Rettung nach Erdbeben in Nepal Kampf um die Hubschrauber

Das Langtang-Tal wurde beim Erdbeben in Nepal schwer getroffen, mindestens ein Dorf komplett verschüttet. Die Plätze in den ersten Rettungshubschraubern waren knapp. Augenzeugen berichten, wie Einheimische und Touristen aneinander gerieten.

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

Hubschrauber in Nepal (Archiv): Begrenzte Kapazität für Rettungsflüge
REUTERS

Hubschrauber in Nepal (Archiv): Begrenzte Kapazität für Rettungsflüge


Geschrei, Geschubse, ein Hubschrauberpilot bekommt gar eine Faust ins Gesicht: Es müssen hässliche Szenen sein, die sich am 28. April, drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben , im nepalesischen Nationalpark Langtang abspielten.

Drei Touristen, die in dem völlig zerstörten Tal gestrandet waren, hatten mit ihrem Satellitentelefon einen Rettungshubschrauber angefordert, der sie in Sicherheit fliegen sollte. Doch aufgebrachte Einheimische hängten sich an die Kufen und verhinderten den Start. Der Protest führte schließlich dazu, dass statt der Touristen verletzte Dörfler ausgeflogen wurden, darunter ein Kleinkind mit zwei gebrochenen Beinen, wie Überlebende berichten.

"Wir sagten zu den Ausländern: Ihr seid gesund. Bleibt ein oder zwei Tage länger hier und lasst unsere Verletzten zuerst raus", erzählte Lhakpa Jangpa, ein aus dem Tal evakuierter Bäcker, der Nachrichtenagentur Reuters.

Laut Jangpa sind viele Verletzte im Tal gestorben, weil sie nicht rechtzeitig gerettet werden konnten. Es seien immer wieder "starke Worte" zwischen Nepalesen und Ausländern gefallen.

Überlebender Lhakpa Jangpa, in Kathmandu (5. Mai): "Starke Worte"
REUTERS

Überlebender Lhakpa Jangpa, in Kathmandu (5. Mai): "Starke Worte"

Der Augenzeugenbericht über selbstsüchtige Touristen befeuert die Kritik, die schon kurz nach dem Beben laut geworden war. So hatte unter anderem Bergsteiger Reinhold Messner eine "Zwei-Klassen-Rettung" in Nepal angeprangert. Für die Rettungsflüge am Mount Everest war ein Großteil der ohnehin kleinen nepalesischen Hubschrauberflotte im Einsatz - und fehlte anderswo.

Auch Medienvertreter standen in der Kritik: Vor allem indische, aber auch britische und amerikanische Journalisten drängten auf Mitfluggelegenheiten in Rettungshubschraubern - obwohl sie damit wertvolle Plätze für die Evakuierung oder Leichenbergung besetzten. Die Kritik an einigen besonders skrupellosen indischen Reportern führte dazu, dass auf Twitter der von erbosten Nepalesen eingeführte Hashtag #IndianMediaGoHome Anfang dieser Woche weltweit im Trend lag.

Touristen richten Erste-Hilfe-Station ein

Die Berichte der geretteten Bewohner aus dem Langtang-Tal decken sich mit denen von Touristen. Tatsächlich habe es immer wieder Rangeleien um Hubschrauberplätze gegeben, erzählte die Kalifornierin Kathleen "Kat" Heldman einem Lokalsender in ihrer Heimatstadt San Diego. Bei einem der Handgemenge sei ein Pilot geschlagen worden, was die Evakuierung weiter verzögert habe, weil andere Piloten sich zurückgezogen hätten.

Umgeben von immer wieder bebenden Bergen, bedroht von immer neuen Lawinen und Bergstürzen, seien bei einigen Ausländern die Sicherungen durchgebrannt, sagte Heldman. Sie und Kevin Krogh waren Teil einer Gruppe von Überlebenden, die im Küchenzelt ihrer Expedition eine Erste-Hilfe-Station für einheimische wie ausländische Opfer einrichteten. Eine Krankenschwester unter den Kletterern versorgte die schlimmsten Verletzungen. Die meisten Touristen hätten ihr Proviant mit den Einheimischen geteilt. Erst am Mittwoch nach dem Beben ließen Heldman und ihre Gruppe sich evakuieren.

Ein Dorf, ausgelöscht

Eine Schlammlawine verschüttete das Dorf Langtang (Bild vom 28. April)
AP/Medecins Sans Frontieres

Eine Schlammlawine verschüttete das Dorf Langtang (Bild vom 28. April)

Die Bergungsarbeiten im Schatten des mehr als 7200 Meter hohen Langtang Lirung gehen unterdessen nur äußerst langsam voran. Bis Donnerstag wurden 300 Überlebende aus dem Gebiet des Nationalparks gerettet.

Der für die Rettung in dem Distrikt zuständige Beamte, Gautam Rimal, beschrieb am Donnerstag die grauenhaften Zustände im Dorf Langtang. "In dem Bereich liegen Leichenteile, abgerissene Gliedmaßen und Gewebefetzen verstreut."

Das Dorf war bis zum Beben Heimat von rund 400 Menschen. In malerischer Kulisse boten mehr als 50 Gästehäuser Wanderern Unterschlupf. Eine Lawine machte Langtang dem Erdboden gleich. Bis zu 300 Tote, davon bis zu 110 Ausländer, könnten unter den Trümmern des Dorfes begraben sein.

Bei dem Beben kamen nach Angaben der nepalesischen Regierung insgesamt mehr als 7900 Menschen ums Leben. Fast eine halbe Million Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt.

Die Vereinten Nationen beklagen die geringe Spendenbereitschaft. Nur 6,5 Prozent der benötigten Geldern für Uno-Hilfsorganisationen seien bislang eingegangen, teilte das Uno-Büro für Katastrophenhilfe (Ocha) am Freitag via Twitter mit. Man benötige dringend etwa 356 Millionen Euro.

Rettungskräfte im völlig zerstörten Langtang: 300 Tote befürchtet
DPA/Prabin Pokhrel/Nepal Police

Rettungskräfte im völlig zerstörten Langtang: 300 Tote befürchtet

Mit Material von Reuters

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Seite 1
Ker Stin 09.05.2015
1. In Extremsituation reagieren Menschen individuell unterschiedlich
....das ist psychisch gesteuert, je nach Veranlagung. Es lässt sich hier leicht von außen be-(ver-)urteilen! Die Menschen vor Ort haben dramatisches erlebt, haben Menschen sterben sehen, ggf. Freunde/ Bekannte/ Angehörige verloren. Nicht jeder wird da zum "Helden" und stellt das Leben anderer über das eigene. Selbst Reinhold Messner hat sich in einem Interview einst ähnlich geäussert, als es um Rettungsaktionen beim Bergsteigen ging.
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