Landtagswahl in Hessen "Egal, wer gewinnt - wir verlieren immer"

Roland Koch machte Wahlkampf mit einer populistischen Kampagne über junge Gewalttäter. Es war eine Diskussion über deren Köpfe hinweg, aber nicht mit ihnen. Ihr Leben bleibt auch nach dieser Wahl deprimierend, chancenlos und - vielleicht kriminell.

Von , Frankfurt am Main


Frankfurt am Main - Es gab eine Zeit, da hat der junge Kurde Bilal Roland Koch jeden Donnerstag den Eschborner Stadtspiegel in den Briefkasten geworfen. "Seine Frau ist echt korrekt", sagt der 18-Jährige. "Die ist voll freundlich und so. Aber der Koch selber geht gar nicht. Auf den sind wir echt wütend." Bilal gehört zu den Jugendlichen, auf deren Kosten der CDU-Politiker in den vergangenen Wochen Wahlkampf betrieb, für die er härtere Strafen und eine schnellere Ausweisung propagierte: Bilal ist vorbestraft, hat keine Ausbildung und ebenso wenig eine Perspektive.

Mit seinen Eltern und seinen drei jüngeren Geschwistern lebt Bilal in einer Wohnblock-Siedlung in Frankfurt-Sossenheim, einem Stadtteil mit 16.000 Einwohnern und hoher Kriminalitätsrate. Dort, wo die Toni-Sender-Straße die Robert-Dißmann-Straße kreuzt, regieren die Jugendgangs aus Türken, Kurden, Afghanen, Russen und Marokkanern. Die meisten sind polizeibekannt.

"Das ist unser Ghetto", sagt Bilal. "Wir sind die, über die ganz Deutschland die letzten Wochen diskutiert hat. Nur mit uns selbst hat keiner gesprochen. Dabei wohnt der Koch keinen Kilometer Luftlinie von hier entfernt." Tatsächlich grenzt Sossenheim an Eschborn, wo der Ministerpräsident aufwuchs und noch heute lebt.

Den heutigen Wahlabend zelebrieren die gewaltbereiten Jugendlichen wie jeden anderen Abend auch: Aus allen Richtungen der Betonhochhaus-Burgen marschieren sie auf, betont lässig, die Hände in den Hosentaschen, MP3-Player um den Hals. Ihre Streetgang-Uniform: Kapuzenpulli unter der Bomber- oder Lederjacke, eine Bauchtasche um die Jeans geschnallt, Turnschuhe. Treffpunkt ist die ramponierte Schranke direkt an der Kreuzung. Man begrüßt sich mit Handschlag und Schulterklopfer, einige mit Küsschen links und rechts. Große Klappe, großes Hallo, dicke Hose.

"Zuerst fanden wir es gut, dass man über uns redet. Man muss sich mit uns beschäftigen, wenn man nicht will, dass wir so werden, wie wir sind", sagt der 18-jährige Ömer. "Aber dann haben auch wir schnell gecheckt, das ist nur eine Hetzkampagne, und nach der Wahl interessiert sich wieder keiner dafür, wie es in den Problemvierteln aussieht." Ömers Vater, ein türkischer Mafiaboss der Frankfurter Unterwelt und Drogenhändler, saß erst fünf Jahre im Knast und wurde dann abgeschoben. Vor einem Monat ist er nach Frankfurt zurückgekehrt. Ömer selbst ist wegen Körperverletzung und versuchter Vergewaltigung vorbestraft. Außerdem hat er NPD-Plakate abmontiert. "Härtere Strafen schrecken nicht ab", sagt er nüchtern. "Wenn man Wut hat, hat man Wut."

"Aus dem Jungen wird nichts, der landet mal im Knast"

Respekt haben sie weniger vor der Polizei als vor "den Älteren", Sossenheimer Ex-Kriminelle, die auf den richtigen Weg zurückgefunden haben. Einer von ihnen: Michael "Mikel" Eich. "Ich bin Deutscher, aber durch mein Äußeres war ich immer der 'Kanake'", sagt der 27-jährige Deutsch-Afro-Amerikaner. "Ich fühlte mich immer so dazwischen, wollte mir mit Schlägereien Respekt holen." Hinzu kamen Bandenkriege mit anderen Stadtteilgangs. Ein "Was guckst du?" wurde mit Fäusten beantwortet.

Er landete im Jugendarrest, musste Arbeitsstunden leisten und ein Anti-Gewalt-Training absolvieren. "Viele Menschen hatten mich aufgegeben und gesagt: Aus dem Jungen wird nichts, der landet sowieso mal im Knast. Spezielle Einrichtungen haben mir geholfen, die Leute dort haben fest an mich geglaubt. Sie haben mich spüren lassen: 'Aus dem kann man was rausholen.'" Der Jugendarrest habe nichts bewirkt. "Das Einschließen war schlimm, aber das hat mich nicht auf den richtigen Pfad gebracht."

Mikel fand Halt im "Kosmos", einem Jugendtreff in Frankfurt-Sossenheim: Hier treffen sich an sieben Tagen in der Woche Jugendliche mit 20 verschiedenen Nationalitäten, viele von ihnen gelten als integrationsunfähig und gewalttätig. Für sie ist "Kosmos" Zuhause und Zuflucht zugleich. So war es auch für Stadtteilbotschafterin Seniye Kamek. "Gerade in den Zeiten, in denen ich nicht weiter wusste, fand ich hier Zuspruch", sagt die 24-jährige Medizinstudentin. Mikel hat eine Lehre zum Bürokaufmann abgeschlossen und lässt sich derzeit zur Fachkraft für Sozialpädagogik ausbilden. "Man muss den Migrantenkindern zeigen, dass sie was wert sind."

Neun Jahre CDU: Kürzungen im Bereich Jugendarbeit

"Wenn ich einen Ausbildungsplatz bekäme, wäre vieles leichter: Ich hätte Beschäftigung, Geld und Anerkennung", sagt Bilal, der den Realschulabschluss machte. Er hat bereits viele Absagen kassiert und jobbt gelegentlich beim Sicherheitspersonal an der Messe. Ömer hat ein Vorstellungsgespräch für eine Stelle als Straßenwärter. "Da muss ich gechillt antreten - mit Anzug und so", sagt der 18-Jährige mit Hauptschulabschluss in jenem Slang, den so viele Migrantenkinder sprechen. "Dann wäre der Tag nicht mehr so lang, und man hätte keine Zeit, Mist zu bauen."

Zeit vertreiben - ein großes Thema in Sossenheim. Zu viel Zeit bestimmt das Leben der Jugendlichen, weil es hier sonst nicht viel gibt. Sie haben zu viel davon, wissen nicht wohin damit. Sie sind sich größtenteils selbst überlassen, verarmen emotional. "In der neunjährigen Regierungszeit der CDU kennen wir nur Mittelkürzungen und Stellenstreichungen, insbesondere im Bereich der schulischen und der außerschulischen Jugend- und Sozialarbeit, des Sicherheitsdienstes und der Justiz", sagt Hüseyin Ayvaz, Leiter des Deutsch-Türkischen Jugendwerkes.

"Die Jugendzentren könnten mehr Geld gebrauchen: Dann müssten sie nicht wie meist zwischen 19 und 21 Uhr schließen. Danach lungern wir auf der Straße rum", sagt Emre, 19 Jahre altes Bandenmitglied. Wenn es kalt ist, klettert er mit seinen Kumpels in eine Tiefgarage oder drückt sich in den Ecken eines Supermarktgeländes herum. Dann wird aus Langeweile gekifft und an Rap-Texten gefeilt. Kostprobe: "Toni Sender an die Macht, wer lacht wird umgebracht. Junge, guck dich an, du bist ein Untertan. Hier kommen die Kanaken aus Sossenheim. Wir sind anormal, allzeit bereit, ready to fight, du weißt Bescheid."

Wer sich nicht artikulieren kann oder sich verbal unterlegen fühlt, schlägt zu, sagen Gewaltforscher. "Das kann gut sein", räumt Ömer ein. "Meine Eltern konnten es mir nicht beibringen: Sie können kaum Deutsch, aber sie haben auch in der Türkei nicht Schreiben oder Lesen gelernt." Solche Migrantenkinder fühlen sich oft heimatlos. "Wenn ich gefragt werde, woher ich komme – sage ich: Frankfurt. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Aber laut Pass bin ich Türke. Dort zu leben, kann ich mir nicht vorstellen. Es ist ein fremdes Land für mich."

Wie Hessen heute wählt, ist wichtig für ihn und die anderen Migrantenkinder. "Wir hoffen, dass die Wahl zeigen wird, dass man mit Hetze und Diffamierung keine Wahl gewinnen kann", sagt Hüseyin Ayvaz. "Hoffentlich wird Koch abgestraft", sagt Bilal und ballt die Faust. "Auch, wenn sich für uns ohnehin nichts ändert: Egal, wer gewinnt - wir verlieren immer."

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