wir tun es mit großem Erfolg."

Giulio Magnifico/ SPIEGEL ONLINE

70.000 Menschenleben konnte die italienische Marine seit Oktober 2013 mit "Mare Nostrum" retten - ohne Frage eine Leistung. Aber es geht schon lange nicht mehr nur um Italien und dessen Schwierigkeiten, mit den beständig wachsenden Flüchtlingsströmen klarzukommen. Es geht darum, ob Europa in der Lage ist, eine Strategie zu entwickeln, die das Problem langfristig angeht. Ob es endlich von der stumpfen Abwehrreaktion zur Aktion übergeht und neue Wege in der Flüchtlingspolitik beschreitet.

Die im August vom Innenministerium veröffentlichten Zahlen zur Migration belegen: Die Flüchtlingszahlen steigen weiter. Im Juli kamen mehr als 21.000 Menschen - allein aus Libyen. Und es ist kein Ende des Trends in Sicht.

Wie eine schallende Ohrfeige war in Italien die Weigerung der EU aufgenommen worden, den Italienern finanziell und materiell unter die Arme zu greifen. Premier Matteo Renzi und sein Innenminister Angelino Alfano hatten darauf gehofft, der EU-Ratsvorsitz Italiens werde sich vorteilhaft auswirken.

Lange hat die italienische Regierung um mehr europäische Unterstützung und Engagement gekämpft, ab November soll "Mare Nostrum" nun durch die Operation "Frontex Plus" abgelöst und unter das Kommando der europäischen Grenzschutzagentur gestellt werden. Zehn Schiffe und vier Flugzeuge sollen dann im Mittelmeer patrouillieren. Doch EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström hält die Erwartungen schon jetzt klein: Sie erklärte, "Frontex Plus" werde den Umfang der "sehr ehrgeizigen italienischen Operation" wohl nicht erreichen.

Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl befürchten, dass der Kampf gegen das Sterben im Mittelmeer in Zukunft zur "Seenotrettung light" verkommt. Zwar soll die neue Mission offiziell die bisherigen Frontex-Operationen "Hermes" und "Aeneas" zusammenfassen und erweitern. "Der Einsatzradius wird aber deutlich kleiner sein, die Mittel sind zudem begrenzter", sagt Judith Gleitze vom Monitoring-Netzwerk Borderline Europe.

"Wir haben es mit einer Grenzsicherungsoperation zu tun - und die hat die Bekämpfung der illegalen Einreise zum Ziel, nicht die Rettung von Menschenleben." Gleitzes Fazit: "Die neue Frontex-Mission ist eine große Lüge im Kampf um die Rettung von Menschen. Das Sterben im Mittelmeer hat nie aufgehört, und es wird bald noch viel schlimmer werden."

Wo Flüchtlinge von Schiffen der Rettungsoperation Mare Nostrum aufgegriffen wurden:

Beginn der Operation Mare Nostrum war Oktober 2013
Karte: Google Earth; Quelle: Italienisches Innenministerium

Beginn der Operation Mare Nostrum war Oktober 2013

Die italienische Regierung musste sich in der Vergangenheit vorwerfen lassen, dass die Marine mit ihrer Rettungsoperation die Flucht nach Italien noch attraktiver machen würde. "Die Flüchtlinge kommen so oder so. Es sterben nur weniger", so Gleitze bitter.

Die Marine sei angehalten, Erfolgsquoten zu präsentieren - und möglichst viele Schleuser festzunehmen. "Die meisten von denen, die bei fast jeder Überfahrt abgeführt werden, sind aber selbst Migranten, die sich im Tausch für eine Gratisüberfahrt oder ein kleines Zubrot als Helfershelfer engagieren lassen."

Das sieht Kapitän Salassa anders: "Nicht alle von denen sind kleine Fische." Man versuche, schon an Bord Identitäten zu klären, durch Gespräche mit den Flüchtlingen herauszukriegen, wer mit den Schmugglern zusammengearbeitet hat.

Neben der "Sphinx" haben Ermittler gerade einen kleinen Mann in zerschlissenem Jackett und zu großen Anzughosen zum Gespräch gebeten. Waren Schleuser an Bord? Der Comandante schüttelt den Kopf: "Laufende Ermittlungen, Sie verstehen."



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