Asylbewerber in Italien Gestrandet

An der Südgrenze Europas spielt sich ein tödliches Drama ab: Tag für Tag versuchen Flüchtlinge, in überfüllten Booten nach Europa zu gelangen. Was treibt die Menschen, wer sind die Schleuser, wer profitiert von dem Elend? Antworten liefert diese Multimedia-Reportage aus Sizilien.

Von und Giulio Magnifico (Fotos)


Ankunft


Die Sphinx ist eine alte Lady. Fast lautlos, wie nebenbei, schleicht sie sich von Südost in den Hafen von Augusta. 30 Jahre ist die Korvette alt, gepflegt, aber betagt wie so viele Schiffe in der italienischen Marine. Die "Fracht" an Bord trägt schwer, in vielerlei Hinsicht: Mit 549 Personen ist sie hoffnungslos überladen - aber das spielt in Zeiten wie diesen, wo innerhalb weniger Tage etwa genauso viele Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken, keine Rolle.

Seit Oktober 2013 versucht Italien, mit der Rettungsoperation "Mare Nostrum" dem Sterben im Mittelmeer ein Ende zu bereiten. Mehr als 70.000 Menschenleben konnte sie bisher retten - doch es mangelt an Unterstützung von Seiten der EU und Strategien, wie dem Problem nachhaltig begegnet werden kann. Denn es kommen immer mehr. Allein die Hälfte der syrischen Bevölkerung hat die Heimat verlassen, weil leben dort unmöglich geworden ist.

Langfristig soll "Mare Nostrum" abgelöst werden - von der Operation "Frontex Plus" unter Leitung der EU-Grenzschutzagentur. Anfang Oktober wollen sich die EU-Innenminister auf konkrete Schritte einigen. Für Italien hätte das womöglich den Vorteil, dass es nicht mehr allein auf den monatlichen Kosten von etwa neun Millionen Euro sitzen bleibt. Aber mit den beständig ins Land strömenden Menschen muss es weiter selbst klarkommen - und das gelingt bisher nur mäßig.

Schweigend stehen sie an Deck, Männer, Frauen und Kinder aus Syrien und Afrika, Bangladesch und Pakistan. Hochkonzentriert beobachten sie, was an Land geschieht, wo Carabinieri und Zivilschutz, Ärzte, Flüchtlingshelfer, Kinderschützer und Menschenrechtler in Stellung gehen.

Gesichter der Flucht

Zukunft ungewiss: Mit 549 Flüchtlingen an Bord trifft das Marineschiff "Sphinx" im August im Hafen von Augusta in Sizilien ein. Die Mehrzahl der Migranten stammt aus Syrien, Afrika, Bangladesch und Pakistan.

Viele Frauen und Kinder haben die Reise von Libyen nach Italien unternommen. Sie müssen nach den Strapazen der Überfahrt erst einmal zu sich kommen.

Dennoch können einige schon wieder lächeln – die Erleichterung, es lebend an die Küste Siziliens geschafft zu haben, ist riesig.

Einige Kinder haben sich durch die intensive Sonnenstrahlung Verbrennungen zugezogen und sind dehydriert. Dennoch ist Kapitän Pier Luca Salassa von der italienischen Marine froh: "Die Rettungsoperation ist gut verlaufen." Alle haben überlebt, das Wetter war gnädig, die Passagiere sind bis auf kleinere Blessuren gesund.

Eine Frau aus Syrien wartet mit ihrem erschöpften Sohn im Arm in einem Zelt des Zivilschutzes auf ihre Identifizierung. Eigentlich müssten sich laut EU-Vorschrift alle ankommenden Flüchtlinge entweder ausweisen oder Fingerabdrücke geben. Doch diese Praxis wird in Italien lax gehandhabt. "Sie winken die Flüchtlinge einfach durch", beschweren sich die Länder Nordeuropas.

Die Kinder im Auffanglager sind wie Kinder überall auf der Welt. Neugierig ...

... ein bisschen kratzbürstig ...

... versonnen ...

... und lausbübisch.

Dieses Mädchen aus Syrien hat sich extra hübsch gemacht für ihre Reise in ein neues Leben.

Diese beiden Jungs spielen und machen Faxen.

Während viele Syrer Verwandte oder Bekannte in Europa haben, die ihnen beim Neustart helfen, gibt es Flüchtlinge aus anderen Ländern, die noch nicht einmal wissen, wo sie eigentlich hinwollen.

Viele Migranten aus Afrika haben kaum Geld bei sich und werden deshalb schon auf der Flucht schlechter behandelt. Es gab Fälle, in denen sie von Schleusern aus Platzmangel unter Deck zusammengepfercht wurden und dort erstickten.

Seit Oktober 2013 konnte die Marine-Operation "Mare nostrum" 70.000 Flüchtlinge retten. Die Rettung kostet Italien jeden Monat neun Millionen Euro. Ab November soll mit "Frontex Plus" die EU-Grenzschutzagentur übernehmen. Ob es dadurch besser wird? Unwahrscheinlich, denn die Zahl der Flüchtlinge steigt und steigt.

Allein im laufenden Jahr kamen mehr als 100.000 – die politische Rechte in Italien hat bereits den "sanitären Notstand" ausgerufen und hetzt gegen Ausländer, weil diese angeblich Krätze, Tuberkulose und Ebola ins Land bringen. Nicht wenige der von Arbeitslosigkeit und Finanzkrise gebeutelten Italiener springen darauf an.

Die Passagiere der "Sphinx" berichten, die Marine hätte sich nach der Rettung aus dem Meer sehr gut um sie gekümmert.

Nach der Ankunft die Aufregung: Werden wir unser Ziel erreichen?

Auf den Schiffen finden sich immer wieder auch unbegleitete Minderjährige, die ausgerüstet mit einer Telefonnummer an Land kommen und verschwinden, bevor die Behörden sie registrieren können.

Flüchtlinge auf der "Sphinx" im Hafen von Augusta: "Was ist besser – Schweden oder Deutschland?"

Dieses kleine Mädchen wurde von der italienischen Marine gerettet. Vielen war das nicht vergönnt. Zwischen den Jahren 2000 und 2013 sollen mehr als 6400 Menschen bei dem Versuch gestorben sein, Lampedusa zu erreichen.

Unter den Flüchtlingen sieht man grimmige und fast wütende Gesichter, neugierige und skeptische. Aber kaum verzagte. Kinder mit Sonnenhüten winken scheu, ein Mann presst einen sonnenverbrannten Säugling an seine Brust. Die grünblauen Augen einer Syrerin in Hidschab und Abaya wandern nervös hin und her.

Inmitten der sehr ernsten Menge sitzt Amira und strahlt mit der unerbittlichen Sonne um die Wette. Sie lächelt, während ihr gleichzeitig Tränen über die Wangen laufen. Mit einer Handbewegung deutet die 19-Jährige an, schwanger zu sein. Da lacht auch ihr Mann Jalal, der neben ihr sitzt.

An Land angekommen telefoniert Amira mit ihrer Mutter, die gerade an einem Checkpoint der syrischen Regierungstruppen festsitzt und nicht frei reden kann.

Giulio Magnifico/ SPIEGEL ONLINE

"Die Syrer sind spätestens heute Abend weg", sagt ein italienischer Zivilschützer und schnalzt mit der Zunge. Die meisten der Neuankömmlinge wissen: In Italien ist die Arbeitslosenquote hoch, es gibt weder Jobs noch Zukunft, deshalb suchen sie ihr Glück weiter nördlich. Viele Syrer haben mehr Geld als etwa die afrikanischen Flüchtlinge. Und sie haben Familie oder Freunde in Nordeuropa.

"Was ist besser, Schweden oder Deutschland?", fragt Amira scheu, nachdem sie in eines der großen Zelte des Zivilschutzes gebracht wurde, um dort auf ihre Identifizierung zu warten. Ratlose Blicke. "Vermutlich Schweden", murmeln die Anwesenden verlegen.

Mehrere EU-Länder werfen den Italienern vor, Migranten bewusst nicht zu registrieren, damit sie weiterziehen und in anderen Mitgliedstaaten Asyl beantragen können. Auch Amira wird nicht nach ihrem Pass gefragt, niemand bittet sie um Fingerabdrücke, wie es laut EU-Verordnung eigentlich angezeigt ist.

Gestartet war das Paar von Bengasi in Libyen. Jalal, der mehrere Jahre in dem Land beschäftigt war, hatte Amira zuvor Dokumente besorgt, mit denen sie aus Syrien ausreisen konnte. Unerträglich sei die Überfahrt gewesen, zwei Tage lang habe es kein Wasser gegeben, erzählt Amira: "Ich habe gedacht, ich sterbe." Ein Libyer und ein Tunesier hätten die Flüchtlinge die ganze Zeit in Schach gehalten, dabei geflucht und geschrien. "Aber wenigstens wurde niemand geschlagen." Auch sei die See ruhig gewesen, Allah sei Dank.

Amira zeigt ein Video, das sie während der Überfahrt nach Italien aufgenommen hat.

Giulio Magnifico/ SPIEGEL ONLINE

Unbeschreiblich das Glücksgefühl, als die italienische Marine sie aufgegriffen habe. Wie eine Familie seien die Helfer gewesen, hätten sich um sie gekümmert, ihnen Essen gegeben, ständig nach ihrem Wohlbefinden und dem ungeborenen Kind gefragt.

Amira und Jalal stammen aus Damaskus, kennengelernt haben sie sich über Facebook. Schon bald nach dem ersten Treffen heirateten sie. Jetzt ist die 19-Jährige im vierten Monat schwanger. Amira spricht gut Englisch, sie hat es in der Schule gelernt. Im Gepäck haben die beiden etwas Geld und jede Menge Mut. "Wir kommen mit allem klar", sagen sie lächelnd.

Nur wenige Tage später erreicht das Paar Schweden und versucht, mit der plötzlichen Ruhe und Sicherheit klarzukommen. Amira freut sich auf ihr Kind. Und postet auf Facebook Videos und Fotos von Angriffen syrischer Regierungstruppen auf Rebellen. Ein Bild zeigt das blasse Leichengesicht ihres Cousins Omar. Er kam bei heftigem Beschuss des Viertels Ain Tarma nahe Damaskus Ende August zu Tode. Beobachter gehen davon aus, dass chemische Waffen eingesetzt wurden.

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