Foto-Reportage zu Rollenspielen Unterwegs mit Mutantenjägern

Rollenspieler verwandeln sich mit großem Aufwand in Orks, Mutanten oder Ritter. Der Fotograf Boris Leist hat lange in der Szene recherchiert. Seine Bilder zeigen die Magie fremder Welten.

Boris Leist

Ein Interview von Lisa Srikiow


Zur Person
  • Jakob Wagner
    Boris Leist, geboren 1978, studierte Germanistik und Soziologie in Düsseldorf. Mit Mitte 20 entdeckte er seine Leidenschaft für die Fotografie. Den Beruf lernte er nach eigenen Angaben "durch Probieren und gute Fotografen, denen ich die Jahre über assistiert habe".

SPIEGEL ONLINE: Sie haben während der vergangenen drei Jahre viel Zeit mit Vampiren, Piraten und anderen Rollenspielern verbracht. Bei wem fühlten Sie sich am wohlsten?

Boris Leist: Die Endzeit-Spiele gefielen mir besonders gut. Sie ähneln dem Film "Mad Max" und kommen unserer Realität am nächsten. Beeindruckt haben mich jedoch alle Rollenspieler. Allein für ihre Kostüme betreiben sie einen großen Aufwand. Der erste Teilnehmer, den ich traf, hat sogar einen Schmiedekurs besucht, um die Metallteile für seine Gewandung - so nennen die Spieler ihr Kostüm - selbst herzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee für dieses Projekt gekommen?

Leist: Alles fing mit diesem ersten Spieler an, den ich über einen Kollegen kennengelernt hatte. Er stellte einen Zwerg dar. Je mehr er mir von den Spielen und den verschiedenen Rollen erzählte, desto mehr packte mich diese Szene. Besonders faszinierte mich die Beziehung zwischen dem Spieler und seiner Figur.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Fotostrecke

19  Bilder
Rollenspieler: Orks und Ordensschwestern

Leist: Die Teilnehmer entwerfen nicht nur Kleidung und Maske, sondern denken sich auch eine Hintergrundgeschichte zu ihrer Figur aus. Außerdem entwickeln sie ihren Charakter mit jedem Spiel weiter. Oft begleitet er sie über viele Jahre. Allerdings kann es passieren, dass die Figur bei einem LARP (Live Action Role Play, die Redaktion) stirbt oder getötet wird. Dann gibt es kein Zurück mehr, der Spieler muss sich einen neuen Charakter überlegen. Aus diesem Grund reisen viele Teilnehmer mit mehreren Charakteren zum Spiel an. Falls ihre Figur stirbt, können sie noch in eine andere Rolle schlüpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie eher den Charakter oder den Spieler porträtieren?

Leist: In erster Linie ging es mir um den Charakter. Bei der Motivsuche kam dann die Optik immer zuerst. Ich wollte diese fremde Welt jedoch nicht in aller Perfektion zeigen. Der Betrachter soll vielmehr die Verbindung zwischen dem Spieler und seinem Charakter erkennen. Ich mag es sehr, wenn man den Spieler hinter der Figur noch spüren kann.

SPIEGEL ONLINE: War es schwierig, Zugang zu dieser Szene zu bekommen?

Leist: Ich habe tatsächlich viel Zeit investiert, um das Vertrauen der Spieler und Veranstalter zu gewinnen. Während des LARPs bin ich als Fotograf schließlich nur ein störendes Element, das den Spielfluss unterbricht, um Bilder zu machen. Außerdem gehören Kameras nicht zur Realität eines Fantasy-, Western- oder Piraten-Spiels. Das wird nicht gern gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnten Sie die Spieler von Ihrer Idee überzeugen?

Leist: Ich habe viele Veranstalter angeschrieben, irgendwann durfte ich dann die erste kleine Convention besuchen. So konnte ich nach und nach Kontakte knüpfen. Bei dem großen Fantasy-Spiel "Epic Empires" hat es nach der dritten Anfrage geklappt. Übrigens musste ich mich ebenfalls kostümieren, das war bei jeder Veranstaltung Voraussetzung. Bei einer Kölner Film- und Theaterausstattung habe ich mir deshalb extra passende Kostüme ausgeliehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Spieler investieren viel Zeit und Geld. Wer steckt hinter den Kostümen?

Leist: Das ist ein Querschnitt durch unsere Gesellschaft. Ich habe bei meiner Arbeit Anwälte, Lehrer, Kfz-Mechaniker getroffen. Sie alle eint ihre Leidenschaft für die Schauspielerei und für das jeweilige Genre. Das wollen sie nicht nur durch Filme, Bücher oder Computerspiele erfahren, sondern in die Tat umsetzen. Mittlerweile gibt es bei den Spielen kaum noch feste Regeln, es geht mehr in Richtung Improvisationstheater. Es gibt dieses Motto: "Du bist, was du vermagst, darzustellen". Wenn ein Teilnehmer seine Mitspieler davon überzeugt, dass seine Figur magische Kräfte hat, dann hat er selbst sie eben auch.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie vor Ort mit den Spielern gearbeitet?

Leist: Sobald ein interessanter Spieler weniger in die Handlung involviert war, habe ich ihn angesprochen. Es brauchte Fingerspitzengefühl, um die richtigen Momente zu erwischen. Das Spiel hat immer Priorität. Aber viele Rollenspieler kamen auch auf mich zu, als sie gesehen haben, dass ich fotografiere. Irgendwo wollten sie Ihren Charakter doch gern präsentieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie agierten die Spieler vor der Kamera?

Leist: Es war beeindruckend, wie gut sie ihre Figur rüberbringen: ganz subtil, mit kleinen, aber perfekt sitzenden Gesten. Wenn man mal bei einem Spiel dabei war, verabschiedet man sich schnell von dem Gedanken, alles sei gestellt und unecht. Wenn man mit einer Armee von Orks mitläuft, lässt das niemanden kalt.

Das Interview führte Lisa Srikiow für das Fotoportal Seen.by.



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Seite 1
hockeyer12 15.05.2017
1. LARP (Life Rollenspiel)
..ist aus dem Pen and Paper Rollenspiel entstanden. Spieler wollten ihre Charakteren dann irgendwann mal in "Echt" ausführen. Von der Immersion (dem Eintauchen in die Spielwelt) kann das natürlich deutlich intensiver sein. Ich selber spiele ebenfalls schon lange Rollenspiel und es macht wirklich viel Spass.
Atheist_Crusader 15.05.2017
2.
Zitat von hockeyer12..ist aus dem Pen and Paper Rollenspiel entstanden. Spieler wollten ihre Charakteren dann irgendwann mal in "Echt" ausführen. Von der Immersion (dem Eintauchen in die Spielwelt) kann das natürlich deutlich intensiver sein. Ich selber spiele ebenfalls schon lange Rollenspiel und es macht wirklich viel Spass.
Der Nachteil dabei ist aber, dass die Immersion mit dem Rest der Welt nicht ganz so toll klappt weil die Requisiten doch sehr begrenzt sind. Alles muss geplant und vorbereitet sein, man kann als Spielleiter nicht mal eben einen NSC aus dem Hut zaubern oder spontan eine coole Location erfinden. Und die Spieler sind bei der Charakterwahl noch mehr auf das beschränkt was sie selbst darstellen und sein können. Wer 150 Kg wiegt, dem nimmt man die grazile Elfenprinzessin nicht wirklich ab. Unterm Strich ist es aber weder besser noch schlechter als P&P. Nur eine Geschmacksfrage.
Olli 100 15.05.2017
3.
Das Endzeit Rollenspiel FATE, auf dem viele Bilder dieser Spiegel-Gallerie aufgenommen wurden, ist wirklich großartig. Bei Endzeit Rollenspiel ist weniger "telling" nötig. Denn anders als bei Fantasy Rollenspielen gibt es keine Magie, deren Effekte natürlich immer "erzählt" werden müssen. Auch finde ich Endzeit Rollenspiel als Soziologe gerade aus kulturellen Aspekten hochspannend. Denn man kann sich auf die "Vergangenheit" vor dem Atomkrieg beziehen und die Geschichte oder Gegenstände daraus im neuen Kontext anders interpretieren. Bei der FATE sind über die Jahre einige Bands entstanden, deren Lieder von Spielinhalten handeln und die teilweise im Spiel richtige "Rockstars" (mit allen Allüren) sind. Die Band MegaBosch hat es außerhalb des Spiels sogar bis nach Wacken geschafft: http://megabosch.de/video.html Wer weitere stimmungsvolle Bilder aus Live Rollenspiel Welten sehen will, dem kann ich die Bilder von Moritz Jendral ans Herz legen: http://moritz-jendral.de/larp-portfolio/ Ich selbst war bei den letzten FATEs auch mit der Kamera unterwegs: https://www.flickr.com/photos/tausend/collections/72157681944331210/
Gabdevue 15.05.2017
4. Begeistert!
Ich bin nur noch sporadischer Pen&Paper-Spieler und habe mich sehr über diese vielseitigen Figuren gefreut - verschiedene Genres und so aufwändig und interessant. Hab tatsächlich richtig Lust bekommen, die Geschichten um diese Leute zu erfahren. Larp war nie was für mich, weil die Illusion zu schnell zerbricht - wenn man einen Werwolf spielt oder allein schon eine Figur, die Fähigkeiten hat, die man selbst nicht besitzt... Wir haben für unsere Runden zumindest versucht, tolle Locations und passende Musik zu finden - aber da hörte es dann leider schon auf. Ist ein tolles, phantasievolles Hobby und die Fotos machen richtig Lust drauf. Danke für das Interview und die Bilderserie!
t.theodor 15.05.2017
5. Menschen mit einem Zuviel an Tagesfreizeit
Mein Eindruck (Ende des vergangenen Jahrtausends) war, es handelt sich bei den Rollenspielern A. um Menschen mit einem zu viel an Tagesfreizeit und/oder B. um Menschen, die im richtigen Leben nichts auf die Reihe kriegen. Die Mutter meiner Tochter und ihr Umfeld sahen zu mindestens so aus. Der Vorzeige-Rechtsanwalt und Co. mögen dabei einen Ausreißer darstellen. Trotzdem, wer sich im richtigen Leben wirklich abstrampelt, braucht so etwas nicht. Im Umkehrschluss frage ich mich, was wäre, wenn der Rollenspieler die gleiche Energie in seinem Real-Life aufbringen würde ...?
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