Mutmaßlicher Sozialbetrug Die merkwürdigen Bewohner der "Drachenburg"

Ein schäbiger Wohnkomplex in Landshut: Viele Rumänen sollen dort nur zum Schein gemeldet sein. Mitarbeiter der Stadt vermuten Sozialbetrug in großem Stil.

Landshuter Apartmentkomplex "Drachenburg"
Wochenblatt/Schmid

Landshuter Apartmentkomplex "Drachenburg"

Von und , München


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Die Adresse gilt schon lange als ein Schandfleck in Landshut: Luitpoldstraße 32. Dort steht der besonders heruntergekommene Teil eines Apartmentkomplexes, der in der niederbayerischen Stadt als "Drachenburg" bekannt ist.

Die Anlage ist ein Sanierungsfall, trotzdem ist in den vergangenen Jahren wenig passiert. Das Gebäude in der Nähe vom Rathaus II gammelt vor sich hin. Herausgebrochene Balkontüren sind notdürftig mit Spanplatten zugenagelt, mehrere Wohnungen der "Drachenburg" gelten als nicht mehr bewohnbar.

Jetzt ist die "Drachenburg" wieder ins Gerede gekommen, auch die Stadtverwaltung ist alarmiert: Es geht um mutmaßlichen Sozialbetrug, offenbar im großen Stil. Und es geht um die Frage, wie leicht Behörden mit ein paar billigen Tricks um viel Geld geprellt werden können.

Zunehmende Verwahrlosung

Der Verdacht von Mitarbeitern der Stadt Landshut: Seit geraumer Zeit sollen sich Rumänen in der "Drachenburg" fingierte Wohnadressen verschafft haben, um Hartz-IV-Leistungen zu beziehen - obwohl sie in Wirklichkeit gar nicht in Deutschland leben, sondern in Rumänien.

Auf die Briefkästen in der Luitpoldstraße sollen sie ihre Namensschilder geklebt haben, damit auch die Post der deutschen Behörden zugestellt werden kann. Das Landshuter "Wochenblatt" berichtete zuerst über den Fall und eine Sitzung des Quartierbeirats des Landshuter Stadtteils Nikola.

Die zunehmende Verwahrlosung der "Drachenburg" würde im Viertel große Sorgen und Probleme bereiten, heißt es in dem Protokoll des Beirates vom 16. März. In dem Schreiben ist von einem "perfekt organisierten System" die Rede: "Mit regelmäßig verkehrenden Bussen werden die Bewohner aus Rumänien hergebracht, um Job-Center-Leistungen in Anspruch zu nehmen und dann anschließend mit dem Geld wieder nach Rumänien zurückzufahren". Es muss Mitte März eine gewisse Verzweiflung in der Runde geherrscht haben: Es sei ein Problem, "dass unser Sozialsystem für derartige Machenschaften nicht vorbereitet ist", heißt es im Protokoll.

"Großteils sind für die kleinen Wohneinheiten mehrere Personen gemeldet", heißt es in dem Protokoll. Miete werde an eine Art Zwischenmieter gezahlt, rumänische "Security" wache über den Zugang zu der Anlage.

Beobachter gehen davon aus, dass die Behördenpost von Personen geöffnet wird, die dauerhaft in der "Drachenburg" leben. Sie verständigen demnach die Personen in Rumänien, falls es um Vorsprechtermine beim Amt geht. Letztere reisen dann angeblich für wenige Tage an, und sollen nach dem Amtstermin aber wieder gen Heimat verschwinden.

Auffällig ist, dass sehr viele Schilder mit rumänischen Namen an den Briefkästen der "Drachenburg" kleben, teilweise sind Namen durchgestrichen und überklebt. Beobachter gehen davon aus, dass dort bis zu 400 Menschen wohnen.

Dass in der "Drachenburg" viele Rumänen leben, bestätigt auch Peter Wellano. Dem Unternehmer und Projektentwickler gehört das Gebäude über eine seiner Gesellschaften. Der 40-Jährige kann sich nach eigenen Angaben nicht vorstellen, dass der Apartmentkomplex für Betrügereien genutzt wird. Man arbeite eng mit den Meldebehörden zusammen, sagt Wellano.

Die Kriminalpolizei ist irritiert

Die "Drachenburg" hat Wellano nach eigenen Angaben vor einigen Jahren mitsamt mehrerer Probleme übernommen. Rund zwölf Tonnen Sperrmüll seien aus dem überwiegend leer stehenden Gebäude entfernt worden. Geht es nach ihm, dann wird die "Drachenburg" demnächst kernsaniert. Er warte lediglich darauf, die endgültige Baugenehmigung in den Händen zu halten.

Derzeit hat er die "Drachenburg" an eine GmbH weitervermietet, die Inhaberin stamme aus Rumänien, auch der zuständige Hausmeister spreche Rumänisch. Die Regelungen in den Mietverträgen für die zumeist 40 bis 45 Quadratmeter großen Wohnungen im Rückgebäude seien eindeutig, so Wellano: In ihnen sei festgehalten, dass dort maximal drei Personen wohnen dürften. 35 Einheiten seien derzeit vermietet, sagt er. Dass auffällig viele Namensschilder an den Briefkästen hängen, ist auch Wellano nicht entgangen. "Das kann aber niemand unterbinden", sagt er.

Verantwortliche der Stadt sind derzeit verärgert darüber, dass die "Drachenburg" und der dort mutmaßlich praktizierte Sozialbetrug an die Medien gelangte: "Das Thema ist nicht geeignet für eine Berichterstattung", sagt Thomas Keyßner, Grünen-Politiker und zweiter Bürgermeister von Landshut. Es seien Ermittlungen geplant gewesen, für die Polizei sei es jetzt schwierig.

Werner Mendler, Chef der Kriminalpolizei Landshut, äußerte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erstaunt: Es liege derzeit keine Anzeige vor, "wir wissen nichts von Sozialbetrug in der 'Drachenburg'".


Zusammengefasst: Die Stadt Landshut ist einem mutmaßlichen Sozialbetrug in großem Stil auf der Spur: In einem sanierungsbedürftigen Apartmentkomplex sollen sich angeblich Rumänen fingierte Wohnadressen verschafft haben, um Sozialleistungen zu beziehen - offenbar leben sie aber in Rumänien und gar nicht in Deutschland.



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