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22. September 2014, 11:00 Uhr

Asylbewerber in Italien

Gestrandet

Von und Giulio Magnifico (Fotos)

An der Südgrenze Europas spielt sich ein tödliches Drama ab: Tag für Tag versuchen Flüchtlinge, in überfüllten Booten nach Europa zu gelangen. Was treibt die Menschen, wer sind die Schleuser, wer profitiert von dem Elend? Antworten liefert diese Multimedia-Reportage aus Sizilien.

Die Sphinx ist eine alte Lady. Fast lautlos, wie nebenbei, schleicht sie sich von Südost in den Hafen von Augusta. 30 Jahre ist die Korvette alt, gepflegt, aber betagt wie so viele Schiffe in der italienischen Marine. Die "Fracht" an Bord trägt schwer, in vielerlei Hinsicht: Mit 549 Personen ist sie hoffnungslos überladen - aber das spielt in Zeiten wie diesen, wo innerhalb weniger Tage etwa genauso viele Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken, keine Rolle.

Seit Oktober 2013 versucht Italien, mit der Rettungsoperation "Mare Nostrum" dem Sterben im Mittelmeer ein Ende zu bereiten. Mehr als 70.000 Menschenleben konnte sie bisher retten - doch es mangelt an Unterstützung von Seiten der EU und Strategien, wie dem Problem nachhaltig begegnet werden kann. Denn es kommen immer mehr. Allein die Hälfte der syrischen Bevölkerung hat die Heimat verlassen, weil leben dort unmöglich geworden ist.

Langfristig soll "Mare Nostrum" abgelöst werden - von der Operation "Frontex Plus" unter Leitung der EU-Grenzschutzagentur. Anfang Oktober wollen sich die EU-Innenminister auf konkrete Schritte einigen. Für Italien hätte das womöglich den Vorteil, dass es nicht mehr allein auf den monatlichen Kosten von etwa neun Millionen Euro sitzen bleibt. Aber mit den beständig ins Land strömenden Menschen muss es weiter selbst klarkommen - und das gelingt bisher nur mäßig.

Schweigend stehen sie an Deck, Männer, Frauen und Kinder aus Syrien und Afrika, Bangladesch und Pakistan. Hochkonzentriert beobachten sie, was an Land geschieht, wo Carabinieri und Zivilschutz, Ärzte, Flüchtlingshelfer, Kinderschützer und Menschenrechtler in Stellung gehen.

Unter den Flüchtlingen sieht man grimmige und fast wütende Gesichter, neugierige und skeptische. Aber kaum verzagte. Kinder mit Sonnenhüten winken scheu, ein Mann presst einen sonnenverbrannten Säugling an seine Brust. Die grünblauen Augen einer Syrerin in Hidschab und Abaya wandern nervös hin und her.

Inmitten der sehr ernsten Menge sitzt Amira und strahlt mit der unerbittlichen Sonne um die Wette. Sie lächelt, während ihr gleichzeitig Tränen über die Wangen laufen. Mit einer Handbewegung deutet die 19-Jährige an, schwanger zu sein. Da lacht auch ihr Mann Jalal, der neben ihr sitzt.

An Land angekommen telefoniert Amira mit ihrer Mutter, die gerade an einem Checkpoint der syrischen Regierungstruppen festsitzt und nicht frei reden kann.

"Die Syrer sind spätestens heute Abend weg", sagt ein italienischer Zivilschützer und schnalzt mit der Zunge. Die meisten der Neuankömmlinge wissen: In Italien ist die Arbeitslosenquote hoch, es gibt weder Jobs noch Zukunft, deshalb suchen sie ihr Glück weiter nördlich. Viele Syrer haben mehr Geld als etwa die afrikanischen Flüchtlinge. Und sie haben Familie oder Freunde in Nordeuropa.

"Was ist besser, Schweden oder Deutschland?", fragt Amira scheu, nachdem sie in eines der großen Zelte des Zivilschutzes gebracht wurde, um dort auf ihre Identifizierung zu warten. Ratlose Blicke. "Vermutlich Schweden", murmeln die Anwesenden verlegen.

Mehrere EU-Länder werfen den Italienern vor, Migranten bewusst nicht zu registrieren, damit sie weiterziehen und in anderen Mitgliedstaaten Asyl beantragen können. Auch Amira wird nicht nach ihrem Pass gefragt, niemand bittet sie um Fingerabdrücke, wie es laut EU-Verordnung eigentlich angezeigt ist.

Gestartet war das Paar von Bengasi in Libyen. Jalal, der mehrere Jahre in dem Land beschäftigt war, hatte Amira zuvor Dokumente besorgt, mit denen sie aus Syrien ausreisen konnte. Unerträglich sei die Überfahrt gewesen, zwei Tage lang habe es kein Wasser gegeben, erzählt Amira: "Ich habe gedacht, ich sterbe." Ein Libyer und ein Tunesier hätten die Flüchtlinge die ganze Zeit in Schach gehalten, dabei geflucht und geschrien. "Aber wenigstens wurde niemand geschlagen." Auch sei die See ruhig gewesen, Allah sei Dank.

Amira zeigt ein Video, das sie während der Überfahrt nach Italien aufgenommen hat.

Unbeschreiblich das Glücksgefühl, als die italienische Marine sie aufgegriffen habe. Wie eine Familie seien die Helfer gewesen, hätten sich um sie gekümmert, ihnen Essen gegeben, ständig nach ihrem Wohlbefinden und dem ungeborenen Kind gefragt.

Amira und Jalal stammen aus Damaskus, kennengelernt haben sie sich über Facebook. Schon bald nach dem ersten Treffen heirateten sie. Jetzt ist die 19-Jährige im vierten Monat schwanger. Amira spricht gut Englisch, sie hat es in der Schule gelernt. Im Gepäck haben die beiden etwas Geld und jede Menge Mut. "Wir kommen mit allem klar", sagen sie lächelnd.

Nur wenige Tage später erreicht das Paar Schweden und versucht, mit der plötzlichen Ruhe und Sicherheit klarzukommen. Amira freut sich auf ihr Kind. Und postet auf Facebook Videos und Fotos von Angriffen syrischer Regierungstruppen auf Rebellen. Ein Bild zeigt das blasse Leichengesicht ihres Cousins Omar. Er kam bei heftigem Beschuss des Viertels Ain Tarma nahe Damaskus Ende August zu Tode. Beobachter gehen davon aus, dass chemische Waffen eingesetzt wurden.

Fregattenkapitän Pier Luca Salassa steht an einem brütend heißen Augustmorgen im Hafen von Augusta im Südosten Siziliens. Die Sonne brennt auf seine ausgeblichenen Schulterklappen, während er routiniert Zahlen zu den Menschen referiert, die im Hintergrund auf wackligen Beinen von Bord der "Sphinx" wanken. 549 waren es dieses Mal, gerettet wurden sie aus zwei Booten, 80 und 100 Seemeilen von der Insel Lampedusa entfernt.

Comandante Salassa hat zwei anstrengende Tage auf See hinter sich. Gerade haben die letzten Passagiere die Korvette "Sphinx" verlassen. Jetzt liegt sie still an der Hafenkante, 87 Meter lang, zehn Meter breit und fast 30 Jahre alt.

"Die Operation ist gut verlaufen", sagt Salassa zufrieden. Keine Toten, gute Wetterbedingungen, die Passagiere bis auf kleinere Blessuren gesund. Krankheiten sind ein großes Thema, seit die politische Rechte in Italien und anderswo in Europa die grassierende Ebola-Angst nutzt, um Ressentiments gegen Bootsflüchtlinge aus Afrika zu schüren. Auf dem Appenin herrsche ein "hygienisch-medizinischer Notstand", wird kolportiert.

"Ich habe bisher noch keine verdächtigen Fälle beobachtet", sagt Kapitän Salassa. Es gebe immer mal wieder Krätze, außerdem Fälle von Dehydrierung oder Unterkühlung, "aber das sind Dinge, die auf den langen Aufenthalt auf See zurückzuführen sind".

Wurden die Vorsichtsmaßnahmen verschärft? "Nein, aber wir führen bereits an Bord unserer Schiffe ärztliche Untersuchungen durch, bei denen die Flüchtlinge auf verschiedene Krankheiten überprüft werden." Etwa 33.000 Menschen sollen dieses "Screening auf See" laut Gesundheitsministerium seit Juni durchlaufen haben. Das Risiko, sich in Italien mit Ebola anzustecken sei minimal, sagt die zuständige Ministerin Beatrice Lorenzin. "Es ist alles unter Kontrolle", meint der Comandante. "Es kommt nichts nach Italien rein, was nicht rein soll."

Das größte Risiko würde ohnehin seine Crew tragen - und die scheint hochmotiviert zu sein. "Sie waren hilfsbereit, aufmerksam, respektvoll, wie eine Familie", berichten Bootsflüchtlinge einhellig. Dennoch muss zumindest infrage gestellt werden, ob die Personalstärke an Bord der Schiffe von "Mare Nostrum" den hehren Ansprüchen gerecht werden kann: In der Regel ist nur ein Arzt vorgesehen, der sich um Hunderte Migranten kümmern muss.

Kapitän Salassa ist freundlich und zugewandt, aber sehr bestimmt, wenn es darum geht, politisch brisante Fragen zu umschiffen. Ob die aus Afrika nach Italien schwappende Flüchtlingswelle unter dem Kommando der europäischen Grenzschutzagentur Frontex besser zu bewältigen sein wird, so wie es die EU-Innenminister planen? "Als Seemann stelle ich mir diese Frage nicht", sagt der 44-Jährige. "Ich bin stolz auf das, was wir tun, denn wir tun es mit großem Erfolg."

70.000 Menschenleben konnte die italienische Marine seit Oktober 2013 mit "Mare Nostrum" retten - ohne Frage eine Leistung. Aber es geht schon lange nicht mehr nur um Italien und dessen Schwierigkeiten, mit den beständig wachsenden Flüchtlingsströmen klarzukommen. Es geht darum, ob Europa in der Lage ist, eine Strategie zu entwickeln, die das Problem langfristig angeht. Ob es endlich von der stumpfen Abwehrreaktion zur Aktion übergeht und neue Wege in der Flüchtlingspolitik beschreitet.

Die im August vom Innenministerium veröffentlichten Zahlen zur Migration belegen: Die Flüchtlingszahlen steigen weiter. Im Juli kamen mehr als 21.000 Menschen - allein aus Libyen. Und es ist kein Ende des Trends in Sicht.

Wie eine schallende Ohrfeige war in Italien die Weigerung der EU aufgenommen worden, den Italienern finanziell und materiell unter die Arme zu greifen. Premier Matteo Renzi und sein Innenminister Angelino Alfano hatten darauf gehofft, der EU-Ratsvorsitz Italiens werde sich vorteilhaft auswirken.

Lange hat die italienische Regierung um mehr europäische Unterstützung und Engagement gekämpft, ab November soll "Mare Nostrum" nun durch die Operation "Frontex Plus" abgelöst und unter das Kommando der europäischen Grenzschutzagentur gestellt werden. Zehn Schiffe und vier Flugzeuge sollen dann im Mittelmeer patrouillieren. Doch EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström hält die Erwartungen schon jetzt klein: Sie erklärte, "Frontex Plus" werde den Umfang der "sehr ehrgeizigen italienischen Operation" wohl nicht erreichen.

Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl befürchten, dass der Kampf gegen das Sterben im Mittelmeer in Zukunft zur "Seenotrettung light" verkommt. Zwar soll die neue Mission offiziell die bisherigen Frontex-Operationen "Hermes" und "Aeneas" zusammenfassen und erweitern. "Der Einsatzradius wird aber deutlich kleiner sein, die Mittel sind zudem begrenzter", sagt Judith Gleitze vom Monitoring-Netzwerk Borderline Europe.

"Wir haben es mit einer Grenzsicherungsoperation zu tun - und die hat die Bekämpfung der illegalen Einreise zum Ziel, nicht die Rettung von Menschenleben." Gleitzes Fazit: "Die neue Frontex-Mission ist eine große Lüge im Kampf um die Rettung von Menschen. Das Sterben im Mittelmeer hat nie aufgehört, und es wird bald noch viel schlimmer werden."

Die italienische Regierung musste sich in der Vergangenheit vorwerfen lassen, dass die Marine mit ihrer Rettungsoperation die Flucht nach Italien noch attraktiver machen würde. "Die Flüchtlinge kommen so oder so. Es sterben nur weniger", so Gleitze bitter.

Die Marine sei angehalten, Erfolgsquoten zu präsentieren - und möglichst viele Schleuser festzunehmen. "Die meisten von denen, die bei fast jeder Überfahrt abgeführt werden, sind aber selbst Migranten, die sich im Tausch für eine Gratisüberfahrt oder ein kleines Zubrot als Helfershelfer engagieren lassen."

Das sieht Kapitän Salassa anders: "Nicht alle von denen sind kleine Fische." Man versuche, schon an Bord Identitäten zu klären, durch Gespräche mit den Flüchtlingen herauszukriegen, wer mit den Schmugglern zusammengearbeitet hat.

Neben der "Sphinx" haben Ermittler gerade einen kleinen Mann in zerschlissenem Jackett und zu großen Anzughosen zum Gespräch gebeten. Waren Schleuser an Bord? Der Comandante schüttelt den Kopf: "Laufende Ermittlungen, Sie verstehen."

Amars Augen sind weit aufgerissen. Seine Unterlippe zuckt, der ganze Körper bebt und flattert unter Hochspannung. Nervös nestelt er an den Trägern seines Rucksacks, schnieft unaufhörlich, als habe er Schnupfen, blinzelt, als würde er weinen.

Amar ist in Aufruhr. Seit 24 Stunden ist er in Italien, doch zum Ausruhen ist es zu früh. "Es geht mir gut, ich bin nicht krank", sagt er alarmiert auf die Frage, ob ein Arzt ihn untersucht habe. Jetzt bloß nicht in Quarantäne geraten, weiterziehen, so schnell wie möglich. "Er hat geschlafen", sagt sein neuer Freund und Mitflüchtling Mohammed. "Wir passen auf ihn auf, wir bringen ihn nach Schweden."

Amar ist 16 und allein. Er ist erschöpft von zu viel Angst, von dem Anblick der Toten in seinem Boot, von der Sorge um seine Mutter, die allein in Damaskus zurückgeblieben ist, um den Vater, der von Assad-Getreuen in Syrien verhaftet wurde. Jetzt steht er verloren in einem quadratischen Raum des Erstaufnahmelagers für Flüchtlinge im sizilianischen Pozzallo. Hinter von Hitze und heftigem Atmen beschlagenen Glasscheiben gestikulieren Migranten aus Afrika und Asien, wollen endlich durch die Schleuse gelassen werden, um in ein weiteres Zentrum und vielleicht ein neues Leben entlassen zu werden.

Am Tag zuvor ist das Küstenwachenschiff "Dattilo" mit 948 Migranten an Bord im Hafen von Pozzallo eingetroffen, 182 sind Minderjährige. Ein trauriger Rekord. Je näher der Herbst rückt, desto mehr Menschen versuchen nach Italien zu kommen, bevor heftige Stürme eine Überfahrt völlig unmöglich machen.

"Das Gummiboot, das uns gefolgt ist, ist mit mehr als 60 Leuten an Bord gekentert. Von denen hat keiner überlebt", erzählt Amars Freund Mohammed, ein Libyer mit palästinensischen Wurzeln. Schon die Zustände im Abfahrtsland Libyen seien katastrophal gewesen. "Es gab eine Toilette für tausend Leute, nichts zu essen, keine Duschen." 1500 Dinar, rund 900 Euro, hat Mohammed für den lebensgefährlichen Trip bezahlt. Der Treibstoff sei schnell alle gewesen, orientierungslos seien sie auf See getrieben, bis die italienische Marine sie aufgegriffen habe.

Amar nestelt seinen Pass aus der Hosentasche. Sehr bald wird er erfahren, dass es für jemanden, der schnellstens nach Nordeuropa weiterreisen möchte, keinesfalls von Vorteil ist, einen Ausweis zu besitzen.

Seit 2003 regelt das europäische Dublin-II-Abkommen, dass in die EU einreisende Flüchtlinge nur in dem Land Asyl beantragen dürfen, in das sie als erstes ihren Fuß setzen - in Amars Fall Italien.

Die Behörden sind deshalb angehalten, die Identität der illegal Eingereisten festzustellen. Die Eurodac-Verordnung verpflichtet sämtliche Mitgliedstaaten, unverzüglich Fingerabdrücke abzunehmen. Seit Europa sich standhaft weigert, den Italienern bei der Bewältigung der immensen Flüchtlingsströme finanziell und materiell zur Seite zu stehen, ist die Motivation, EU-Normen durchzusetzen, allerdings gesunken. Wurde früher noch massiver Druck ausgeübt, fragen die Beamten heute freundlich, ob sie die Fingerabdrücke eines Migranten nehmen dürfen. Wenn der sich weigert, lassen sie ihn weiterziehen.

Die Krux für minderjährige Alleinreisende: Wenn sie identifiziert sind, dürfen sie Italien bis zur Volljährigkeit nicht verlassen. Kinder und Jugendliche werden in eigens für sie eingerichteten Flüchtlingszentren untergebracht, wo sie oft mehr schlecht als recht auf den Alltag im Land vorbereitet werden. Sie erhalten eine Aufenthaltsgenehmigung und bekommen einen Vormund zur Seite gestellt, sollen eine Schule besuchen. Doch die Behörden scheinen mit der Unterbringung überfordert zu sein.

"Italien hat Schwierigkeiten, die Flüchtlingsströme zu bewältigen", sagt Giovanna di Benedetto von der Hilfsorganisation Save the Children. "Überall muss improvisiert werden - in den Aufnahmezentren mangelt es an passenden Strukturen, auch die öffentlichen Schulen, die Migrantenkinder aufnehmen müssen, haben Mühe, ihrem Auftrag nachzukommen." In den Erstaufnahmelagern würden "Hunderte von Kids auf Klappliegen untergebracht".

Von den 41.200 Migranten, die zwischen Januar und Mai 2014 von der italienischen Marine gerettet werden konnten, waren 6700 Minderjährige. Die meisten unbegleiteten Kinder kommen aus Eritrea und haben allein auf dem Weg nach Libyen, wo die Menschenhändler in Richtung Italien in See stechen, Unbeschreibliches erlebt.

Doch selbst, wenn sie das Ufer erreichen, heißt das nicht, dass sie gerettet sind. "Viele junge Flüchtlinge hauen einfach ab", sagt Di Benedetto. "Oft landen sie dann in der Illegalität und sind für uns nicht mehr erreichbar."

"Alle reden von dem Schleuser - als ob es einen Prototyp gäbe", sagt Emilio Cintolo und rückt seine Brille zurecht. In letzter Zeit häufen sich auf dem Schreibtisch des Anwalts aus Ragusa Fälle, in denen er Schlepper vertritt, die Flüchtlinge nach Sizilien bringen. Immer illegal, fast immer unter bestialischen Bedingungen.

"Die Schleuser von heute sind nicht dieselben wie die vor drei Jahren", erklärt Cintolo. Anfang 2011 seien es vor allem Fischer gewesen, die sich für den Menschentransport anheuern ließen. Damals wurden die Flüchtlinge - vor allem Tunesier und Libyer - noch direkt an die italienische Küste gebracht, wo sie von Komplizen der Schleuser erwartet wurden. Wenn ihre Boote nicht sanken.

Später ging man vor allem in Ägypten dazu über, Hunderte von Migranten in ein großes Mutterschiff zu verfrachten und sie dann vor den italienischen Hoheitsgewässern in kleinen Rettungsbooten sich selbst zu überlassen. Frei nach dem Motto: "Viel Spaß, dahinten ist Lampedusa."

Seit Herbst 2013 sind es vor allem Schleppkähne, auf denen die Flüchtlinge aus Libyen oder Ägypten unter Motor unterwegs sind. Manche werden schon nach zehn Stunden im Rahmen der Rettungsoperation "Mare Nostrum" von der italienischen Marine aufgegriffen - und genau darauf verlassen sich die Schleuser auch.

"An Bord vollzieht sich das Drama im Drama", betont Cintolo. "Denn das Schiff wird in der Regel nicht von Menschenhändlern gelenkt, sondern von Flüchtlingen, die kein Geld für eine Überfahrt haben. Sie werden zu Komplizen - für ein Ticket." Es sei besorgniserregend, dass beim Strafmaß oft kein Unterschied gemacht werde zwischen Handlangern und organisierten Kriminellen, die bisweilen nicht davor zurückschreckten, bei Auseinandersetzungen auf See ein Schiff samt Passagieren einfach zu versenken.

Die Scafisti riskieren langjährige Haftstrafen, vor allem, wenn es während der Überfahrt Tote gab. Allein die Begünstigung der illegalen Einreise von mehr als fünf Personen kann mit Haftstrafen von 5 bis 15 Jahren und Geldstrafen von 15.000 Euro pro Flüchtling geahndet werden. Bei nachgewiesenem Handeln aus Profitgier erhöhen sich diese Strafen noch.

Wenn der Angeklagte geständig ist, mit den Behörden kooperiert und nachweislich nicht Teil einer kriminellen Vereinigung ist, kann die Strafe wesentlich geringer ausfallen.

Bis vor Kurzem profitierten die Schleuser von einer in Italien heftig umstrittenen Notverordnung, die im Juni erlassen worden war, um die völlig überfüllten Gefängnisse zu entlasten: Jeder, der voraussichtlich eine Strafe bis zu drei Jahren zu verbüßen hatte, wurde nicht mehr in Untersuchungshaft genommen. Die Folge: Viele Schleuser verschwanden einfach und entzogen sich der Justiz.

"Was für eine Botschaft an die Verbrecherbanden!", schimpft Cintolo. "Es war eine Einladung an die Schlepper, immer mehr Leute ins Land zu bringen." Bereits im August wurde das Dekret vom Parlament in wichtigen Teilen wieder geändert und ist jetzt restriktiver.

Der Ägypter Jalal soll länger als drei Jahre hinter Gitter. Er kam am 24. Mai 2014 auf einem Flüchtlingsboot mit 429 Syrern und Ägyptern an Bord nach Sizilien. Zeugen bestätigten seine Aussage, er habe als Mechaniker auf dem Boot gearbeitet. Laut Gerichtsdokumenten sagte Jalal:

"Ich bin für die Reise nicht bezahlt worden. Weil ich arm bin und zwei Kinder ernähren muss, wollte ich nach Italien, um meine Situation zu verbessern. Ich habe vor der Abfahrt eine kleine Summe bezahlt, 2000 ägyptische Pfund (rund 215 Euro), den Rest wollte ich bezahlen, sobald wir in Italien ankommen. Der Kapitän und ich sind zusammen auf das Schiff gegangen, ich kannte ihn schon vorher. Mein Einsatz als Mechaniker hat sich an Bord ergeben. (…) Ich glaube, ich war Mitglied der Besatzung. Wir waren nur zwei Besatzungsmitglieder. Wir kannten den Besitzer des Bootes, Ridha Imida. Wir sind aus Ägypten losgefahren, von Rosetta, die Überfahrt hat fünf Tage gedauert."

Cintolo berichtet, Jalal sei im letzten Moment spontan als Hilfskraft an Bord geholt worden. "Das ist der Kommandant, du bist der Assistent, du machst, was er will", habe ihm ein Ägypter gesagt. Seinem Mandanten sei nicht bewusst gewesen, dass er im Begriff war, eine Straftat zu begehen. Noch im Gefängnis sei er fassungslos über seine Festnahme gewesen. Dennoch habe der Staatsanwalt eine Strafe über drei Jahre angesetzt - der Ägypter kam in Untersuchungshaft. "Jetzt sitzt seine MS-kranke Frau mit den Kindern allein in Ägypten, obwohl er doch weder organisiert noch aus Profitgier gehandelt hat", so der Anwalt.

Natürlich gibt es Schlepper, Scafisti, die professionell schleusen, mehrfach Transporte leiten und sich bezahlen lassen. Aber auch sie verdienen nur einen Bruchteil dessen, was die Strippenzieher einnehmen. Die Preise für eine Überfahrt liegen zwischen mehreren Hundert und mehreren Tausend Euro. Da kommen schnell Hunderttausende pro Schiff zusammen. Der Lohn für die professionellen Schleuser liegt bei geschätzt ein paar Tausend Euro - die Summen variieren je nach Abfahrtsland und Organisation.

Seit dem Start von "Mare Nostrum" im Oktober 2013 wurden mehr als 450 Schmuggler festgenommen - und es ist das erklärte Ziel der anstehenden EU-Operation "Frontex Plus", diese Zahl zu erhöhen.

Den Hintermännern beikommen zu wollen, ist allerdings ein nahezu hoffnungsloses Unterfangen. Zwar gingen der Polizei schon Kapitäne von Mutterschiffen ins Netz, wurden Komplizen in Italien festgenommen. Es gibt aber so gut wie keine Zusammenarbeit zwischen italienischen Ermittlern und den Behörden in Libyen oder Ägypten. Die Verschwiegenheit ist groß, die Strukturen der Schlepperbanden intransparent, die Situation etwa in Libyen vollkommen unübersichtlich.

Mehr als 30 Schleuserverfahren hat Cintolo als Anwalt begleitet. Heute sagt er: "Wir müssen unsere Haltung zur Migration radikal überdenken. So lange wir Mauern und Zäune hochziehen, werden die Menschen weiter sterben. Die EU-Staaten müssen mehr Verantwortung übernehmen." Was konkret passieren soll? "Wir brauchen humanitäre Korridore, die Möglichkeit, in den Herkunftsländern Asyl beantragen zu können, mit der Garantie, dass die Anfragen eingehend geprüft werden."

Und dann denkt der stille, besonnene Anwalt etwas Ungeheuerliches: "Was wäre denn, wenn wir sie einfach alle nach Europa hineinließen, ohne Visum?"

Die ehemalige Schule "Prinz von Neapel" im sizilianischen Augusta ist alles andere als feudal. Der Putz blättert ab, die Fußböden sind speckig, und bei bis zu zwölf Klappliegen in einem Raum wird es eng, wenn alle Jungs da sind. Hoch oben, knapp unter der Decke des Eingangssaals, hat jemand einen alten Fernseher deponiert. Wer etwas sehen will, verrenkt sich den Hals und braucht gute Augen.

Das Erstaufnahmezentrum soll Herberge für die ersten zehn bis 15 Tage in Italien sein. Eigentlich sollen die hier ankommenden allein reisenden Minderjährigen danach auf Einrichtungen im ganzen Land verteilt werden. Doch es gibt Kids, die seit Monaten hier sind - und in einem permanenten Provisorium leben. So wie der 17-jährige Yacouba von der Elfenbeinküste.

Yacouba sitzt auf seinem Klappbett, ein ruhiger, tadellos gekleideter junger Mann, in der Hand eine französische Ausgabe von "Der kleine Prinz". Seine Geschichte klingt wie eine aus fernen Zeiten - und es ist keine schöne.

"Ich hatte niemanden mehr in Abidjan. Mein Vater ist gestorben, meine Mutter auch. Mit acht kam ich zu meinem Onkel, der hatte drei Frauen. Die sagten, ich würde ihren eigenen Kindern den Platz wegnehmen. Mein Onkel hat den ganzen Tag gearbeitet, er war kaum da. Wenn er kam, brachte er mir manchmal etwas zu essen. Als mein Onkel 2009 starb, war ich obdachlos. Dann habe ich eine Ausbildung angefangen zum Schweißer, ich durfte bei meinem Lehrherrn wohnen. Als ich 13 war, hatte er einen Unfall und gab sein Geschäft auf. Ich konnte nicht bleiben, er hatte schon 20 Münder zu stopfen."

2013 ging Yacouba nach Burkina Faso, arbeitete ein bisschen, zog weiter in den Niger, landete schließlich in Libyen.

"Libyen war so chaotisch, dort sind viele schreckliche Dinge passiert. Zwei meiner Freunde wurden umgebracht, keiner weiß von wem. Einmal wurden wir mitten in der Nacht von Leuten mit Kalaschnikows und Pistolen in unserer Unterkunft überfallen. Sie haben uns alles weggenommen. Danach erzählte mir ein Mann, er wolle nach Italien fliehen. 'Die Überfahrt ist gefährlich, deine Überlebenschancen stehen bei zehn Prozent', hat er gesagt. Mir war das egal."

"Alles ist besser als Libyen", bestätigt der 18-jährige Bakary aus Gambia. "Die Libyer hassen uns Schwarze, ihre Kinder erschießen uns auf der Straße - einfach aus Spaß am Töten." Allein im Juli kamen 21.127 Menschen aus dem nordafrikanischen Staat übers Meer nach Italien. Bakary, ein schlaksiger junger Mann, war einer von ihnen.

Bakary verließ Gambia, weil ihm dort laut seiner Erzählung der Tod drohte. Seinem Vater wurde demnach vorgeworfen, einen Putsch gegen den Präsidenten geplant zu haben. Neun Monate lebte Bakary in Libyen, arbeitete für 15 Dinar, neun Euro, am Tag. Wurde dann, wie er sagt, aus unerfindlichen Gründen verhaftet und mit vielen anderen Schwarzafrikanern in ein Gefängnis gesteckt. "Wir waren 50 Leute in einer winzigen Zelle mit Lehmboden, einer Toilette für alle, es war unfassbar dreckig." Der Weg nach draußen? "Gib mir 500 Dinar, dann lass ich dich frei, andernfalls wirst du hier verrotten", hätte der Wärter gesagt. Freunde beschafften Bakary die umgerechnet etwa 314 Euro, er kam frei und machte sich auf nach Italien.

Allein im laufenden Jahr seien mehr als 11.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ins Land gekommen, berichtet der Verband der italienischen Kommunen (Anci). Die Gemeinden haben massive Probleme mit Unterbringung und Betreuung der Jugendlichen. Jetzt wurde eine Koordinationsstelle im Innenministerium gegründet, langfristig soll die Regierung in Rom die Erstunterbringung organisieren und finanzieren.

Auf den Korridoren der alten Schule in Augusta herrscht Langeweile. Einige Flüchtlinge liegen auf ihren Betten, lesen Comics, blättern in Italienisch-Lehrbüchern. Der Rest hängt einfach rum.

Enzo Amato von der Gemeinde Augusta führt durch das Haus, ein serviler, freundlicher 49-Jähriger, der sich bemüht, seinen Überdruss zu verbergen. "Sie skypen oder chatten mit ihren Angehörigen", sagt er. "Manchmal veranstalten sie Fußballturniere. Oder sie bauen sich draußen Schlaflager, spielen mit Wasser, das macht ja jeder gern bei der Hitze." Wie sieht es aus mit Sprachkursen und Unterricht? "Ja, das gibt es auch", sagt Amato.

Seit April leben in dem Zentrum 110 junge Männer, die meisten zwischen 15 und 17 Jahren alt, einige aber auch erst zwölf. Etwa die Hälfte von ihnen kommt aus Ägypten, die anderen aus Gambia, Mali, der Elfenbeinküste und Eritrea.

Als wir die alte Schule besuchen, haben freiwillige Helfer gerade ein Fest organisiert. Sie tanzen mit den Migranten, führen Sketche auf, spielen Gitarre und singen. Der triste Innenhof wirkt plötzlich etwas bunter, alle sind froh, Ablenkung zu haben.

Es gibt einen Arzt, der morgens kommt, eine Mitarbeiterin für Interkulturelles, die engagierten Helfer von "Emergency". Dennoch wirken die Jugendlichen verloren. Wer fängt sie auf, redet mit ihnen über die Leichen in ihrem Boot, die Vergewaltigungen, das Leid, das sie gesehen haben? Oder ist es zu früh, überhaupt darüber zu sprechen?

"Die Leute hier sind sehr freundlich, das hilft mir zu vergessen", sagt Yacouba. Etwa das Schiff, das beidrehte, als die sterbenden Flüchtlinge in seinem Boot SOS funkten. Oder den Helikopter, der einige Runden drehte und dann wieder wegflog.

Bakary ist jetzt volljährig und wohnt nicht mehr im Flüchtlingszentrum. Er hat einen Vormund, der ihm beisteht, sein Zimmer bezahlt und ihm mit Geld und Klamotten aushilft, solange er auf seine Papiere wartet. Der Gambier hat italienische Freunde, die ihn unterstützen. "Sie haben mich gerettet", sagt er. "Ich habe ein gutes Leben, ich bleibe hier. Und wenn ich Arbeit habe, hole ich meine Mutter nach."

Es riecht nicht so schlimm wie es aussieht. Faulig-süßlich, ein wenig nach Kalk. Aber an der Art, wie Demba nervös zur Seite springt, wenn sich im Gras etwas bewegt, wird klar: Es gibt hier Ratten - und anderes Getier. Neulich habe er in der Nähe eine halbverweste Kuh gefunden, erzählt ein syrischer Flüchtling. Aufgebläht, stinkend habe sie dagelegen - eine Viper hatte sie gebissen. Für die Entsorgung fühlt sich niemand zuständig.

Demba kommt aus dem westafrikanischen Gambia und sieht dem jungen Samuel L. Jackson verwirrend ähnlich. Wie so viele seiner Landsleute kam er über das Meer nach Sizilien. Jemand fragte ihn nach seinen Fingerabdrücken, wie es ein EU-Gesetz vorschreibt, und er gab sie. Damit war er registriert und konnte nur noch in Italien Asyl beantragen.

Eine Weile lebte er in einem Flüchtlingsheim. Irgendwann habe er da nicht mehr bleiben können, sagt er. Jetzt lebt er keine zehn Meter vom Flüchtlingszentrum Umberto I in Siracusa entfernt. Mitten im Müll, mit drei Landsleuten, in einer Betonruine mit drei Wänden. Rings um das Gebäude türmen sich stinkende Abfälle, bis zum Horizont, wo das Mittelmeer indigoblau ist.

Nur neun Prozent der Gambier sind Christen. Demba ist einer von ihnen. "Ich werde meine Papiere bekommen, ich weiß das. Gott wird mir helfen", sagt er. "Von wegen, wir sind aufgeschmissen", entgegnet sein wütender Mitbewohner Yaya, ein junger, muskulöser Mann mit Rastalocken. Seit Ewigkeiten würden sie auf ihre Aufenthaltspapiere warten, immer wieder bei den Behörden nachfragen, aber die Sache zieht sich ins Unendliche. "Ich bin doch kein Tier, aber ich lebe wie eins", sagt er und zeigt auf die schmutzigen Laken im Gemeinschaftsbett.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, im Aufnahmezentrum Umberto I, ist die Situation angespannt. Zu viele Flüchtlinge drängen sich hier auf zu wenig Raum, es kommt zu Prügeleien, Aggressionen, das Polizeiaufgebot ist groß. Weil Flüchtlinge ein Politikum sind und die Verantwortlichen der schlechten Presse überdrüssig, sind Journalisten nicht gern gesehen. Als wir einen Blick auf das Flüchtlingsheim werfen wollen, werden wir sofort von einer Gruppe Polizisten hinauskomplimentiert. "Ich habe die Nase so voll", schreit eine aufgebrachte Angestellte. "Ich lasse hier niemanden mehr rein, basta."

"Alles Gequatsche", sagt ein Mann mit grauem Stoppelbart und schaut grimmig auf das Szenario. "Nichts haben sie im Griff hier, die Regierung versagt, die Kirche genauso." Es stellt sich heraus: Der Mann ist Besitzer des Hauses, das an die Migrantenruine grenzt. Seit Monaten sieht er die Flüchtlinge kommen und gehen, er erträgt den Gestank, den Müll und die Unruhe. Und er sagt: "Ich habe überhaupt nichts gegen die Afrikaner, die Ärmsten, die können doch nichts dafür. Aber das niemand eine Lösung sucht, das macht mich fertig."

Warum keiner den Abfall wegräumt? Schulterzucken. Nachforschungen ergeben: Das verwüstete Terrain gehört der katholischen Kirche, genauer gesagt der Kongregation der Söhne der unbefleckten Empfängnis. Die unterhält das Familienhaus Padre Luigi Monti in Siracusa, das sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmert. Der Leiter des Hauses empfängt freundlich lächelnd.

Ja, er mache sich große Sorgen, sagt Padre Antonio seufzend. Es sei gefährlich, dort zu leben, die Schlangen, der Müll und dann das marode Gebäude, das könnte ja einstürzen. Immer wieder hätten sie versucht, das Problem in den Griff zu kriegen, aber es seien immer mehr Flüchtlinge gekommen.

Was die Kirche denn gedenke zu unternehmen? "Wir haben Pläne für das Grundstück - im Kopf und auf dem Papier. Aber es gibt leider kein Geld." Wo doch Papst Franziskus sich so wärmstens für die Lampedusa-Flüchtlinge eingesetzt hat? "Nun, der Papst kann nicht überall sein", sagt Padre Antonio nachsichtig. Und die Gemeinde habe ihm schließlich gesagt: "Lass die Flüchtlinge ruhig alle da."

Das Geschäft mit den Migranten ist ein gutes. 30 Euro zahlt der italienische Staat pro Tag und Flüchtling an Privatleute und Unternehmer, die Häuser, Wohnungen oder Hotels für die Unterbringung zur Verfügung stellen. Hinzu kommen 2,50 Euro Taschengeld plus 6,60 Euro Mehrwertsteuer - knapp 1200 Euro im Monat also. Dafür müssen die Vermieter den Flüchtlingen dreimal am Tag Essen, Bettwäsche, Kleider und Beistand bieten, etwa bei Problemen mit Behörden.

Wer die Anforderungen gewissenhaft erfüllt, wird durch den Service nicht reich. Wer trickst, kann sich ein hübsches Vermögen zusammenschummeln: Da werden baufällige Hütten oder heruntergekommene Pensionen plötzlich zu Migrantenhotels, in denen Dutzende Flüchtlinge auf Klappliegen in winzige Zimmer gezwängt werden. Lebensmittel und Klamotten besorgen die Hausherren kostengünstig oder gratis bei karitativen Einrichtungen, auf den Tisch kommen viel Reis, wenig Fleisch und etwas Milch. Damit können die Vermieter allein die Essenskosten auf ein bis zwei Euro pro Tag und Person drücken.

Kontrolliert werden die Anbieter offenbar kaum, die Flüchtlinge selbst beschweren sich so gut wie nie bei den Behörden. So wurden im sizilianischen Ragusa knapp hundert afrikanische Flüchtlinge in einem heruntergekommenen Nachtklub namens Tropicana untergebracht. Die ehemalige Disco steht am äußersten Rand eines tristen Industriegebietes, hat keine ausreichenden Sanitäranlagen und kann - wenn überhaupt - maximal 30 Menschen beherbergen. "Wir haben diesen Ort aus einer absoluten Notsituation heraus gewählt", beteuerte der örtliche Präfekt Annunziato Vardè. Es habe einfach keine anderen Unterkünfte gegeben.

Süffisante Fußnote: Betreiber des Übergangszentrums war der Tourismusunternehmer Giovanni Occhipinti, stellvertretender Vorsitzender der Berlusconi-Partei Forza Italia in Sizilien. Er hatte erst kurz zuvor die Flüchtlingsrettungsoperation "Mare Nostrum" aufs schärfste kritisiert. Im Juli zwang ihn der öffentliche Protest, die Pforten der "Migrantendisco" zu schließen.

Die politische Rechte in Italien profitiert von den Flüchtlingsströmen. So heizt vor allem die traditionell ausländerfeindliche Lega Nord mit alarmistischen Parolen den Rassismus im Land an. Aber auch Polit-Clown Beppe Grillo von der inhaltlich sehr heterogenen Anti-Euro-Protestpartei Fünf-Sterne-Bewegung reiht sich ein in die Scharfmacher. Er warnte auf seinem Blog unter dem Hashtag #tbcnograzie (#TBCneindanke) vor Krätze, Tuberkulose oder Ebola, die von Flüchtlingen ins Land gebracht würden.

In Italien weiß man: Spätestens, wenn die Mafia bestimmte Geschäftszweige neu für sich entdeckt, ist es lukrativ. Ein Parteifreund von Grillo, der Mafia-Experte und Senator Mario Giarrusso, erklärte: "Uns erreichen besorgniserregende und schwerwiegende Berichte darüber, dass sich die Mafia für die Aufnahmezentren interessiert."

Die Präfekturen würden Firmen mit der Bereitstellung von Unterkünften beauftragen, die erst einen Tag zuvor gegründet worden seien - von Leuten, die der Mafia nahestehen. Solche Zentren würden in der Provinz des flüchtigen Superbosses Matteo Messina Denaro "wie Pilze aus dem Boden schießen". Es gebe keine Kontrollen, niemand frage nach Anti-Mafia-Zertifikaten, das Innenministerium unter Angelino Alfano versage auf ganzer Linie, warnte Giarrusso im Sender ClassTv.

Auch die katholische Kirche macht in Zeiten anschwellender Flüchtlingsströme keineswegs nur mit Wohltaten von sich reden: Ausgerechnet der Leiter der Caritas von Trapani sieht sich mit heftigen Vorwürfen konfrontiert: Don Sergio Librizzi soll Flüchtlingen Hilfe bei der Beschaffung von Aufenthaltspapieren angeboten haben - allerdings nur gegen Sex. Der Geistliche war jahrelang Mitglied der Kommission für die Anerkennung politischer Flüchtlinge. Viele junge Männer, die in Trapani Asyl beantragen wollten, wandten sich vertrauensvoll an ihn.

Nachdem erste Verdachtsmomente aufgekommen waren, installierte die Polizei 2009 in seinem Auto Abhörwanzen. Und förderte Unsägliches zutage: "Ich bin ein wichtiger Mann", sagte der Priester demnach zu einem Opfer. "Ich kann dafür sorgen, dass du alles ganz einfach bekommst - oder dafür, dass alles noch schwieriger wird", so die Drohung. "Aber du, was gibst du mir?", fragte der Priester. "Weißt du denn nicht, was ich will?"

Laut Anklageschrift soll Librizzi sogar in Anwesenheit eines Übersetzers einen Tunesier im Gespräch betatscht und bedrängt haben. Mächtig sei der Don gewesen, schreibt das Internetportal "Tp24". "Alle haben von seinem Laster gewusst, aber niemand hat etwas gesagt." Die wenigen, die sein Fehlverhalten nicht tolerieren wollten, "wurden eingeschüchtert und bedroht", so der zuständige Ermittlungsrichter. Protektion habe es "von ganz oben" gegeben.

Erst Ende Juni wurde Librizzi festgenommen und wegen Amtsmissbrauchs und sexueller Nötigung angeklagt. Mindestens acht Fälle sexuellen Missbrauchs soll es in den vergangenen sechs Monaten gegeben haben, der Angeklagte ist laut italienischen Zeitungen geständig. Bei einer Durchsuchung des Pfarrhauses und der Kirche der Gemeinde San Pietro in Trapani fand die Polizei außerdem 10.000 Euro in bar, die in den Büchern nicht verzeichnet waren. Auch in dieser Sache wird ermittelt.

Librizzi blieb nicht lange in Untersuchungshaft - man entließ ihn mit elektronischer Fessel in den Hausarrest. Die Kirche in Trapani entband ihren Caritas-Mann von sämtlichen Ämtern und ließ wissen, man empfinde "Schmerz und Bitterkeit" anlässlich der Festnahme. Librizzi selbst sagte: "Mein Leben ist zu Ende."


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Texte: Annette Langer
Fotos: Giulio Magnifico
Grafiken: Christina Elmer und Guido Grigat
Videos: Sara Maria Manzo
Layout und Programmierung: Hanz Sayami und Guido Grigat
Koordination: Jule Lutteroth

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